Ein altes AKW ist ein Risiko für New York

Indian Point ist eines der ältesten Atomkraftwerke der USA. Es liegt ausserhalb New Yorks – und soll nicht erdbebensicher sein.

Zehntausende Kilo hoch radioaktives Material: Das älteste Atomkraftwerk Indian Point liegt gut 50 Kilometer nördlich von Manhattan.

Zehntausende Kilo hoch radioaktives Material: Das älteste Atomkraftwerk Indian Point liegt gut 50 Kilometer nördlich von Manhattan. Bild: AFP

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«Kernschmelze!» Mit diesem Alarmschrei begann Amanda Petrusichs liebstes Kinderspiel. «Darauf kollabierten meine Schwester und ich zu kichernden Haufen auf dem kalten Küchenboden», schreibt die Autorin in der «New York Times». Petrusich wuchs in Buchanan auf, einem Dorf im Staate New York, das wohl kaum einer kennen würde, stünde dort nicht das Atomkraftwerk Indian Point. Zwei bald 40-jährige Druckwasserreaktoren, ein weiterer stillgelegter Reaktor sowie deren nuklearer Abfall der vergangenen Jahrzehnte befinden sich auf dem Gelände – einige Zehntausend Kilo hoch radioaktives Material. Und das alles rund 56 Kilometer nördlich vom Zentrum der Millionenmetropole New York.

Das schaurige Spiel der Kinder von Buchanan ist in Fukushima bitterer Ernst geworden. Seit der Kernschmelze in Japan ist den New Yorkern bewusster geworden, welche möglichen Gefahren von Indian Point ausgehen. «Indian Point ist zu alt, zu nah an zu vielen Menschen, zu anfällig für Feuer, Erdbeben, terroristische Attacken und eine Menge weiterer Desaster», sagt Robert Kennedy Junior, der als Anwalt für Riverkeeper sowie das Natural Resources Defense Council arbeitet. Das Katastrophenpotenzial von Indian Point sei zehn- bis hundertmal grösser als dasjenige von Fukushima, heisst es in einem Mitte Oktober veröffentlichten Bericht der beiden Umweltorganisationen.

Erdbebengefahr unterschätzt

Der junge Kennedy gehört zu den prominentesten Gegnern von Indian Point. Neben ihm kämpfen auch New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo, New Yorks Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman sowie zahlreiche Umweltschützer und Atomkraftgegner mit zunehmender Vehemenz für die baldige Stilllegung von Indian Point.

Zusätzlichen Auftrieb gibt den Kritikern das starke Erdbeben von Ende August, das die Ostküste mit einer historischen Rekordstärke von 5,8 auf der Richterskala erschütterte. Eine nun wieder hochaktuelle Studie von Wissenschaftern der Columbia Universität warnt bereits seit 2008 davor, dass das Erdbebenpotenzial der Region bis anhin unterschätzt worden sei. Ein komplexes Zusammenspiel von teils neu entdeckten Störungszonen könnte laut den Forschern Beben im schlimmsten, aber seltenen Fall bis zu Stärke 7 hervorrufen. Das AKW Indian Point liege überdies just auf einem Gebiet, unter dem sich im Erdinnern Bruchlinien kreuzten. Damit hatte man in den 70er-Jahren, beim Bau der Meiler, nicht gerechnet.

Fehler werden «routinemässig» übersehen

«Die Indian-Point-Reaktoren sind nicht genügend gegen Erdbeben gesichert und gehören dringend überholt», sagt der Atomenergie-Ingenieur David Lochbaum vom Verband kritischer Wissenschaftler. So stünden beispielsweise die Reservegeneratoren nicht in erdbebensicheren Gebäuden. Noch mehr ärgert den Atomexperten, dass eine Einrichtung, die Lecks nach einem Erdbeben verhindern soll, bereits jetzt leck sei. Und das schon seit vielen Jahren. Der amerikanischen Atomaufsichtsbehörde NRC gelinge es nicht, den AKW-Betreiber Entergy dazu zu bringen, die Schäden zu beheben. Im Falle eines Bebens könnte diese Nachlässigkeit katastrophale Folgen haben. «Wir verlangen keine zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen, wir verlangen lediglich, dass die Aufsichtsbehörde ihre eigenen Vorschriften durchsetzt», sagt Lochbaum. Das sei zu häufig nicht der Fall.

Und warum tut es die NRC nicht? Lochbaum weiss darauf keine Antwort. In anderen Fällen habe die Behörde hart durchgegriffen – und damit auch schon schwere Unfälle verhindert. Andere Kritiker werfen der Behörde zu viel Nähe zur Industrie vor. «Das Portemonnaie der Nuklearindustrie liegt der NRC näher als die Gesundheit der Bürger», sagt Ira Helfand, Vorstandsmitglied beim amerikanischen Ableger der Ärzte für soziale Verantwortung und die Verhütung eines Atomkriegs. Die Behörden würden «routinemässig» Fehler übersehen.

Unvorstellbare Evakuation

Den in Japan ansässigen US-Bürgern empfahl die Behörde einen Sicherheitsabstand von 50 Meilen rund um das havarierte Fukushima. «Da hat sie für einmal die Wahrheit gesprochen», sagt Helfand. Würde dieselbe Zonenregel auch für Indian Point angewendet, so müssten im Katastrophenfall rund 18 Millionen Menschen evakuiert werden; sämtliche Stadtteile New Yorks, mit Ausnahme von Staten Island, wären mitbetroffen. Ein kaum vorstellbares Szenario. Es braucht sich auch niemand den Kopf darüber zu zerbrechen: In Indian Point müssen nur Evakuierungspläne für eine 10-Meilen-Zone vorliegen. «Eine willkürliche Zahl», sagt Helfand, «doch hätte man die Zone weiter gefasst, so hätte dieses AKW gar nie gebaut werden können.»

