«Je mehr Handy-Antennen, desto kleiner die Strahlenbelastung»

Die gesundheitlichen Folgen der neuen 5G-Mobilfunktechnologie sind noch wenig erforscht. Laut dem Umweltepidemiologen Martin Röösli senkt ein besseres Netz die Strahlenbelastung.

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Die Diskussion um die Gefahren von Handystrahlen gleicht manchmal einem Grabenkampf, in dem sich die Enthusiasten und Warner unversöhnlich gegenüberstehen. Ist das für einen Wissenschaftler wie Sie nicht ermüdend?
Nicht unbedingt. Klar, wenn mit persönlichen oder sachfremden Argumenten gefochten wird, ist das schon sehr mühsam. Aber an und für sich arbeite ich gerne an Problemen, die eine gesellschaftliche Relevanz haben.

Was weiss denn die Wissenschaft über das Risiko dieser elektromagnetischen Strahlung?
Heute weiss man viel mehr als noch vor zehn Jahren. 2009 etwa haben amerikanische Forscher unter Einbezug aller vorhandenen Daten wie Zunahme der Handynutzung, Risikoberechnungen und biologischer Grundlagen vorhergesagt, dass 2017 in den USA die Anzahl Hirntumore epidemieartig zunehmen werde. Tatsache ist, dass kein aussergewöhnlicher Anstieg zu erkennen ist.

Kritiker bemängeln, dass diese Epidemie nur noch nicht eingesetzt hat, weil sich Hirntumore so langsam entwickeln.
Das haben die Forscher bei ihrem Modell natürlich damals schon berücksichtigt. Wissenschaftlich gesehen, konnten wir also schon viele Unsicherheiten reduzieren. Es gibt sie natürlich immer noch, aber sie sind kleiner geworden.

Welche Unsicherheiten?
Man hat in verschiedenen Studien nicht thermische Effekte festgestellt, wenn man das Handy direkt am Ohr hat. Aber es gibt bisher keine guten Studien, die eine gesundheitsschädigende Wirkung dieser Effekte gezeigt haben.

Interessant war, dass bei Jugendlichen, die das Handy eher rechts nutzten, das räumliche Gedächtnis leicht beeinträchtigt war.

Welche nicht thermischen Effekte meinen Sie?
In einer Zürcher Studie wurde gezeigt, dass sich die Hirnströme verändern, wenn eine Versuchsperson eine halbe Stunde vor dem Schlafen Handy-ähnlichen Strahlen ausgesetzt war. Andere Studien haben gezeigt, dass in den Zellen teilweise reversible genetische Veränderungen durch oxidativen Stress ausgelöst worden sind. Diese Effekte wurden bei einer hohen Handystrahlung um den Absorptionsgrenzwert von 2 Watt pro Kilogramm Körpergewicht gemessen. Aber solche Dinge sieht man auch bei sehr vielen anderen Alltagseinflüssen, zum Beispiel bei Stress.

Man spricht etwa auch von Konzentrationsschwierigkeiten.
In einer neuen Studie mit Jugendlichen haben wir kleine Effekte auf das Gedächtnis festgestellt. Interessant war, dass bei Jugendlichen, die das Handy eher rechts nutzten, das räumliche Gedächtnis leicht beeinträchtigt war, das im Hirn ja auf der rechten Seite sitzt. Bei den Probanden, die eher links sprachen, war das linksseitige Sprachgedächtnis beeinflusst. Dieser Frage möchten wir in Zusammenarbeit mit französischen Forschern noch einmal nachgehen.

Ist es angesichts dieser Unsicherheit angebracht, die Grenzwerte für Basisantennen zu erhöhen, wie es im Moment diskutiert wird, um die Schweiz 5G-tauglich zu machen?
Beim Grenzwert, der erhöht werden soll, handelt es sich um den Anlagegrenzwert, der viel tiefer ist als der Belastungsgrenzwert, welcher die maximal zulässige Exposition bestimmt. Der Anlagegrenzwert ist ein Vorsorgegrenzwert, dem Personen nicht über längere Zeit ausgesetzt sein dürfen. Die Belastungsgrenzwerte wären immer noch die gleichen wie im Ausland. Wenn man unsere Anlagegrenzwerte erhöhen würde, hätte dies im Allgemeinen wenig Auswirkungen auf die Belastungssituation der Bevölkerung.

