Hintergrund

Für Planet Solar regnets Rekorde

Nach einem Jahr auf den Weltmeeren legt das Schweizer Solarboot in Singapur an. Es hat bereits die schnellste Atlantiküberquerung für diese Schiffskategorie geschafft – und soll weitere Meilensteine setzen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 27. September waren sie genau ein Jahr unterwegs. In Singapur feierten die vier Mannschaftsmitglieder des Katamarans MS Tûranor Planet Solar die rund 40'000 Kilometer, die sie in den vergangenen zwölf Monaten zurückgelegt hatten. «Das Schlimmste haben wir hinter uns», sagt Projektleiter Raphael Domjean, 39, am Telefon. Sein Ziel: Die Weltumrundung an Bord eines Bootes, das mit Sonnenenergie betrieben wird und nur dann schneller als 20 km/h fährt, wenn Wind und Strömung günstig sind.

Um via Thailand, Indien, das Rote Meer, den Suezkanal und das Mittelmeer wieder an den Ausgangspunkt Monaco zurückzukommen, braucht es noch etwas Zeit. «Wir glauben nicht, dass wir unsere Odyssee vor dem nächsten Frühling abschliessen werden», sagt Domjean. Der Neuenburger hat noch einiges vor sich: Den Golf von Aden etwa, wo Piraten schon ganze Tanker geentert und Besatzungen gekidnappt haben, oder dichten Seeverkehr und nicht zuletzt die Sonne, die nicht immer mitmacht.

Fischer, Piraten und Petrus

Aber Planet Solar lässt sich nicht so leicht vom Kurs abbringen. «Die Seefahrt zwischen Hongkong und Singapur war ausgesprochen anstrengend», erklärt der Projektleiter. «In Vietnam, wo die Fischer vor den Küsten in Pfahlbauhäusern leben, mussten wir unseren Weg zwischen zahlreichen Fischernetzen suchen.» Auch das Wetter war alles andere als milde. «Die Regenzeit war in der Region noch nicht zu Ende. Wir mussten in der Nähe des Mekongdeltas den Fluss Saigon hinauffahren und uns unterstellen.»

Domjean und sein Team gehen verdächtigen Schiffen aus dem Weg: «Wir sind auch Seeräubern ausgewichen. Es handelt sich um Fischer auf Inseln, die von Malaysia kaum kontrolliert werden und die sich manchmal als Piraten betätigen.»

«Wie ein Tarnkappen-Boot»

Der Hightech-Katamaran verfügt über verschiedene Trümpfe, zum Beispiel eine perfekte Sicht im Dunkeln. Dank Infrarot- und Wärmestrahlen-Detektoren kann Domjean sehen, ohne selbst gesehen zu werden. «Mit gelöschten Lichtern ist die Planet Solar eine Art Tarnkappenschiff. Mit den elektrischen Motoren gleiten wir nachts geräuschlos übers Wasser, unbemerkt von anderen Schiffen.»

Zurzeit liegt der Katamaran in Singapur, dem grössten Hafen der Welt, für einen grossen Service auf dem Trockendock. Hier wird er wieder auf Hochglanz gebracht, nach einem Jahr treuer Dienste. Die Mannschaft will den Aufenthalt nutzen, um Vorträge zu halten – in Zusammenarbeit mit Präsenz Schweiz und verschiedenen Universitäten – und um das Boot dem Publikum vorzuführen.

Jules Verne bringt Glück an Bord

Unter den Sponsoren für Planet Solar ist auch ein Urenkel von Jules Verne. Ein Originaldokument des berühmten Schriftstellers («20'000 Meilen unter dem Meer», «In 80 Tagen um die Welt») wird als Talisman an Bord mitgeführt. Und bringt offenbar Glück: Die schnellste Atlantiküberquerung mit einem Solarboot hat dem Katamaran bereits einen Eintrag im «Guinessbuch der Rekorde» beschert. Es bleiben noch weitere Pionierleistungen zu vollbringen, wie die Durchquerung des Indischen Ozeans und des Roten Meers mit Sonnenenergie.

