Reportage

Eine Kaverne wie gemacht für James Bond

Tief im Berg, ganz hinten im Glarnerland, baut die Axpo für 2,1 Milliarden ihr neues Pumpspeicherwerk Linthal 2015. Die riesige Maschinenkaverne würde sich perfekt als Drehort für einen Actionfilm eignen.

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Das gibt es selten: dass man neben einem Konzernchef auf der Ladebrücke eines Geländewagens sitzt, durch einen schwach beleuchteten, endlos langen Stollen rüttelt und irgendwann bei der philosophischen Frage landet, wie und warum der Strom denn eigentlich aus der Steckdose kommt.

Axpo-Chef Heinz Karrer hatte ein Dutzend Medienleute auf eine Exkursion in die Glarner Berge eingeladen, wo die Arbeiten am neuen Pumpspeicherwerk ins fünfte Jahr gehen. Die zuerst sachliche, dann muntere Konversation verkürzt die Fahrt von der Seilbahn­station Kalktrittli tief ins Bergesinnere auf angenehme Weise. Umso knalliger dann der Effekt urplötzlich in der gigantischen Maschinenkaverne steht, dem Herzstück der komplexen Anlage.

«Wie in einem James-Bond-Film» – dieser Gedanke durchzuckt einen angesichts der riesigen Zentrale, die in den Fels gesprengt wurde und grösser ist als die Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Von unserem Aussichtspunkt in 35 Meter Höhe geht der schwindelerregende Blick hinunter auf die Bodenplatte, wo Arbeiter erste Maschinenteile montieren. Ein Netz, im hinteren Teil quer über den Abgrund gespannt, soll andere Arbeiter, die in 50 Meter Höhe zugange sind, vor tödlichen Stürzen schützen. 178'000 Kubikmeter Fels sind aus dem Berg gebrochen worden, mit 80'000 Kubikmetern Beton – so viel wie für 700 Einfamilienhäuser – hat man anschliessend die Fundamente für die Maschinen­gruppen und Aufbauten gegossen.

Vier tödliche Unfälle

Gianni Soldato ist der Sicherheitsbeauftragte des Gesamtprojekts. «Linthal 2015 ist die Königsdisziplin», sagt er. Der komplexe Bau stelle hohe Anforderungen an die Sicherheitsmassnahmen. Das sei nicht zu vergleichen mit anderen Grossprojekten wie der Neat oder dem Lötschbergtunnel. Trotzdem sind bislang vier Arbeiter ums Leben gekommen. Einer starb, als eine Seilbahn­gondel mit einem Baukran kollidierte, einer wurde von einem Werkteil erschlagen, das sich löste, zwei weitere liessen ihr Leben bei einem Unfall mit einem Lastwagen im Stollen.

Rund 20 Nationalitäten sind in den Mannschaften vertreten, oft Gruppen, die zusammen von Bauprojekt zu Bauprojekt ziehen. Die Mehrzahl stellen die  traditionellen «Untertag-Bauländer»­ ­Italien, Österreich und die Schweiz. Es sind aber auch Portugiesen, Spanier, Deutsche und Slowaken da. Sie arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr. Auf sechs bis acht harte Tage folgen vier Tage Freizeit am Stück. Einige fahren nach Hause, andere bleiben im grossen Camp in Tierfehd oder im kleineren auf 2500 Meter Höhe oben auf der Mutten­alp.

Nicht ganz so spektakulär wie in der Kaverne, aber ebenfalls aufregend ist der nächste Halt nach einer weiteren Fahrt durch das Stollensystem. Wäre der Limmernsee nicht abgesenkt, sondern normal gefüllt, stünden wir jetzt 80 Meter unter der Wasseroberfläche. Vor uns klafft das Portal, durch welches künftig das Druckwasser in den See abfliessen wird, nachdem es die Turbinen angetrieben hat. «Beim umgekehrten Vorgang, wenn Wasser vom Limmernsee in den höher gelegenen Muttsee gepumpt wird, fliesst pro Sekunde so viel Wasser durch die Unterwasserstollen in die Kaverne zurück, wie die Limmat bei Baden pro Sekunde führt», veranschaulicht Rolf ­Mathis, Leiter der Sparte Hydroenergie von Axpo, die Dimensionen.