Wieso möchte man denn den Grenzwert erhöhen? Man könnte ihn ja auch belassen, wie er ist.
Mit einer Lockerung des Grenzwerts könnten die Betreiber den zusätzlichen Service auf bestehende Anlagen montieren, und das kreiert normalerweise keinen Widerstand. Sonst müssten sie neue zusätzliche Standorte suchen. Das ist also eher ein Problem des Bewilligungsverfahrens. Der Widerspruch liegt natürlich darin, dass die Leute weder höhere Grenzwerte noch ein dichteres Antennennetz möchten – und trotzdem eine totale Mobilkommunikation.

Ein dichteres Antennennetz kann bezüglich Gesamtbelastung vorteilhafter sein, denn dann braucht das Handy weniger Funkleistung.

Eine Antenne in dicht besiedeltem Gebiet, etwa auf Schulhäusern, ist für Eltern keine angenehme Vorstellung.
Das könnte unter Umständen besser sein, als wenn die Antenne möglichst weit davon entfernt gebaut wird. Denn wir wissen, dass die Strahlung eines Handys von der Verbindungsqualität abhängt. Bei guter Verbindung vermeidet man die hohe lokale Bestrahlung am Körper, bei der man teilweise biologische Effekte beobachtet. Der Anteil der Bestrahlung von Basisantennen an der Gesamtbelastung des Gehirns ist vernachlässigbar klein und liegt bei vier bis fünf Prozent. Und selbst wenn man die Ganzkörperbestrahlung misst, ist das Handy die wichtigste Strahlungsquelle.

Was bedeutet das?
Ein dichteres Antennennetz kann bezüglich Gesamtbelastung vorteilhafter sein, denn dann braucht das Handy weniger Funkleistung. Ein Maturand hat für uns einmal mit seiner ganzen Klasse eine Messung mit einem Dosimeter in seinem Schulhaus durchgeführt. Im Untergeschoss, wo der Empfang schlecht war, hat er eine sehr starke Strahlenbelastung gemessen, wenn alle Schüler ihr Mobiltelefon gebraucht haben. Im Schulzimmer, wo die Verbindung gut war, war die Strahlenbelastung deutlich kleiner, auch wenn alle mit ihrem Handy telefoniert haben. Das ist ja das Erstaunliche bei der Mobilfunkstrahlung. Es ist vielleicht der einzige Umweltfaktor, bei dem mehr Quellen, also mehr Antennen, zu einer Reduktion der Belastung führen könnten. Dank unseren tiefen Anlagegrenzwerten haben wir hier in der Schweiz auch ein dichteres Netz von Mobilfunkbasisstationen, sodass die Empfangsqualität bei den Handys durchschnittlich besser ist. Das spricht eigentlich eher gegen eine Erhöhung des Grenzwerts.

Immer mehr Schulen haben WLAN, was die Bestrahlungssituation wohl nicht entspannt.
Das Modem zu Hause oder im Schulhaus hat praktisch keinen Einfluss auf die Gesamtbelastung. Auch das haben wir getestet. Dabei haben wir gesehen, dass die Strahlenbelastung bei Schülern, die in ein Schulhaus mit WLAN gehen, nur um 0,2 Prozent höher ist als in einem Schulhaus ohne WLAN.

Wie wird sich die Strahlenbelastung mit der Einführung eines künftigen 5G-Netzes ändern?
Es gibt ja zwei Arten von 5G. Das eine läuft auf ähnlichen Frequenzen wie bisher, das auch grossräumig gebraucht wird. Ein zweites arbeitet mit sehr grossen Bandbreiten bei Frequenzen von 20 bis zu rund 70 Gigahertz. Dieses wäre dann ähnlich wie ein WLAN-Netz konfiguriert mit lokalen Accesspoints. Bei diesen hohen Frequenzen werden elektromagnetische Strahlen im Millimeterbereich ausgesendet, die aber von Hindernissen sehr schnell absorbiert werden. Man kann sie deshalb nur in Innenräumen oder draussen bei direkter Sichtverbindung verwenden, um grosse Datenmengen zu senden. Das Gleiche gilt aber auch für den Körper. Diese Strahlung dringt nicht mehr in den Körper ein, sondern wird auf den ersten paar Millimetern der Haut absorbiert.

