Milliarden lösen sich in Luft auf

Die Erdölindustrie verschwendet weltweit immense Mengen von Erdgas – durch Abfackeln. Damit ist wohl bald Schluss: Dank neuer Techniken kann das Gas verflüssigt und gebraucht werden.

In Afrika wird die Hälfte des Erdgases abgefackelt: Brennendes Erdgas auf dem Ölfeld Idu Agip in Nigeria. Foto: Keystone

In Afrika wird die Hälfte des Erdgases abgefackelt: Brennendes Erdgas auf dem Ölfeld Idu Agip in Nigeria. Foto: Keystone

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Wenn die Astronauten der Raumstation ISS in der Nacht aus dem Fenster schauen, sehen sie eine Erde voller künstlicher Lichter. Hell strahlen aber nicht nur die Grossagglomerationen, Hunderte Lichter sind in unbewohnten Gegenden oder auf dem Meer sichtbar –es sind die Anlagen, mit denen die Ölfördergesellschaften Erdgas abfackeln. Das Gas, das bei vielen Ölquellen im Öl unter Druck gebunden ist, wird an der Oberfläche frei. Da es wirtschaftlich weniger interessant ist als das Öl, wird es verbrannt. Dies wird seit Jahrzehnten bei der Ölförderung an Land und auf See praktiziert.

Die Mengen sind beträchtlich: Jedes Jahr werden 140 Milliarden Kubikmeter Gas abgefackelt. Dies entspricht einem Fünftel des Gasverbrauchs der USA. Das nutzlos verbrannte Gas hätte auf dem Markt einen Wert von etwa 30 Milliarden Franken. Es entstehen bei dem Vorgang 360 Millionen Tonnen des Treib-hausgases Kohlendioxid, so viel, wie 125 Kohlekraftwerke oder 77 Millionen Autos erzeugen.

Die Rechnung stammt von einer Organisation, mit der die Weltbank, die Ölstaaten und die Erdölmultis das Problem der Abfackelung angehen wollen. Seit 2002 arbeitet die Gruppe an besseren Lösungen. 2030 soll Schluss sein mit dem Abfackeln, verkündete Anita Marangoly George, die zuständige Direktorin bei der Weltbank, an einer Konferenz im Sommer. «Wir können uns diese Verschwendung einfach nicht mehr leisten», sagte sie. Oder wie es ein Firmensprecher formulierte: «Man sieht bei den Fackeln förmlich die Dollarnoten im Himmel verschwinden.»

Russland gelobt Besserung

Die grössten Luftverschmutzer durch Abfackeln sind Russland (mit grossem Abstand), Nigeria, die USA, der Iran und der Irak. Besonders absurd ist der Fall von Nigeria: Während es dem Land an Energie fehlt und Millionen Einwohner keine Stromversorgung haben, verheizt es einen Teil seiner Bodenschätze nutzlos durch Abfackeln. In Afrika insgesamt geht die Hälfte des Erdgases aus der Ölförderung verloren. Russland hat Besserung gelobt, sieht sich aber vor logistischen Problemen, weil viele der Ölquellen sehr abgelegen und schlecht erschlossen sind.

Grosse Investitionen sind bereits in Angriff genommen worden. In den USA hat der Fracking-Boom als Nebeneffekt zur Ölschwemme auch noch einen Erdgasboom gebracht, aber auch hier fehlt es oft an Transportmöglichkeiten für das Überschussprodukt Gas.

Mehrere Bundesstaaten sind daran, die Vorschriften für das Abfackeln zu verschärfen, vor allem in der geologischen Region Bakken im Grenzbereich zwischen den USA und Kanada, die durch das Fracking zum wichtigsten Fördergebiet geworden ist, aber auch im klassischen Ölstaat Texas. Im neuen Eldorado North Dakota werden heute bis zu 30 Prozent des Erdgases abgefackelt, weil es an Pipelines fehlt. Alternativen zum Abfackeln gibt es. Am naheliegendsten ist die Verwertung des Gases gleich an Ort und Stelle. Das Gas kann etwa in die ölführende Schicht zurückgepumpt werden, womit die Ausbeute besser wird. Das Nebenprodukt Gas kann auch für die Strom­erzeugung genutzt werden: Statt wie bisher mit Dieselmotoren liessen sich die Förderanlagen dann elektrisch betreiben.