Später sagt Mathis, er sei den Bauarbeiten gedanklich immer um zwei Jahre voraus. Derzeit befasse er sich mit dem Rückbau der Anlagen. Dann müssen alle Maschinen mit den Seilbahnen wieder zu Tal gebracht werden, die äusseren Baustellen werden renaturiert, nicht mehr benötigte Stollen mit Toren verschlossen. Im Gespräch bekommt man einen Eindruck, wie umfassend ein solches Riesenprojekt organisiert werden muss. Ein Beispiel: Wenn eine Firma Material auf den Berg bringen will, muss sie den Transport eine Woche im Voraus anmelden und die Fuhre 24 Stunden vorher bei der Talstation deponieren. Man kann sich keine Verspätungen leisten – alle Ressourcen sind bis ins Letzte verplant.

Oben auf der Muttenalp graupelt es bei empfindlicher Kälte, aber noch lässt der grosse Schnee auf sich warten. Der Baustellenchef sagt, man habe bei den Betonierarbeiten zwei Wochen Vorsprung auf die Marschtabelle und hoffe, noch bis Anfang November in diesem Tempo weitermachen zu können.

Die Staumauer sieht aus wie die untere Zahnreihe eines Eishockeyspielers – immer wieder mal eine Lücke. Es werden 68 Blöcke à 15 Meter Länge mit einer maximalen Höhe von 35 Metern gegossen. Armierungseisen sind nicht nötig, die Mauer hält dem Wasserdruck mit ihrem Eigengewicht stand. Die einzelnen Blöcke sind bis zu 45'000 Tonnen schwer und geben an der Krone nur um vier Zentimeter nach, wenn der Muttsee gefüllt ist und mit aller Kraft dagegendrückt.

Was wir nicht zu sehen bekommen sind die Männer, die einen der wichtigsten und anstrengendsten Jobs machen. Sie kleiden die steilen Druckschächte, die in die Kaverne hinunterführen, mit Stahlrohren aus, um sie gegen den immensen Druck des in die Tiefe schiessenden Wassers zu panzern. Die Rohre von 420 Zentimeter Durchmesser werden im Tal aus dicken Stahlplatten rundgewalzt, verschweisst und mit den Seilbahnen auf den Berg gebracht, insgesamt 830 Stück. Vor Ort werden immer drei Teile zu 9 Meter langen Rohren verschweisst, ehe man sie im Stollen in die Tiefe «abseilt». Bei Lufttemperaturen von über 40 Grad schweissen Spezialisten Teil an Teil und arbeiten sich so sukzessive zurück in die Höhe, wobei jede Naht doppelt durchleuchtet und geprüft wird. Risse hätten im Betrieb eine verheerende Wirkung.

Am Berg kehrt Ruhe ein

Die Talfahrt mit der kleineren Seilbahn vom Kalktrittli eröffnet einen bombastischen Ausblick auf den Werk- und Installationsplatz in Tierfehd, mittendrin das Hotel Tödi, das die Axpo kurzerhand gekauft hat. An den dicken Seilen der grossen Transportbahn kommt einem ein Ungetüm entgegen: An schweren Eisenteilen hängt ein Silo, gefüllt mit Zement für die Stauseebaustelle. Die Transportbahnen hat die Garaventa konstruiert. Sie sind 20 Stunden pro Tag im Einsatz und haben bislang in 208'000 Fahrten 2,6 Millionen Tonnen Material und 859'000 Personen transportiert. Spektakuläre Fotos zeigen, wie ein sechsrädriger, schwerer Pneukran von Toggenburger wie ein Spielzeugauto Richtung Himmel schwebt.

Wenn die Arbeiten beendet und die Seilbahnen abgebaut sind, bekommen die Wanderer ihren Berg zurück. Das Pumpspeicherwerk Limmern wird dann vollautomatisch laufen und aus der zentralen Netzwerkleitstelle der Axpo in ­Baden ferngesteuert. Die Umschaltung vom Turbinen- in den Pumpbetrieb geschieht per Knopfdruck. Im Berginneren werden keine Arbeiter dauerhaft beschäftigt sein. Es reicht, wenn sie periodisch für Kontroll-, Wartungs- und Reparaturarbeiten vorbeischauen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.09.2013, 08:01 Uhr

So wird Linth-Limmern gebaut.

