«Eine Art Technorama der Dialektforschung»

Forscher der Uni Zürich haben eine App entwickelt, die Schweizer Dialekte erkennt und Stimmen analysiert. Sie solle unterhalten, liefere aber auch wertvolle Daten – etwa für die Polizei, sagt Projektleiter Adrian Leemann.

Sprachanalyse und Dialekterkennung: Screenshots der App Voice-Äpp. Bilder: Universität Zürich

Sprachanalyse und Dialekterkennung: Screenshots der App Voice-Äpp. Bilder: Universität Zürich

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Wir können menschliche Stimmen innerhalb weniger Sekunden einer bestimmten Person zuordnen – sogar über das Telefon. Jede Stimme zeichnet sich durch ihre individuelle Tonhöhe, Klangfarbe und Sprechweise aus. Worin die Eigenheiten unserer eigenen Stimme bestehen, lässt sich nun mit einer neuen Smartphone-App analysieren. Das Produkt mit Namen Voice-Äpp haben Linguisten der Universität Zürich entwickelt. Neben Stimmen analysieren kann die App auch Schweizer Dialekte erkennen.

Herr Leemann, die neue Voice-Äpp basiert teilweise auf der Dialäkt-Äpp, mit der Sie die Unterschiede zwischen Schweizer Dialekten untersucht haben. Welche Erkenntnisse hat die Dialäkt-App geliefert?
Besonders erstaunt hat uns, dass schon beim Nachsprechen einzelner Wörter deutliche Unterschiede in der Sprechgeschwindigkeit zwischen den Dialekten sichtbar sind. Ganz dem Klischee entsprechend sprechen Berner die Wörter langsamer als Zürcher. Hochgerechnet bringen Zürcher in einer Minute Sprechzeit ein paar Sätze mehr unter als Berner. Ein weiterer Befund war, dass sich einige Merkmale beliebter Dialekte über die Jahrzehnte ausgebreitet haben, so die Aussprache des Konsonanten L als U im Berner Dialekt, zum Beispiel im Wort «Milch».

Die neue App analysiert Stimmen und Dialekte. Ist sie eher Spielerei oder Forschungsmittel?
Die Voice-Äpp dient nicht in erster Linie dem Datensammeln, sondern dazu, linguistische Forschung für ein breites Publikum erlebbar zu machen. Ein Dialektpanorama zeigt beispielsweise, wie Wörter in anderen Regionen ausgesprochen werden. Man hält das Smartphone in die Höhe und sieht, in welchen Nachbarortschaften wie gesprochen wird. So sensibilisieren wir die Benutzer für die spannenden Unterschiede im Schweizerdeutschen. Die App ist also eine Art Technorama der Dialektforschung.

Gibt es trotzdem auch einen Forschungsnutzen?
Durch die Sprachaufnahmen der Nutzer erhalten wir einen Korpus des Schweizerdeutschen von bisher beispielloser Grösse. Mit den Daten könnten Analysen zwischen einzelnen Dialektregionen, Alters- oder Geschlechtergruppen gemacht werden. Unsere theoretischen Erkenntnisse könnten auch für gerichtliche Ermittlungen interessant sein. Stimmen von Erpresseranrufen werden zum Beispiel oft auf ihre Eigenheiten hin analysiert. Um Rückschlüsse auf potenzielle Täter zu ziehen, benötigen die Experten Angaben über die Verteilung sprachlicher Merkmale in der Bevölkerung.

Für die Stimmanalyse müssen Nutzer einen Satz in ihrem Dialekt aussprechen. Ist das nicht etwas wenig, um einen Korpus des Schweizerdeutschen zu erhalten?
Wir hätten gerne mehr Text aufgenommen, wollen aber die Nutzer nicht vergraulen. Diese sollen möglichst schnell zu sichtbaren Ergebnissen kommen. Auch mit vergleichsweise wenig Text können wir bei so vielen Nutzern trotzdem interessante neue Dialektkarten erstellen und Signalanalysen durchführen.

Wie erkennt die App einen bestimmten Schweizer Dialekt?
Der Sprachalgorithmus, der die Dialekte erkennt, wurde auf Basis der Sprachaufnahmen, die die alte App geliefert hat, programmiert. Er analysiert das Spektrogramm jedes Wortes, also die Zusammensetzung der Frequenzen im zeitlichen Verlauf. So sieht das Spektrogramm vom Berner «lüpfe» anders aus als jenes vom Zürcher «lupfe». Aufgrund dieser Unterschiede im Signal werden die Wörter erkannt.

Immer mehr elektronische Geräte können sprachgesteuert werden. Mit Schweizerdeutsch haben sie allerdings Mühe. Könnte Ihre Forschung als Grundlage einer schweizerdeutschen Sprachsteuerung dienen?
Automatische Spracherkenner versuchen dialektale Unterschiede normalerweise auszumerzen. Ob nun jemand «schniie» oder «schneie» sagt, wäre in solchen Fällen nicht von Interesse – da lediglich das Standarddeutsche «schneien» erkannt werden soll. In diesem Sinne ist unser Erkenner, der dialektale Unterschiede feststellt, Neuland. Unser Algorithmus erkennt gegenwärtig ungefähr 140 Wörter. Eine intelligente Spracherkennung und -steuerung basiert jedoch auf der Erkennung von Lauten, die vom Programm in Wörter kodiert werden. Unser Datensatz könnte durchaus als Basis für schweizerdeutsche Spracherkennung dienen. Jedoch müsste er um ein Vielfaches erweitert werden. Dies könnten wir uns gut als interessantes zukünftiges Projekt vorstellen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.01.2015, 11:08 Uhr

Der gebürtige Schweizer Dr. Adrian Leemann arbeitet derzeit als Sprachwissenschaftler am Department of Theoretical and Applied Linguistics der Universität Cambridge. Zuvor leitete er am Phonetischen Laboratorium der Universität Zürich die Entwicklung der Voice-Äpp. Foto: zvg

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