Jetzt bauen die Europäer eigene Clouds

Immer mehr Firmen und Regierungen speichern Daten in externen Clouds. In den USA darf die NSA darauf zugreifen. Das ist eine Chance für europäische Anbieter: Sie investieren massiv – auch in der Schweiz.

Clouds sind stark nachgefragt – aber sie bergen auch sicherheitstechnische Gefahren: Ein Besucher der CeBit-Fachmesse in Hannover telefoniert vor einem Symbol für Cloud-Computing. (Archivbild)

Clouds sind stark nachgefragt – aber sie bergen auch sicherheitstechnische Gefahren: Ein Besucher der CeBit-Fachmesse in Hannover telefoniert vor einem Symbol für Cloud-Computing. (Archivbild) Bild: Reuters

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Die NSA-Affäre hat nicht nur politisch für Wirbel gesorgt: Während die Schweiz gemeinsam mit anderen Staaten die USA verstärkt diplomatisch unter Druck setzt, treiben die IT-Forscher, Hacker und Juristen die technischen Implikationen des Skandals um. An der ETH Lausanne trafen sich diese Woche Experten, um über Privatsphäre und Überwachung zu debattieren, wie der TA heute schreibt. Die Referate verdeutlichten unter anderem, dass das sogenannte Cloud Computing ein grosses Risiko darstellt. Bei Clouds handelt es sich um externe Rechenzentren. Die Nachfrage nach solchen «Datenwolken» ist gross, denn viele Daten werden heute von Firmen, der Wissenschaft oder Regierungen nicht mehr intern bearbeitet und gespeichert. US-Anbieter sind besonders stark in diesem dynamischen und innovativen Markt vertreten. Das Problem dabei: Auf in den USA gespeicherte Daten einer Cloud darf der Geheimdienst NSA legal zugreifen.

Diese rechtliche Situation erweist sich nun als Chance für europäische Anbieter von Clouds. «Europa holt mit grossen Clouds auf – der NSA-Skandal trägt noch zu diesem Trend bei», bestätigt Bruno Crispo. Er ist IT-Professor an der Universität Trento in Italien und auf die Sicherheit in Clouds spezialisiert. Zudem nehme die Zahl der Unternehmen rasant zu, die grosse Datenmengen speichern und verarbeiten müssen. «Die Nachfrage wird noch stark steigen, zumal Clouds aus unternehmerischer wie aus technischer Perspektive attraktiv sind.»

Von der NSA-Affäre profitiert in Europa etwa der deutsche Softwareanbieter SAP: Wie das Unternehmen im September angekündigt hat, will es die Investitionen in den globalen Ausbau seiner Rechenzentren beschleunigen. Als Vorteil erweist sich dabei, dass der Firmensitz in Deutschland liegt: SAP kann die Cloud-Services nach deutschem Recht anbieten. Bislang verfügt die Firma über acht Rechenzentren in den USA, Europa und Australien. Geplant sind nun weitere vier in China, Russland, Brasilien und Kanada.

Eine grosse Cloud für die Schweiz

Auch in der Schweiz gibt es entsprechende Bestrebungen: Die Swisscom plant ein übergreifendes Rechenzentrum. Dort sollen alle bestehenden Cloud-Dienste des Telecomunternehmens zusammengeführt und neue Dienste angeboten werden. «Der Aufbau der neuen, technisch anspruchsvollen Plattform läuft nach Plan», sagt Mediensprecher Olaf Schulze. 2014 werde der Produktionsbetrieb aufgenommen – erste Services würden dann für die Kunden aufgeschaltet. Die Swisscom bestätigt den Trend zu europäischen Cloud-Lösungen: «Wir spüren ein verstärktes Interesse an einer Datenlagerung und -verarbeitung in der Schweiz», so Schulze.

Das Unternehmen ist überzeugt, den Kunden einen «klaren Mehrwert bieten zu können», weil die Daten in der Schweiz gespeichert werden und damit dem strengen Schweizer Datenschutz unterstehen. Hohe Rechenzentrumstandards und Sicherheitsvorschriften sowie strenge rechtliche Bestimmungen: Auch in Bezug auf die Datensicherheit stehe die Schweiz für Qualität. Die Swisscom gibt sich optimistisch, in den nächsten Jahren eine der Top-Clouds der Welt aufzubauen: «Die Daten werden in modernsten Rechenzentren gespeichert und verlassen auch auf dem Übertragungsweg die Schweiz nicht.»

Anbieter könnten schon heute mehr Sicherheit bieten

Die Gesetzeslage in der Schweiz erweise sich dabei als Vorteil: Das Datenschutzgesetz ist vergleichsweise streng, und die Swisscom unterliegt obendrein dem Fernmeldegesetz. Dieses sieht gesonderte und strengere Bestimmungen für die Aufbewahrung, Nutzung und Weitergabe von Daten vor. Mit dem USA Patriot Act, der im Zuge der NSA-Affäre in die Kritik kam, vergleichbare Gesetze gebe es in der Schweiz schliesslich nicht. Damit seien die Voraussetzungen gut, Daten in der Schweiz künftig vor Zugriffen der NSA oder ähnlicher Institutionen zu schützen. Doch letztlich gebe es in der digitalen Welt keine absolute Datensicherheit, räumt Schulze ein. Daher bleibe der verantwortungsvolle Umgang der einzelnen Nutzer zentral.

Auch Bruno Crispo verweist darauf, dass es nicht reiche, damit zu werben, dass man in Europa die NSA nicht habe. Abgesehen davon, dass auch der britische Geheimdienst involviert gewesen sei, sei es auch schwierig, eine Cloud zu bieten, die nur aus europäischer Soft- und Hardware bestehe. Stattdessen müssten die Anbieter auf bessere Sicherheitsdienste innerhalb der Cloud setzen: Dort sollte eine End-to-End-Sicherheit geboten werde. Dabei werden die Daten beim Kunden verschlüsselt, bevor sie in die Cloud gesendet werden. Das würde es der NSA erschweren, die Informationen abzugreifen, weil sie nicht auf der Kundenseite arbeitet, sondern sich in die Clouds einschleicht. «Technologisch wäre das bereits möglich – die Anbieter haben bisher nur keinen Grund gefunden, um das anzuwenden», so Crispo. Doch er gibt auch zu bedenken: «Der Schutz der Privatsphäre ist in Europa zwar weit vorangeschritten. Aber noch bestehen gesetzliche Lücken in Bezug auf Institutionen, die wegen des nationalen Interesses Daten abfangen. Das müsste sowohl rechtlich verhindert als auch technisch verunmöglicht werden.»

Erstellt: 03.10.2013, 13:20 Uhr

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