Der ökologische Abenteurer überlässt nichts dem Zufall. Seine Route wird Schritt für Schritt von der französischen Wetterstation Météo France verfolgt, ein Team in Yverdon ist zuständig für Kontakte und Logistik während der Zwischenstopps. Planet Solar ist heute mit seinen 35 Metern Länge, 23 Metern Breite und 537 m² Solarzellen das grösste solarbetriebene Boot der Welt – aber für Raphael Domjean ist es kein verrücktes Unternehmen: «Solare Mobilität ist nur dann möglich und effizient, wenn ihre Kosten vernünftig und konkurrenzfähig sind. Darum verwenden wir Technologien, die bereits auf dem Markt erhältlich und für alle erschwinglich sind.»

Nomen est omen

Tûranor, der Name des Solar-Katamarans, stammt aus der Saga «Der Herr der Ringe» von J.R.R. Tolkien und bedeutet Kraft der Sonne und Sieg. Ein Name, der nach einem Jahr Schifffahrt von Tag zu Tag besser passt.

Übersetzung: Sibylle Bühler Beltran

Erstellt: 28.09.2011, 14:15 Uhr

«Wir haben es geschafft, den Seeräubern in Malaysia auszuweichen»: Raphael Domjean, Initiant des Projekts Planet Solar. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Schweizer Solarboot am Klimagipfel

Das weltgrösste Solarboot MS Tûranor Planet Solar macht auf seiner Weltreise einen Zwischenhalt in Cancún. Mehr...

Schweizer Solarboot gelingt Überfahrt nach Hongkong

Das weltgrösste Solarboot hat die anspruchsvolle Reise von Manila nach Hongkong überstanden. Mit der Durchquerung des Chinesischen Meers schaffte es eine wichtige Etappe auf seiner Weltumrundung. Mehr...

Innovationen rundum

Solarzellen
Sie ermöglichen es, 22 Prozent der Sonnenenergie in Elektrizität umzuwandeln. Die Leistung ist eher schwach – gewisse Zellen produzieren heute über 40 Prozent, sind jedoch nicht solide genug – aber die von Planet Solar verwendeten Zellen sind ultraresistent. Nach einem Jahr unter den harten Bedingungen einer Seereise (Wind, Salz, Wasser) ist keine einzige beschädigt. Ausserdem werden diese Solarzellen automatisch polarisiert und depolarisiert: Dies verhindert, dass sie sich mit statischer Energie aufladen, was die Effizienz um bis zu 30 Prozent reduzieren kann.

Routenplanung
Ein neues Computerprogramm für die Routenbestimmung wurde in Zusammenarbeit mit Météo France entwickelt. Es berechnet dauernd die schnellste und energieeffizienteste Route. Es ist das erste Mal, dass ein Programm Karten der Sonnenbestrahlung integriert, zusätzlich zu normalen Grössen wie Meeresströmungen, Wellengang und Wind.

Batterien
Die mobilen Lithium-Ionen-Akkus sind die grössten, die je auf einem zivilen Schiff eingebaut wurden. Ein Steuerungssystem für die Ladung berechnet, wann geladen werden muss, und verhindert das Überladen.

Bildstrecke

Die abenteuerliche Reise der Planet Solar

Die abenteuerliche Reise der Planet Solar Das grösste Solarschiff fuhr im letzten Jahr unter Schweizer Flagge um die Welt.

Planet Solar wird in Kiel gewassert. (Video: Reuters )

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

History Reloaded Die erste Frau im britischen Parlament

Mamablog Wem nützen Hausaufgaben eigentlich?

Die Welt in Bildern

Zum Anbeissen: Dieser Eisfischer in Peking versucht sein Glück mit mehreren Angeln. (7. Dezember 2019)
(Bild: Ma Wenxiao (VCG/Getty Images)) Mehr...