Gas wäre sauberer als Diesel

Beim Fracking fällt sehr viel Abwasser an, das entweder rezykliert oder gut gereinigt werden muss, was beides viel Energie braucht. Das Erdgas oder der Strom kann ins Netz verkauft werden, sofern Leitungen und Verbraucher in der Nähe sind, was im hohen Norden oder auf dem Meer nicht der Fall ist. In solchen Fällen bieten sich aber Möglichkeiten an, das Gas zu komprimieren oder zu verflüssigen und schliesslich in Tankwagen zu den Verbrauchern zu bringen. In Kanada und den USA wird an solchen Systemen gearbeitet, und Lastwagen oder Schiffe sollen bald in grosser Zahl mit Erdgas fahren, was nicht nur sauberer, sondern auch billiger als Dieseltreibstoff sei, wie es vonseiten der Industrie heisst.

Es gibt allerdings auch einige Hürden für die Nutzung des Gases. Bei vielen Quellen fällt es unregelmässig an, was für den Verkauf ein Nachteil sein kann. Manchmal sind die Mengen zu klein, als dass sich die Investition in eine Erfassung des Gases lohnen würde. Die Qualität des Gases ist nicht immer sehr gut; wenn es wegen hohen Schwefelgehalts aufbereitet werden muss, fallen Kosten an. Der Prozess soll noch verbessert werden, sodass auch schlechteres Gas verwertet werden kann. Die Technik der Gasverflüssigung in kleineren Anlagen direkt bei den Ölquellen muss noch verbessert werden, doch auch auf diesem Gebiet werden Fortschritte gemacht. An einer internationalen Konferenz im November wollen die in diesem Geschäft tätigen Unternehmen der Branche neue Techniken vorstellen.

Rentabler als die Nutzung ist in vielen Fällen heute immer noch das Abfackeln, die Staaten sehen sich daher gezwungen, die Vorschriften dafür zu verschärfen. Ganz verbieten lassen wird sich das Verfahren nicht, denn bei gewissen Produktionsphasen muss das Gas aus Sicherheitsgründen möglichst schnell beseitigt werden. Unkontrollierte Gasausbrüche auf Bohrstellen sind gefürchtet und können schwere Folgen haben.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.10.2014, 18:06 Uhr

Grobe Schätzung

Satellitendaten sind mangelhaft

Die Mengen des abgefackelten Erdgases werden global durch die Auswertung von Satellitendaten ermittelt. Es handelt sich dabei um Schätzungen. Erdbeobachtungs­satelliten erstellen beim nächtlichen Über­fliegen ein optisches Bild einer Region. Aus der Helligkeit der aufgenommenen Punkte, korrigiert bezüglich Wolken, Polarlichter und Stadtbeleuchtungen, wird dann die Menge des verbrannten Gases errechnet.

Die verwendeten Sensoren und Rechen­modelle sind mit Mängeln behaftet, die alternden Geräte müssen laufend neu geeicht werden. Verbesserungen der Satelliten lassen auf sich warten, denn das US-Amt für Ozean- und Atmosphärenbeobachtung (Noaa), das die Satelliten betreibt, ist von den Budgetkürzungen der Regierung betroffen. So konnte die Auswertung der Daten von 2013 noch nicht vorgenommen werden.

Das System selber hat ebenfalls seine Schwächen. So können kleinere Abfackelungsanlagen, die nicht hell genug strahlen, nicht erfasst werden. Anlagen in der Nähe dicht besiedelter Zonen gehen oft unter im ­Umgebungslicht. Was die Satellitenbeob­achtungen bisher gar nicht erkennen können, sind Freisetzungen von Gasen, die unverbrannt in die Atmosphäre entlassen werden. Unverbranntes Erdgas trägt jedoch besonders stark zu den Klima­effekten bei. (Walter Jäggi)

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