Hintergrund

Kann man Computer vor Gericht stellen?

Die digitale Technik hat einen immer grösseren Einfluss auf die moderne Gesellschaft. Die Grenze zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz wird unscharf. Und das bleibt nicht ohne Konsequenzen.

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Wer vor 20 Jahren die Frage in den Raum gestellt hätte, ob Computer ein Anrecht auf Redefreiheit haben, der hätte mit einer Einweisung in eine psychiatrische Anstalt rechnen müssen. Heute beschäftigen sich hochrangige Juristen ernsthaft mit diesem Problem. Und nicht nur damit: Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz schreitet rasant voran. Autos werden von Software gesteuert, Kriege mit Drohnen geführt und immer öfters sprechen wir auch mit Maschinen.

Redefreiheit für Computer zu fordern ist daher keineswegs so absurd, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Tim Wu, Rechtsprofessor an der Columbia University, hat dies kürzlich in der «New York Times» mit folgendem Vergleich erläutert: Die Suchmaschine Google ist vergleichbar mit einem Ratgeber in einer Zeitung: Sie beantwortet Fragen, die ihr gestellt werden. Deshalb ist es gemäss Professor Wu Zensur, wenn die Regierung versuchen sollte, die Antworten zu beeinflussen.

Die Frage der Verantwortung beim Autounfall

Das Problem, das Professor Wu aufgreift, ist nicht ein akademisches Gedankenspiel. In den neuen sozialen Medien werden die Grenzen zwischen redaktionellem und kommerziellem Inhalt zunehmend fliessend. Die Konsumenten werden oft unfreiwillig mit Werbung eingedeckt. Das verstösst jedoch gegen das Wettbewerbsrecht, weil so eine Kartellposition missbraucht wird. Gerade in den USA ist jedoch das sogenannte «first amendment» beinahe unantastbar. Deshalb stellt Professor Wu fest: «Wenn wir die computerisierten Antworten als ‹Rede› klassieren, dann haben die Unternehmen dank der gesicherten Redefreiheit eine wirksame Waffe, um sich gegen eine Verletzung des Wettbewerbsrechts zu wehren.»

Redefreiheit für Computer ist kein Einzelfall. Neue juristische Probleme stellen sich dank der raschen Entwicklung der künstlichen Intelligenz in den verschiedensten Gebieten; beispielsweise bei Autos, die nicht mehr von Menschen, sondern von Software gelenkt werden. Technisch gesehen ist das heute möglich. Im US-Bundesstaat Nevada sind Versuche mit per Software gesteuerten Autos inzwischen offiziell erlaubt. Auch ganz normale Autos verfügen heute über künstlich intelligente Lenkhilfen. Der neue Volvo V40 steuert sich im Stossverkehr praktisch selbst, ebenso viele Modelle von Ford, die auch selbstständig parkieren können. Was, wenn es zu einem Unfall kommt? Wer wird dann zur Verantwortung gezogen?

Welches Recht wenden wir an?

Am extremsten stellt sich die Haftungsfrage im modernen Krieg. Roboter werden zum Begleiter des Soldaten, ferngesteuerte Drohnen sind zur wirksamsten Waffe im Kampf gegen Terroristen geworden. «Nehmen wir an, eine Drohne tötet die falschen Menschen», sagt der amerikanische Militärexperte Peter Singer, Autor des Buches «Wired for War». «Wer ist dafür verantwortlich? Der Pilot? Sein Kommandant? Der IT-Ingenieur, der die Software geschrieben hat? Das sind keine hypothetischen Fragen mehr. In der südafrikanischen Armee hat eine computergesteuerte Kanone bei einer Übung wegen eines Software-Fehlers neun Soldaten getötet. Abgesehen von der menschlichen Tragik: Wenn Sie diesen Unfall untersuchen, welches Recht wenden Sie an? Das macht dem Roten Kreuz bereits heute grosse Bauchschmerzen.»

Die rasante Verbreitung von Robotern stellt nicht nur juristische, sondern letztlich auch moralisch-ethische Grundsatzfragen. Sherry Turkle, Psychologin und Spezialistin für künstliche Intelligenz am MIT, zeigt dies in ihrem Buch «Verloren unter 100 Freunden» sehr eindrücklich auf. Darin warnt sie vor der gefährlichen Faszination der Roboter. «Ich habe das Gefühl, ein drittes Mal einen Wendepunkt in unseren Erwartungen an Technologie und uns selbst mitzuerleben. Wir beugen uns dem Leblosen mit übertriebenem Eifer. Wir erwarten mehr von der Technologie und weniger voneinander.»

Erstellt: 23.07.2012, 16:58 Uhr

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