Konzessionen an die Angst

Auf jeden Unfall reagieren Fluggesellschaften innert Tagen ­mit Massnahmen. Handeln sie überhastet? Nein.

In der Luft, also in Gefahr. Foto: David Gray (Reuters)

In der Luft, also in Gefahr. Foto: David Gray (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die offizielle Untersuchung ist noch lange nicht abgeschlossen. Sie wird wie in den meisten Fällen mit einigen Empfehlungen der Experten enden. Das ist normal bei einem Flugzeugabsturz. Bereits beschliessen Fluggesellschaften erste Massnahmen und diskutieren weitere. Auch das ist nicht ungewöhnlich, denn man kann ein solches Ereignis nicht einfach hinnehmen. Etwas muss jetzt getan werden, damit es nicht noch einmal geschieht. Damit die Opfer «nicht umsonst ge­storben» sind.

Wenn man die Risikosituationen nach ihrer Häufigkeit einteilt, kommt ein Selbstmordflug weit hinten. In der Sicherheitsdiskussion gibt es andere Prioritäten: etwa die unterschätzten Gefahren auf dem Flugplatz, den Pisten und Rollwegen. Ob andrerseits die Schwimmweste unter dem Sitz nötig ist, bleibt offen. Sie verspricht vor allem fürs Auge Sicherheit.

Debatten, Massnahmen, Ankündigungen nach Unfällen kommen im hohen Tempo. Das wirkt oft wie Aktionismus, ist aber dennoch richtig. Die Verantwortlichen wollen zeigen, dass ein bisher offenbar vernachlässigtes Risiko erkannt worden ist. Die Checkliste der Risiken ist um eine Position verlängert worden, die aber gleich als erledigt abgehakt wird.

Das gilt auch für Massnahmen mit zweifelhaftem Erfolg. So stehen aktuell etwa strengere psychologische Abklärungen für Piloten zur Debatte. Garantieren sie Sicherheit? Selbst wenn nicht einmal extrem gründliche Gutachten zu Straftätern klare Prognosen ermöglichen? Dazu wird eine Meldepflicht für Ärzte erwogen, wenn sie einen Patienten für nicht mehr tauglich halten, ein Flugzeug, einen Zug oder etwa ein Skalpell zu bedienen. Was im Strassenverkehr bei Gesundheitstests für Senioren vorgesehen ist, müsste auch hier möglich sein. Doch bleiben viele Fragen offen. Wo verlaufen die Grenzen zur Privatsphäre, sogar zum Denunziantentum? Und: Haftet der Hausarzt, der den Herzinfarkt des Piloten nicht rechtzeitig vorhersah?

Ein Pilot ist kein Superman

Piloten, so wird befürchtet, könnten Arztbesuchen im Zweifel ausweichen, wenn sie ein Flug-, also ein Berufsverbot befürchten müssten. Letztlich bleibt auch mit Meldepflicht die Verantwortung, wo sie schon heute ist: Sich selber zu kennen und einzuschätzen, bleibt Sache der Person. Trotzdem gilt: Ein Pilot ist kein Superman, er muss sich eine Fremdbeurteilung gefallen lassen.

Fluggesellschaften nehmen den Absturz der Germanwings-Maschine zum Anlass, eine durchgehende Doppelbesetzung des Cockpits vorzuschreiben. Das kann einen entschlossenen Täter von seinem Vorhaben abhalten. Oder auch nicht. Es gibt Mittel und Wege, andere ausser Gefecht zu setzen. Computersysteme können manipuliert, Pannen provoziert werden. Die Verantwortung lässt sich nicht delegieren.

Zwar ist der Erfolg aller neuen Massnahmen nicht völlig sicher. Aber die Passagiere haben ein Recht darauf, dass ihre Angst ernst genommen wird. Denn auch wer nicht recht an Statistik glaubt, sieht das Restrisiko gern praktisch bei null. Etwas Restangst nehmen viele Fluggäste trotzdem an Bord. Diese kommt in den Wartezeiten einer kleinen Branche zugute: Bars, Raucherlounges und Einkaufspassagen am Gate, den Profiteuren der Nervosität. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2015, 23:55 Uhr

Artikel zum Thema

Probleme bei der Suche nach der zweiten Blackbox

Für die französischen Behörden ist es nicht überraschend, dass die zweite Blackbox der Germanwings-Maschine noch nicht entdeckt wurde. Die Lufthansa bezweifelt sogar, dass sie jemals gefunden wird. Mehr...

«Mach die verdammte Tür auf»

Verschiedene Medien berichten über eine angebliche Schwangerschaft von Lubitz' Freundin. Erst kürzlich sollen sie sich ausserdem getrennt haben. Auch neue Details der Gespräche an Bord des Unglücksflugs wurden bekannt. Mehr...

Co-Pilot litt offenbar unter Sehstörungen

Schwere psychosomatische Erkrankung und Sehprobleme: Andreas Lubitz wurde von mehreren Experten behandelt. Ermittler fanden Medikamente. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home Nehmen Sie sich Zeit für Veränderungen

Geldblog So streng ist der PK-Vorbezug limitiert

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Eingewickelt in Bananenblätter: Ein «Schlammmensch» nimmt auf den Philippinen am Taong Putik Festival teil. (24. Juni 2019)
(Bild: Ezra Acayan) Mehr...