Was heisst das für mögliche gesundheitliche Wirkungen?
Das ist eine positive Meldung in Bezug auf das Risiko von Hirntumoren oder auf hormonaktive Auswirkungen, die man in der Hypophyse oder dem Hypothalamus vermuten könnte. Das kann man praktisch ausschliessen. Negativ ist, dass die absorbierte Energie pro Körperfläche viel höher ist, sodass man sich Veränderungen in der Haut vorstellen könnte, inklusive eines Risikos für Hautkrebs. Eine israelische Studie hat kürzlich gezeigt, dass die Schweissdrüsen wie Antennen wirken könnten. Aber das ist noch nicht klar erwiesen.

Die Strahlung eines 3G-Handys kann um den Faktor 100'000 variieren, abhängig von der Verbindungsqualität.
Das ist massiv.

Müsste man die Forschung über das 5G-Netz nicht wesentlich verstärken?
Das stimmt, in diesem Bereich gibt es wirklich noch sehr wenig Daten. Mein Gefühl ist, dass es auch hier darum geht, das Handy nicht zu nahe am Ohr zu halten, um hohe Belastungen zu vermeiden. Der Accesspoint ist dabei wohl weniger das Problem.

Die Ärzte für den Umweltschutz fordern ein Moratorium für den Ausbau des 5G-Netzes und sogar eine Senkung der Anlagegrenzwerte. Ist das sinnvoll?
Ich verstehe diese Forderung. Der Vorsorgegedanke in Bezug auf die maximale Exposition am Körper ist meiner Meinung nach angebracht. Dieser lässt sich jedoch nicht mit einer Änderung beim Grenzwert lösen, sondern mit guten Netzen und mit einer sauberen technischen Konfigurierung der Handys. Es würde viel mehr bringen, wenn man die Handys auf eine möglichst tiefe Strahlung optimieren würde. Aber diesbezüglich gibt es überhaupt keine Regulierung und Anreize, entsprechend sind die Hersteller auch nicht daran interessiert, hier zu investieren.

Wo sollte man künftige Forschungsschwerpunkte setzen?
Letztlich ist es erstaunlich, wie wenig man über die effektive Bestrahlung durch das Handy weiss. Diese bewegt sich in einem wahnsinnig dynamischen Bereich. Die Strahlung eines 3G-Handys etwa kann um den Faktor 100'000 variieren, abhängig von der Verbindungsqualität. Das ist massiv. Es geht um gewaltige Grössenordnungen, dies ist auch bei der Handynutzung der Fall. Jeder telefoniert mit dem Handy, weshalb im Prinzip schon kleine Effekte eine grosse Wirkung haben können. Kaum eine andere Umweltexposition hat sich so rasch weltweit ausgebreitet. Deshalb ist die Idee eines Monitorings der Strahlen und der Gesundheit, wie es im neuen Fernmeldegesetz vorgeschlagen ist, sicher sehr wichtig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 23:41 Uhr

Ultraschnelle 5G-Technologie

Politische Verzögerung droht

Das ultraschnelle und breitbandige Mobilfunknetz der fünften Generation (5G) kommt zwar erst ab 2020, doch das Thema ist politisch schon heiss umstritten. Weil die Mobilfunkunternehmen die dafür benötigten Sendeanlagen auf die bestehenden Antennen montieren möchten, fordern sie eine Erhöhung der in der Schweiz vergleichsweise sehr tiefen Anlagegrenzwerte. Ohne Anpassung müssten vor allem in Siedlungsgebieten neue Standorte gesucht werden, was teure und langwierige Bewilligungsverfahren nach sich ziehen würde. Die Fernmeldekommission des Ständerates hat deshalb Ende Januar eine Motion für eine Lockerung der Verordnung über den Schutz vor nichtionisierenden Strahlen (NISV) überwiesen, in der die Grenzwerte festgelegt sind. Organisationen wie Ärzte für den Umweltschutz kritisieren dies als Aufweichung des vorsorglichen Schutzes und fordern darüber hinaus ein grundsätzliches Moratorium bei der 5G-Technologie, weil deren Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit noch zu wenig erforscht seien. (mma)

Martin Röösli

Der Umweltepidemiologe ist Professor am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel. Mobilfunkstrahlung ist sein Forschungsschwerpunkt.

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