«Im Schatten von was, wenn», heisst Autorin Petrusichs Artikel über ihre Kindheit im Schatten der Kuppeln von Indian Point. Sie fragt sich, ob der Schilddrüsenkrebs ihrer Tante mit dem AKW zu tun haben könnte. Anderen unmittelbaren Anwohnern liegen solche Sorgen fern. So mancher verdient seinen Lebensunterhalt im Werk. Mit einem Lachen beantwortet Joe Margiotta die Frage, ob er Angst vor dem AKW habe. «Wie viele Menschen sind in Japan wegen des Erdbebens gestorben und wie viele wegen des AKW?», fragt er zurück. «Die gleichen Leute, die sich jetzt über das AKW beklagen, würden nach dessen Abstellung über zu wenig Strom jammern», sagt Margiotta. «Und was sind die Alternativen? Gas? Kohle?»

Jerry Nappi, Sprecher des AKW-Betreibers Entergy, betont, wie gut erhalten und geschützt Indian Point sei. Mit Beton und Stahl, mit vier Back-up-Generatoren an unterschiedlichen Standorten, mit einer weiteren Dampf betriebenen Pumpe. Nach den Terrorattacken von 9/11 seien 145 Millionen Dollar in zusätzliche Sicherheitsmassnahmen gesteckt worden. Hinzu kämen Katastrophenübungen, alle sechs Wochen. «Es war schon zuvor ein sicheres AKW, jetzt ist es noch sicherer», sagt Nappi. Zwar sei Indian Point in Hinsicht auf ein Erdbeben mit der Maximalstärke 6 erbaut worden, «doch unsere Ingenieure gehen davon aus, dass es auch ein Erdbeben von über 7 aushält.»

Keine Alternativen?

Indian Point steht jetzt vor einer Nagelprobe. Nach 40 Jahren laufen die Betriebsgenehmigungen in den nächsten Jahren aus. Entergy hat eine Verlängerung um weitere 20 Jahre beantragt. Die Aufsichtsbehörde NRC soll bis Anfang nächsten Jahres darüber entscheiden. «Wir investieren Tausende Stunden in die Kontrolle der AKW», sagt NRC-Sprecherin Diane Screnci. Erst wenn die NRC ein AKW für absolut sicher halte, dürfe es weiterlaufen. Die NRC sei nicht mit der Industrie verbandelt, wehrt sie sich gegen solche Vorwürfe. Neuste Auswertungen der Fukushima-Katastrophen würden dabei berücksichtigt. Und durch das Leck in Indian Point könne nichts nach draussen gelangen, es sei ein geringfügiges Problem, an dem noch gearbeitet werde.

Die Stadt New York und der angrenzende Bezirk Westchester beziehen bis zu 30 Prozent ihres Stroms von Indian Point. Bis auf Weiteres seien nicht genügend Alternativen in Sicht, lautet das Resultat einer von der Stadt in Auftrag gegebenen Studie. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg steht deshalb hinter Indian Point.

Die Studie der Umweltorganisationen kommt jedoch zum gegenteiligen Schluss: Der Indian-Point-Strom könne rechtzeitig durch sauberere, sicherere Energie ersetzt werden, lautet deren Fazit. «Die Stromkosten könnten steigen, doch die Frage muss doch lauten: Können wir uns das Risiko leisten, Indian Point nicht zu schliessen?», fragt Helfand. Es brauche nicht einmal ein Erdbeben: «Gefährlich sind immer die Probleme, die wir nicht voraussehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2012, 17:19 Uhr

(Bild: TA-Grafik mrue)

US-Atompläne

Die USA verfügen über 104 Atomreaktoren. Damit stehen sie an der Spitze der welt­weiten Rangliste. Für die Entsorgung des nuklearen Abfalls gibt es bis anhin keine nationale Lösung. Bisher hat die USA kein Endlager geplant. Lange waren die Yucca Mountains
in Nevada als Endlagerstandort vorgesehen. Dafür wurden 10 Milliarden Dollar Forschungs­gelder investiert. 2009 hat US-Präsident Barack Obama das Projekt sistiert: Es gab Bedenken, ob die Geologie für ein Endlager geeignet ist. Zudem war der politische Widerstand zu gross. Die AKW-Betreiber lagern heute ihren radioaktiven Abfall auf dem Gelände des Atomkraftwerks. Erst in Wasserbecken zum Abkühlen, später in Trocken­lagern, die als sicherer gelten.

Anders als in der Schweiz und Deutschland hat die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima wenig am AKW-freundlichen Kurs der amerikanischen Regierung geändert. Bei den Bürgern ist die Skepsis gemäss Umfragen allerdings gewachsen, aber die Anti-AKW-Bewegung ist im Vergleich zu Europa schwach. Die seit Jahren beschworene «Renaissance» der Atomenergie in den USA will trotzdem nicht in Schwung kommen. Verschiedene Bauprojekte für neue Kraftwerke wurden sistiert. Weniger wegen der Risiken, mehr aufgrund zu hoher Baukosten, von Lieferengpässen sowie mangelnder Fach­kräfte. Atomenergie aus neuen AKW rechnet sich heute nicht. Umso länger sollen dafür die alten Reaktoren weiterlaufen. Bereits rund zwei Drittel der US-Kraftwerke haben eine Laufzeitverlängerung erhalten.

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