«Es zieht mich immer noch ins All»

Der Russe Alexei Leonow stieg 1965 als Erster im Weltraum aus und schwebte. Hier erzählt der Kosmonaut, was er dabei hörte und warum er im Raumschiff Patronen für seine Pistole aufbewahrte.

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Sie sind 80 Jahre alt. Wie geht es Ihnen?
Dem Land geht es gut – trotz aller Sanktionen.

Ich meinte Ihnen persönlich.
Ich sehe mich nicht getrennt vom Land. So wie es dem Land geht, geht es auch mir.

Vor 50 Jahren sind Sie als erster Mensch frei im All geschwebt. Träumen Sie noch davon?
Mich verfolgen andere Träume. Bevor ich Kosmonaut wurde, war ich Abfangjäger. Noch heute träume ich, dass Alarm war und ich aufsteigen muss. Nach meinem ersten Weltraumflug war ich für Jahre Kommandant des Teams, das Kosmonauten der Raumstationen hätte retten müssen, wäre dort ein Unfall passiert. So träume ich noch, dass ich morgen fliegen muss, aber noch nicht bereit bin und dennoch nur einige Stunden zur Vorbereitung bekomme.

Daraus könnte man schliessen, dass Sie damals Angst hatten.
Hätte ich Angst gehabt, hätte ich die einzig richtigen Entscheidungen im Einsatz im All nicht treffen können.

Warum hat man gerade Sie für das freie Schweben im All auserwählt?
Beworben haben sich 3000 Leute unter 30 Jahren, die Flugerfahrung mit modernen Flugzeugen unter allen Bedingungen hatten. Man hat uns auch im Konstrukteursbüro getestet. Über mich hat dann Sergei Koroljow . . .

. . . der oberste sowjetische Raketeningenieur . . .
. . . gesagt: «Ein guter Pilot, fliegt unter allen Bedingungen. Physisch gut entwickelt, studiert ausgezeichnet und beherrscht den Pinsel gut» – soll heissen, kann zeichnen.

Während des Flugs gab es Probleme.
Unser Woschod 2 war ein Versuchsraumschiff. Als es landen sollte, versagte die automatische Steuerung. Wir gingen auf Handsteuerung und wählten eine andere Flugbahn, was einen Mehrweg von 1500 Kilometern ergab, sodass wir in der tiefen Taiga am Nordural landeten, wo es keine Elektroleitungen gab.

Wann hat man Sie gefunden?
Am ersten Tag. Aber da es sich um die tiefe Taiga handelte, landete erst am zweiten Tag ein Hubschrauber in der Nähe, und man kam auf Skiern zu uns. Die Bergungsgeräte inklusive Hubschrauber hatten ja über 1500 Kilometer weiter in Kasachstan gestanden, wo wir eigentlich hätten landen sollen. Der Hubschrauber MI-4 flog damals nicht schneller als 150 Kilometer in der Stunde. Intuitiv hatte ich vor dem Flug ins All statt mehr Essen mehr Patronen für die Pistole mitgenommen.

War die Pistole im Notkoffer üblich?
Ja. Um sich in der Taiga Nahrung zu verschaffen. Für die Makarow-Pistole hatte ich zusätzlich drei Sätze Patronen mit.

Ist das auch heute noch so?
Heute nimmt man eine dreiläufige Pistole mit, die man mit einer Hand bedienen kann – für den Fall, dass man sich eine Hand gebrochen hat. Auch kann man aus ihr Leuchtraketen abschiessen.

Es war nicht die einzige Panne. Als Sie vom zwölfminütigen Aufenthalt im offenen Weltraum zurück ins Raumschiff wollten, war der Raumanzug so aufgeblasen, dass Sie nur mit ein paar Tricks hindurchkamen. Was blieb Ihnen vom Flug am meisten in Erinnerung?
Die ungewöhnliche und absolute Stille im All. Das Atmen, das Schlagen des Herzens habe ich gehört, was man sonst nicht hört. In Stanley Kubricks Film «2001: Odyssee im Weltraum» wurde dieses Hörerlebnis zur Begleitmusik.

Unter anderem ist der Mondkrater Leonow nach Ihnen benannt. Was bedeutet Ihnen das?
Es ist angenehm, dass internationale Wissenschaftler meine Arbeit so schätzen. Immerhin habe ich einen alten Traum der Menschheit wahr gemacht.

