Keine Ethik, keine Tabus

Chinesische Wissenschaftler haben menschliche Embryos manipuliert. Der gesellschaftliche Aufschrei bleibt aus.

Im Fokus der Forscher: Menschliche Embryonen (im abgebildeten Fall ist er sieben Wochen alt). Foto: Ed Uthman (Flickr)

Im Fokus der Forscher: Menschliche Embryonen (im abgebildeten Fall ist er sieben Wochen alt). Foto: Ed Uthman (Flickr)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wissenschaftler aus China haben das Tabu zuerst gebrochen: mit der Manipulation an menschlichen Embryonen. Das ist keine Überraschung. Während andere Gesellschaften die ethische Problematik eines solchen Eingriffs ernst nehmen, reagiert man in China lethargisch. Das hat mit einem politischen System zu tun, das sein eigenes Überleben als Allgemeinwohl ausgibt.

In China gibt es keine ethische Erziehung. Zumindest keine, die einem Konsens staatlicher und ziviler Kräfte entspringt. Es gibt kaum gesellschaftliche Werte, die eine Diskussion über solche moralischen Fragen provozieren würde.

Hier ging es für die Menschen erst ums Überleben und danach darum, nicht den Anschluss zu verpassen. Dabei blieb das Bewusstsein für das Allgemeinwohl auf der Strecke. Und damit auch die gesellschaftliche Fähigkeit, sich gemeinsam ethischen Fragen zu stellen. Hier und dort spürt man, wie sehr viele Chinesen selbst darunter leiden. Als vor wenigen Jahren ein Kind überfahren und minutenlang am Strassenrand erfolglos um sein Leben kämpfte, ohne dass jemand half, empörten sich Millionen Menschen im Land über die Herzlosigkeit.

Die Liebe zur Partei lernen

Wenn aber die Diskussionen um gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu laut werden, schneidet die Zensur ihnen das Wort ab. Die Leute könnten zu dem Schluss kommen, dass die Verrohung unmittelbar mit dem politischen System zusammenhängt, das ihnen aufgezwungen wird.

Diktaturen wie die chinesische beginnen früh mit der Vermittlung ihrer Ideen. Schon die Kinder lernen den Patriotismus und die Liebe zur Partei. Später werden ihnen dann die Theorien eingepaukt, die jeder Staatschef entwickelt hat.

Dazu kommen die bedingungslose Vermittlung von Disziplin und Gehorsam. Das sind Tugenden, die man zu Recht asiatischen Kulturen zuschreibt. Doch in China geht es zuerst darum, gefügige Bürger heranzuziehen. Auch deshalb wird in China eine Wissenschaft, die Grenzen überschreitet, öffentlich nicht infrage gestellt.

Anerkennung und Fördergelder

66 Jahre autoritäre Machtausübung haben den Menschen die Kraft und den Mut geraubt, sich einer solchen Diskussion zu stellen. Wenn Forscher in solch einem Umfeld Tabubrüche begehen, dann ist niemand da, der sie aufhält. Das einzige Kriterium, das zählt, sind Schlagzeilen, die Chinas Errungenschaften reflektieren.

Hier liegt der zweite Grund dafür, dass es Chinesen waren, die auf diesem Feld weiter vorgestossen sind als irgend­jemand sonst auf der Welt. Die Aufmerksamkeit für das Projekt bringt Anerkennung vom Regime und nicht zuletzt eine Menge staatlicher Fördergelder. Dabei werten internationale Experten die Studie und ihre Veröffentlichung in einem unbekannten Fachmagazin für weitgehend irrelevant für die Entwicklung der Forschungsdisziplin.

Aber das macht die Sache nur noch delikater. Der Tabubruch wurde für ein weitgehend bedeutungsloses Resultat akzeptiert, weil es den Wissenschaftlern offenbar vor allem um die Lorbeeren im eigenen Land ging. China schiebt damit eine Dynamik an, die in anderen Ländern Angst produzieren könnte, auf dem Gebiet der Stammzellenforschung weit in Rückstand zu geraten. Es liegt an den führenden Forschungsnationen selbst, ob sie einem solchen Schrittmacher folgen wollen.

Erstellt: 03.05.2015, 23:50 Uhr

Artikel zum Thema

Die Designerbabys kommen

Das Gerücht war wahr: Chinesischen Forschern ist es erstmals gelungen, die DNA eines menschlichen Embryos künstlich zu manipulieren. Sie entfachen damit eine hitzige Ethikdebatte. Mehr...

Doppelte Hürde für Gentests an Embryonen

Jedes Paar, das auf künstliche Befruchtung zurückgreift, soll künftig kranke Embryos aussortieren können. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...