Kaufst du noch, oder machst du schon?

3-D-Drucker revolutionieren die Art, wie Produkte hergestellt werden. Im Fablab Zürich können auch Technikmuffel die Werkzeuge der Zukunft eigenhändig ausprobieren.

In 20 Minuten zur selbst gedruckten Backform: Besuch im FabLab Zürich.
Video: Chantal Hebeisen, Benjamin Hämmerle

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Mit einem leisen Rattern setzt sich der Ultimaker in Bewegung. Der Druckkopf des 3-D-Druckers beginnt sich hin- und herzubewegen, mal gemächlich, mal abrupt. Während auf der Rückseite des Geräts ein Kunststoffstrang langsam eingezogen wird, fliesst aus der Öffnung des Druckkopfs ein klebriger, heisser Faden und lagert sich Schicht für Schicht auf der dicht darunter liegenden Basisplatte ab. Das Sperrholzgehäuse des Druckers erinnert auf den ersten Blick an ein Bastelprojekt aus dem Werkunterricht, doch in ihm steckt Zukunftstechnologie. Nach einigen Minuten wird sichtbar, was hier entsteht: Das Wort «Tagi» als Guetsliform.

Der Ultimaker ist das Herzstück des Fablabs Zürich, einer Hightechwerkstatt, die allen offensteht. Das Fablab (kurz für «Fabrication Laboratory») ist in einem unscheinbaren Gewerbehaus in der Nähe des Letzigrabens untergebracht und seit zwei Wochen geöffnet. Gegen einen Jahresbeitrag von 100 Franken und eine Benutzungsgebühr von 20 Franken pro Stunde kann hier jeder den Gerätepark nutzen, um seine Ideen zu verwirklichen. Neben dem 3-D-Drucker stehen unter anderem ein Lasercutter und eine CNC-Fräsmaschine zur Verfügung, mit denen man verschiedenste Materialien bearbeiten kann (siehe Infobox).

Konstruieren statt konsumieren

Hinter dem Projekt steht ein Team von elf Männern und einer Frau, die meisten von ihnen Architekten, Designer oder Ingenieure. Für sie ist das Fablab weit mehr als ein Bastelraum für Erwachsene. Mitinitiant Beat Karrer, der als Industriedesigner ein eigenes Geschäft betreibt, erklärt ihre Vision: «Wir wollen der Konsumhaltung in unserer Gesellschaft entgegentreten und die Leute dazu animieren, Dinge selber herzustellen. Konstruieren statt konsumieren ist unser Motto.» Auch der Austausch mit anderen sei ein wichtiges Element, sowohl innerhalb eines Fablabs wie auch zwischen den über 150 Fablabs, die es inzwischen auf der ganzen Welt gibt.

Ursprünglich stammt die Idee der öffentlichen Hightechtüftelstätten vom Massachusetts Institute of Technology in Boston. Das erste Schweizer Fablab entstand im Januar 2011 an der Hochschule Luzern. Dass Zürich als Kreativzentrum ein eigenes Fablab brauche, sei ihm schon lange klar gewesen, sagt Karrer. Über den Schweizer Fablab-Pionier Peter Troxler entstanden die Kontakte, vor einem Jahr traf sich das Gründerteam ein erstes Mal. Das Fablab Zürich ist als gemeinnütziger Verein organisiert, der sich ausschliesslich über die Mitgliederbeiträge und Nutzungsgebühren finanziert.

Massanfertigung statt Massenproduktion

«In einem Fablab kann man fast alles herstellen», sagt Architekt Philip Bräm, auch er ein Gründungsmitglied. «Dadurch, dass es für alle zugänglich ist, ist die Bandbreite dessen, was produziert wird, so gross wie die Interessen in unserer Gesellschaft.» Neben Projekten mit professionellem Anspruch, wie zum Beispiel der Herstellung von Prototypen für Architektur und Industrie, biete das Fablab durchaus auch Platz für Spielereien. Während unseres Gesprächs ist beispielsweise gerade jemand damit beschäftigt, mit dem Lasercutter Baumnüsse zu gravieren.

Muss man ein versierter Designer oder Handwerker sein, um diese Technik zu nutzen? Definitiv nein, sagt Bräm. Mithilfe kostenloser und einfach zu bedienender Designprogramme sei jeder mit ein bisschen Übung in der Lage, am Computer einen dreidimensionalen Gegenstand zu entwerfen. Für die Benutzung der Geräte gibt es Einführungskurse, die im Mitgliederbeitrag enthalten sind.