Sie und der erste Kosmonaut Juri Gagarin waren ja damals den USA voraus, ehe die Sowjetunion beim Mondflugprogramm von den USA überholt worden ist. Wie haben Sie diesen Wettbewerb in Erinnerung?
Es waren die besten Wettbewerbe überhaupt, besser als die Olympischen Spiele. Nichts hat die Hochtechnologie damals in vergleichbarer Weise vorangetrieben. Wir hätten alle Voraussetzungen gehabt, den Mond als Erste zu umkreisen. Aber Koroljows Nachfolger hatte Angst, etwas zu riskieren. Eine Mondlandung hätten wir nicht geschafft, weil wir parallel an der unbemannten Raumfahrt arbeiteten. Es war nicht klug, dass wir unsere Mittel nicht konzentriert haben.

Im Jahr 1975 waren Sie im Raumschiff Sojus 19, als es an der US-Apollo andockte. Wie hat man sich dies im damaligen Kalten Krieg vorzustellen?
Damals hatte sich der Kalte Krieg zugespitzt. Aber es fanden sich gescheite Leute wie etwa US-Präsident Nixon und der sowjetische Premier Kosygin. Nixon schlug vor, je ein Raumschiff ins All zu schicken, die beiden dann gemeinsam fliegen und einen Friedensappell aussenden zu lassen. Wir haben getan, was Diplomaten nicht geschafft hätten.

Seit dem Vorjahr ist das amerikanisch-russische Verhältnis erkaltet. Wie sehen Sie das?
Das ist sehr schlecht. Schuld daran ist Amerika, nicht Russland. Nennen Sie mir auch nur eine russische Basis, die weniger als 1000 Kilometer von Amerika entfernt stationiert wäre! Es gibt keine. Welche Basen aber haben die Amerikaner zuletzt nahe Russland errichtet!

Wohin geht Russland? Nach Osten oder doch nach Westen?
Wie der letzte Fürst der Dynastie Romanow sagte, ist Russland ein Zustand des Geistes. Russland kommt allein zurecht – mit seinen Ressourcen, seinen vielen Millionen von Leuten. Und zwar unabhängig davon, ob es dem Osten oder dem Westen gefällt. Amerika ist 200 Jahre alt, wir aber 1000 Jahre. Und 1000 Jahre schon kämpfen wir für unsere Unabhängigkeit. Es war Russland, das Dschinghis Khan nicht nach Europa liess.

Wird es einmal eine Station für Forscher auf dem Mond geben?
Ich denke, ja. Die Bedingungen sind besser als in einer Umlaufstation im Orbit. In den kilometerlangen Mondkavernen herrscht konstante Temperatur.

Wann könnte es so weit sein?
Ich hoffe, in den 2030er-Jahren. Es könnte eine Zwischenstation für Marsflüge sein, in der wichtige astronomische Beobachtungen mit grosser Genauigkeit und wenig Geld gemacht werden.

Wird es mal Flüge zum Mars geben?
Ich denke, die Menschheit wird diese Idee nicht aufgeben. Dafür müssen sich aber mehrere Länder zusammentun.

Warum zeichnen und malen Sie so gerne?
Den einen gefällt Tennisspielen, den anderen der Wiener Walzer oder Schach. Ich wende eben meine ganze Freizeit für die Malerei auf. Ich habe das von Kind auf gelernt und kenne alle Museen der Welt. Zu Hause habe ich ein Studio. Im Vorjahr habe ich in Moskau ausgestellt.

Bereuen Sie etwas in Ihrem Leben?
Bei mir ist alles in Ordnung. Vielleicht hätte ich Kleinigkeiten anders machen können. Ich habe Wissenschaft betrieben, vielleicht aber hätte ich in die Akademie des Generalstabs gehen und ein reiner Militär werden können. So aber bin ich ein Mix – militärisch und wissenschaftlich.

Wenn ein Mensch einmal im Kosmos war, will er immer wieder dorthin?
Es zieht mich immer noch in den Kosmos. Jedes Mal ist es anders. Ich habe etwa davon geträumt, auf dem Trittbrett eines Raumschiffs um die Welt zu fliegen – ein grosser Traum.


Lena (Leading European Newspaper Alliance) – in Kooperation mit der «Welt».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2015, 18:21 Uhr

Video

Erster Spaziergang im Weltall. Quelle: Youtube

Der Kosmonaut Alexei Leonov schwebte 1965 während 12 Minuten frei im All.
Foto: RIA Novosti, AFP Images

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