Forschen für noch mehr Spin

In Peking endete im Tischtennis mit dem „Frischkleben“ der Beläge unmittelbar vor dem Match die umstrittene Praxis, das Spiel mit Lösungsmitteln zu beeinflussen. Schon liefern sich die Belagfabrikanten eine Materialschlacht.

Der Europameister beim Vorhand-Topspin: Timo Boll ist wegen des Spins seiner Angriffsschläge gefürchtet.

Der Europameister beim Vorhand-Topspin: Timo Boll ist wegen des Spins seiner Angriffsschläge gefürchtet. Bild: Keystone

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Manchen Tischtennisspielern wird er fehlen, der Geruch von Benzol und Trichlorethylen, der einst Umkleidekabinen und Sporthallen durchzog. «Frischkleben» war für Leistungssportler notwendig, um konkurrenzfähig zu sein, und auch unter Hobbyspielern war es beliebt: Die Lösungsmittel dringen durch die Schwammschicht unter der farbigen Kautschuk-Oberfläche nach aussen, erweitern ihre Poren und machen sie weicher. So wird der Belag «griffiger», der Ball dringt tiefer ein und verlässt den Tisch, etwa bei einem Topspin-Schlag, mit deutlich mehr Vorwärtsdrall: mit bis zu 50 Umdrehungen pro Sekunde.

Wegen der gesundheitsschädigenden Gase ist das Verfahren nun untersagt: im Jugendsport schon jetzt, und im Spitzensport wird ab September mit speziellen Messgeräten kontrolliert – das Ende einer Tradition, die das Spiel seit den Achtzigerjahren verändert hatte. Als Erfinder gilt der Spitzenspieler Tibor Klampár, 25-facher ungarischer Meister, der 1979 mit der Nationalmannschaft den Weltmeistertitel errang. Andere folgten seinem Beispiel und entdeckten die Vorzüge des Verfahrens: Zusätzlicher Spin machte das Spiel noch schneller, bis schliesslich fast alle Spitzenspieler Frischkleber waren.

Viele Firmen, noch mehr Produkte

Um das heutige Spielniveau trotz des Verbots zu halten, forschen die Hersteller von Belägen bereits seit einer Weile an neuen Varianten, in denen der Frischklebe-Effekt fest «eingebaut» sein soll: Stiga beispielsweise bietet «Neos Synergy Tech» an, Andro den «Roxon 500 pro», und die Firma Butterfly bewirbt den «Tenergy 05». Für den «Spring-Sponge», so das Unternehmen, sei in aufwändiger Entwicklungsarbeit eine neuartige Mischung aus Rohstoffen mit einer speziellen Struktur der Luftblasen im Schwamm kombiniert worden – der Vorstoss in eine «neue Schwammdimension».

Tatsächlich haben Fachleute diesen Belag bereits getestet und die Behauptungen zum Teil für wahr befunden. Pavel Rehorek, langjähriger Spitzenspieler und Trainer der Schweizer Damen-Nationalmannschaft, findet «die Struktur anders», wie er sagt: «Ein normaler Schwamm ist glatt», so Rehorek, «aber dieser fühlt sich poriger an, so wie diese Luftschokolade.» Und nach einem Match sagte ihm Jin Linlin, einer der chinesischen Spitzenspieler in der Schweiz, er habe bei gewissen Vorhandschlägen «noch nie so viel Spin» erreicht.

Zumindest für Spielerinnen und Spieler, die den Ball gerne in starke Rotation versetzen, könnte die Erfindung demnach brauchbar sein. Und die Nachfrage scheint dies zu bestätigen. Knapp 10'000 Stück hat der Hersteller bereits in den ersten drei Monaten seit der Markteinführung verkauft, obwohl eine sportliche Wunderwirkung gewiss nicht zu erwarten ist, wie auch Rehorek aus Erfahrung weiss. Das Spiel gegen Jin Linlin jedenfalls hat er trotz des neuen Belags schliesslich verloren – doch immerhin erst im fünften Satz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.06.2010, 08:39 Uhr

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