«Gentech gab es schon immer»

Laut Biologe Ruedi Leutert gibt es kaum naturbelassene Lebensmittel auf dem Markt.

Gentechnisch veränderter Weizen der Forschungsanstalt Agroscope.

Gentechnisch veränderter Weizen der Forschungsanstalt Agroscope. Bild: Christian Beutler/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bereits gibt es gentechnisch veränderten Mais und Soja, in Zürich werden Gentech-Kartoffeln erforscht. Ist das ein Problem?
Zunächst muss man sich im Klaren sein, welche Rolle die Gene, also das Erbprogramm eines Lebewesens, spielen.

Nämlich?
Das Gedeihen eines Lebewesens hängt von zweierlei Bedingungen ab. Erstens von seinem genetischen Programm. Williamsbirnen beispielsweise produzieren ihre einzigartigen Aromastoffe aufgrund eines bestimmten genetischen «Rezeptes», welches sie umsetzen. Andere Birnensorten besitzen sehr ähnliche genetische Programme zur Herstellung von Aroma, aber eben nicht genau dieselben. Bananen und Blumenkohl hingegen haben ein völlig anderes genetisches Programm zur Herstellung ihrer artspezifischen Aromastoffe.

Und die zweite Bedingung?
Die zweite Bedingung zum Gedeihen eines Lebewesens sind seine äusseren Lebensumstände, seine gesamte Umwelt. Nur wenn Williamsbirnen optimale Bedingungen haben, etwa bei Temperatur, Licht, Wasserzufuhr und Bodenverhältnissen, entstehen wirklich schmackhafte Birnen. Spritzmittel-Rückstände, nasskühle Witterung oder falsche Düngung beeinflussen die Geschmacksqualität.

Aber immerhin sind auch saure Birnen Naturprodukte, im Gegensatz zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln.
Die Frage ist, inwiefern die von Herrn Williams vor 250 Jahren erstmals gezüchteten Birnen noch «Naturprodukte» sind. Wir müssen uns im Klaren sein, dass praktisch alles, was wir an Lebensmitteln auf unserem Teller haben, so in der Natur nicht vorkommt, Williamsbirnen auch nicht! Selbst Haselnüsse sind von uns gezüchtete Sorten, die es im Wald nicht gibt. Waldpilze und Fische aus Wildfang sind Ausnahmen. Es handelt sich nicht um Produkte, die unter unserer Obhut einfach besser gedeihen, weil wir sie düngen und pflegen. Nein, sie sind gegenüber der Wildform genetisch verändert, durch menschliche Züchtung entstanden.

Dann haben wir seit Jahrtausenden Gentechnik gemacht?
Im Endeffekt ja. Allerdings beschränkte sich die Technik auf das Auslesen und Pflegen von erwünschten Mutanten.

Die Gentechnologie geht aber doch viel weiter!
Tatsächlich. Indem der Mensch inzwischen versteht, wie die genetischen Informationen umgesetzt werden, und indem er fähig ist, diese Informationen durch gezielte Eingriffe zu verändern, hat die Tier- und Pflanzenzüchtung eine neue Dimension bekommen. Wir müssen nicht mehr passiv auf gewünschte Mutationen warten, sondern können ins Erbgut anderer Lebewesen jene Informationen einschleusen, welche die gewünschten Eigenschaften bewirken.

Weshalb fürchten sich denn die Leute vor genetisch manipulierten Lebewesen?
Die Angst ist verständlich und teilweise auch berechtigt. Alle technischen Errungenschaften sind eine zweischneidige Angelegenheit. Je komplexer eine Technologie ist, desto grösser unser Unbehagen ihr gegenüber, egal, ob es sich um Atomenergie, Gentechnologie oder Datenüberwachung handelt.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2015, 08:56 Uhr

Artikel zum Thema

Bund erlaubt Gentech-Kartoffeln

Die Forschungsanstalt Agroscope darf auf ihrem Hochsicherheitsacker am Stadtrand von Zürich mit gentechnisch veränderten Kartoffeln experimentieren. Mehr...

Dossiers

Ruedi Leutert

Der 69-jährige Biologe und pensionierte Gymnasiallehrer lebt in Meilen und hat sich auf die Vermittlung von biologischem Wissen im Bereich Ernährung und Ökologie spezialisiert.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Nichts für schwache Arme: Chinesische Arbeiter formen ein Tonfass in einer Porzellanfabrik in Jingdezhen (23. September 2017).
Mehr...