Gesundes Misstrauen

Vielen Patienten ist nicht bewusst, dass Spitäler mit teils noch unausgereiften chirurgischen Verfahren um sie ­buhlen.

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Der Fortschritt in den Operationssälen ist atemberaubend. Chirurgische Eingriffe, die früher aufwendig und risikoreich waren, sind heute Routine. Immer neue Techniken ermöglichen, dass Patienten früher nach Hause geschickt werden können. Die minimal-invasive Entfernung der Gallenblase ist eines von vielen Beispielen dafür. Patienten erholen sich wegen der kleineren Narben schneller und können die Klinik früher verlassen als nach einem grossen Bauchschnitt.

Aus solchen Erfolgen sollten wir allerdings nicht die falschen Schlüsse ziehen. Doch genau das tun wir, wenn wir als Patienten ausschliesslich von den neusten medizinischen Möglichkeiten profitieren möchten. Denn wir wollen ja eigentlich nicht die neuste, sondern die beste Behandlung. Es ist eine Binsenwahrheit, dass es sich dabei nicht unbedingt um das Gleiche handeln muss. Trotzdem fallen wir immer wieder aufs Neue darauf herein. Nicht nur Laien, auch Ärzte sind nicht davor gefeit. Zu einleuchtend scheinen die vermeintlichen Vorteile, die man uns zurzeit beim neuen Nanoknife schildert, das gegen Tumore eingesetzt wird. Vergessen geht, dass auch chirurgische Innovationen oft Kinderkrankheiten haben und dass Operationsteams anfangs die Erfahrung fehlt. Nicht selten ist auch der Nutzen geringer und sind die Risiken höher, als in Medienberichten und den Hochglanzbroschüren der Spitäler und Hersteller steht.

Vielen Patienten ist nicht bewusst, dass Spitäler mit zum Teil unausgereiften Innovationen um sie ­buhlen. Die Ökonomisierung hat die Konkurrenz ­verschärft und wohl auch dazu geführt, dass sich Chefärzte jetzt öffentlich beklagen. Sie haben recht, denn dieser Wettbewerb mit ungeprüften Neuerungen sorgt nicht für bessere Medizin, sondern geht zulasten der Patienten. Möglicherweise bringt dereinst eine Verschärfung der Medizinprodukte-Regulierung eine Besserung. Doch das wird noch viele Jahre dauern. Patienten bleibt derweil nicht viel anderes übrig, als neuen chirurgischen Verfahren mit gesundem ­Misstrauen zu begegnen und mit ein paar kritischen Fragen nicht zurückzuhalten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2015, 08:44 Uhr

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