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Linthal 2015: Projekt der Superlative

Zuhinterst im Glarnerland entsteht das Pumpspeicherkraftwerk Limmern. Bis zu 800 Mineure, Maurer, Stahlbauer und andere Spezialisten arbeiten seit Oktober 2009 an der Anlage, die 2015 in Betrieb genommen werden soll. Das Projekt dürfte insgesamt 2,1 Milliarden Franken kosten.

Auf der Muttenalp (2500 m ü. M.) entsteht die längste Staumauer der Schweiz. Rund einen Kilometer lang und bis zu 35 Meter hoch, verdreifacht sie das bisherige Volumen des Muttsees auf 25 Millionen Kubikmeter Wasser. Durch zwei je 420 Zentimeter dicke Druckstollen mit Stahlpanzerung schiesst das Wasser mit einer Geschwindigkeit von 7 Metern pro Sekunde hinunter in die Maschinenkaverne, wo vier Maschinengruppen (Turbinen und Generatoren) den Strom erzeugen. Dieser wird über Transformatoren ins Netz geleitet. Von der Kaverne fliesst das Wasser in den Limmernstausee auf 1800 m ü. M.. Pumpspeicherwerke funktionieren nach folgendem Prinzip: Mit billigem Strom wird Wasser aus dem tiefer liegenden Speicherbecken ins obere gepumpt. Dann schickt man das Wasser durch die Druckstollen wieder hinunter, um teuren Strom für Spitzenverbrauchszeiten zu produzieren. Das Wasser dient also als mehrfach verwendbarer Energievorrat. Um beide Aufgaben erfüllen zu können, kommen Pumpenturbinen zum Einsatz, welche die Firma Alstom für 300 Millionen Franken baut.

Das Einsatzmuster der Pumpspeicherwerke hat sich fundamental verändert. Das klassische Modell – nachts pumpen, Strom produzieren in den Tagesverbrauchsspitzen – ist laut AxpoSprecher Erwin Schärer überholt. Heute gehe es vornehmlich darum, die hohen Produktionsschwankungen von Windund Solarenergie sofort auszugleichen und damit das Stromnetz zu stabilisieren. Damit die Rechnung für die Axpo aufgeht, muss der Preisunterschied zwischen dem verbrauchten und dem verkauften Strom deutlich mehr als 30 Prozent betragen, denn ein Pumpspeicherkraftwerk ist kein Perpetuum mobile: Für die Produktion von 1500 Gigawattstunden Strom verbrauchen die Pumpen rund 2000 Gigawattstunden, also deutlich mehr. Mit dem Werk Limmern erhöht sich die Leistung der Kraftwerke Linth-Limmern (KLL) von heute rund 480 Megawatt auf 1480 Megawatt. Um das Pumpspeicherkraftwerk überhaupt bauen zu können, wurde eine umfangreiche Infrastruktur erstellt. Im Tal hat die Bauleitung ihre Büros neben Werkstätten, Installationsplätzen und einem Camp für die Arbeiter. Die Bauseilbahn 1 mit 25 Tonnen Tragkraft führt hinauf zum Kalktrittli auf 1900 m ü. M, von wo aus die Materialien und Arbeiter durch einen Zugangsstollen zur Maschinenkaverne gebracht werden.

Vom Tal aus wurde mit der 160 Meter langen und 1500 Tonnen schweren Tunnelbohrmaschine Heidi ein 4 km langer Stollen von 8 Meter Durchmesser mit einer Steigung von 24 Prozent in den Berg gefräst. Er führt direkt in die Maschinenkaverne. Derzeit wird im Stollen eine Standseilbahn mit einer Kapazität von 230 Tonnen eingebaut. Ab Ende Jahr werden damit die schweren Maschinenteile in die Kaverne transportiert. Die Transformatoren, gebaut von ABB Deutschland, wiegen je 190 Tonnen. Ein 3 km langer Tunnel verbindet das Kalktrittli mit dem Ochsenstäfeli, dem zweiten Werkplatz. Gesichert mit Lawinenverbauungen und Stahlnetzen gegen Steinschlag führt von hier aus die Bauseilbahn 2 hinauf zur Muttenalp, wo nur in der schneefreien Zeit gearbeitet werden kann. Beide Seilbahnen hat die Garaventa aus Rotkreuz für zusammen 70 Millionen Franken geliefert.

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