Derzeit ist ein regelrechter Hype um die Möglichkeiten des 3-D-Druckens zu beobachten. Manche sehen darin eine neue industrielle Revolution und prognostizieren, dass in Zukunft jeder die Dinge des täglichen Gebrauchs selber herstellen wird. Beat Karrer ist da vorsichtiger. «Ein Fablab erreicht noch lange nicht die Produktqualität und Kosteneffizienz der industriellen Fertigung», sagt der 46-Jährige. «Einen Staubsauger kauft man auch in Zukunft besser im Haushaltswarengeschäft.» Die Vorteile eines Fablabs sehen die Initianten woanders. «Die industrielle Fertigung lohnt sich erst ab einer grossen Stückzahl», erklärt Philip Bräm. «Hier gibt es diese Hürde nicht. Wenn ich ein Ersatzteil für den Staubsauger brauche, das nicht mehr lieferbar ist, kann ich dieses Teil einscannen und selber nachbauen.»

Die Fablab-Ökonomie funktioniert anders

Karrer und Bräm sehen ihr Fablab nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zur industriellen Fertigung von Waren. So könnten hier auf kostengünstige Weise Prototypen entwickelt werden, die dann in spezialisierten Produktionsanlagen seriell hergestellt würden. Es sei ohnehin falsch, ein Fablab nach marktwirtschaftlichen Kriterien zu beurteilen, meint Karrer. «Es geht um Neugier, Kreativität und das Gefühl, etwas Einzigartiges herzustellen.»

Wie die Fablab-Philosophie in der Praxis funktioniert, zeigt das Beispiel des Ultimakers. Der 3-D-Drucker wurde ursprünglich in einem holländischen Fablab entwickelt. Seine Erfinder gründeten die Firma Ultimaking, die heute den Drucker als Bausatz über das Internet verkauft. Baupläne und Software sind Open Source, das heisst öffentlich und kostenlos verfügbar und modifizierbar. Weil der Bausatz für die Benutzer trotzdem günstiger ist, als sich alle Einzelteile selber zusammenzukaufen, kann die Firma vom Verkauf der Geräte leben. Ein Ultimaker-Bausatz kostet 1200 Euro – mindestens zehnmal weniger als ein kommerzieller 3-D-Drucker mit ähnlichem Leistungsumfang aus industrieller Produktion. Dafür nimmt man gerne in Kauf, dass der Ultimaker etwas «handgemacht» aussieht und mehr Wartung benötigt als das Industrieprodukt.

Rund zwanzig Minuten nach Druckbeginn hat das gleichmässige Sirren und Zirpen des Ultimakers ein Ende. Unsere Guetsliform ist fertig. Die Drucksoftware zeigt auch gleich die Materialkosten an: 17 Rappen. Rechnet man allerdings den Zeitaufwand und die Nutzungsgebühr für den Drucker dazu, ist es eine ziemlich teure Guetsliform. Aber eben: Darum geht es ja nicht. Eine «Tagi»-Guetsliform kann man schliesslich nirgends kaufen.


Das Fablab Zürich ist von Mittwoch bis Samstag ab 13 Uhr geöffnet. Weitere Informationen: zurich.fablab.ch

Erstellt: 18.12.2012, 11:01 Uhr

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Konstruieren statt konsumieren

Konstruieren statt konsumieren Das Fablab Zürich ist eine Hightechwerkstatt, die allen offensteht. Mit einem 3-D-Drucker und anderen Werkzeugen kann nach Lust und Laune experimentiert werden.

Die Werkzeuge im Fablab

3-D-Drucker
Der Ultimaker druckt dreidimensionale Objekte aus Kunststoff (PLA - Polylactic Acid, Polymilchsäure).

Lasercutter
Der Lasercutter schneidet z.B. Plastik, Holz, Karton und Stoff. Zudem wird er zum Eingravieren von verschiedensten Materialien (auch Metall) verwendet.

CNC-Fräsmaschine
Das Einsatzgebiet der CNC-Fräsmaschine ist das computergesteuerte Fräsen, Bohren und Gravieren von Nichteisenmetallen, Kunststoffen und Holz. (bh)

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