Mit der Tortilla-Maschine die Welt erobern

Der Mexikaner Carlos Ruiz entwickelt in Zürich mit seiner Firma Flatev eine Maschine, die Fladenbrote herstellt – das Prinzip ähnelt dem von Nespresso-Kaffeemaschinen.

Flatev-Team mit Prototyp: Louis Frachon, Sébastien Kulling, Jonas Müller und Carlos Ruiz.

Flatev-Team mit Prototyp: Louis Frachon, Sébastien Kulling, Jonas Müller und Carlos Ruiz. Bild: Dominique Meienberg

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Ein junger Mann steckt eine Teigkapsel von der Grösse eines Joghurtbechers oben in eine Maschine. Es vergeht keine Minute, bis unten aus einem Schlitz eine frisch gebackene, heisse Tortilla ausgeworfen wird. Noch ist diese Maschine ein Prototyp, doch in Zukunft soll sie in Haushalten in allen Ländern der Welt stehen, in denen Menschen Fladenbrote essen. Und das sind nicht wenige.

Entwickelt und zusammengeschraubt hat die Maschine der ETH-Student Jonas Müller – zum Teil im Keller des Hauses im Triemliquartier, wo er in einer WG wohnt. Der 25-Jährige ist Mitgründer und Geschäftsleitungsmitglied der Firma Flatev. Der Firmennamen setzt sich aus Flatbread (Fladenbrot) und Evolution (Entwicklung) zusammen.

Initiator und Kopf der Firma ist jedoch Carlos Ruiz – ein Mexikaner, der an der Uni Zürich Politikwissenschaft und Wirtschaft studiert hat. Er wohnt an der Weiten Gasse in der Zürcher Altstadt. Gleichzeitig ist die Wohnung Sitz der Aktiengesellschaft Flatev. Ruiz ist Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident in einer Person.

Die Idee kam beim Kaffeekochen

Als Mexikaner vermisste Ruiz in Europa schon lange gute Tortillas – das tägliche Brot in seiner Heimat. In der Schweiz fand er weder in Restaurants noch bei Grossverteilern Maisbrote, die ihm zugesagt hätten. Der Grund: Diese Fladenbrote sind vorproduziert und werden in Restaurantküchen und zu Hause aufgewärmt – sie sind deshalb trockener als frisch zubereitete Brote, und sie haben einen leichten Nebengeschmack, den von Konservierungsmitteln. Tortillas frisch zuzubereiten, ist aber für viele zu aufwendig. Und auch nicht so einfach, wie Carlos Ruiz bei Backversuchen mit Rezepten seiner Mutter selber feststellen musste.

Die Idee für die Tortilla-Maschine kam Ruiz im Sommer 2010. Er fragte sich damals: Könnte man nicht eine Maschine entwickeln, die im Prinzip wie eine Kaffeekapselmaschine funktioniert? Eine Maschine, die nicht nur in der Küche steht, sondern direkt am Esstisch, damit alle gemeinsam ihre Tacos zubereiten können, wie beim Raclette?

In seinem Umfeld im Studentenheim beim Balgrist suchte Ruiz eine Person, die einen solchen Automaten bauen konnte. Er fragte den Maschineningenieur-Studenten Müller, von dem er wusste, dass dieser als Gymnasiast Roboter konstruiert und damit erfolgreich an Wettbewerben teilgenommen hatte. Müller, der bis dahin kaum Tortillas gegessen hatte, machte sich an die Arbeit. Gleichzeitig konnte er die richtigen Leute finden und diese für seine Idee begeistern. Eine wachsende Truppe traf sich an Abenden und an Wochenenden, pröbelte und diskutierte, machte Konzepte und erste Marktanalysen. Und ass immer wieder Tortillas. Als es dann darum ging, eine Firma zu gründen, stiegen einige aber wieder aus.

Erfolg an Wettbewerben

Ruiz selber besuchte ein Studienmodul am Swiss Banking Institut, an dem er die Geschäftsidee der Tortilla-Maschine theoretisch weiter vorbereiten konnte. Und er baute sein Netzwerk immer mehr aus: Ein ETH-Lebensmitteltechnologe half bei ersten Tests mit dem Teig. Und mit Louis Frachon stieg ein erfahrener Unternehmensgründer ein. Er fand die Idee der Firma «cool» und wollte helfen, ihr Strukturen zu geben. Ihn reizte zudem, dass hier eine Maschine für den Privatmarkt hergestellt werden sollte. «Zu diesem Zeitpunkt merkten wir: Jetzt wirds professionell», sagt Ruiz.

Die Idee und mit ihr die Firma Flatev stiessen auf Interesse. An Wettbewerben für Start-up-Unternehmen wie Venture Kick erhielt sie Anerkennung, gewann Preise und vor allem Geld, dank dem das Projekt vorangetrieben werden konnte. An einer selbst organisierten Premiere in San Francisco im letzten Oktober konnte der Prototyp vor grossen Tortilla-Herstellern und Konsumenten vorgestellt werden. Dabei wurden viele neue Kontakte geknüpft.

Maschine soll weltweit zum Einsatz kommen

Eingestiegen ins Projekt ist Ende 2012 auch Sébastien Kulling, der zehn Jahre bei Nestlé gearbeitet hat, unter anderem im Marketing und der Entwicklung sowie im Verkauf von Nespresso. Kulling berät heute Start-up-Firmen. «Es gibt so viele Gründe, ein Projekt zu stoppen. Hier hat sich aber eine Gruppe von jungen und erfahrenen Leuten gefunden, die ein neues, sehr interessantes Unternehmen gestartet haben», sagt Kulling. Man spüre, dass alle mit viel Spass an der Arbeit seien. Die Frage, welche Marktchance er Flatev einräume, will Kulling nicht beantworten. Er sagt aber, dass der Tortilla-Markt alleine in den USA 10 Milliarden Dollar schwer sei.

Doch Ruiz hat mit Flatev nicht nur den US-Markt im Visier. «In vielen Ländern essen Leute Fladenbrote, unsere Maschine soll überall zum Einsatz gelangen können», sagt er. Für Arepas in Zentral- und Südamerika, für Khubz auf der Arabischen Halbinsel, für Piadina in Italien, für Pitas in der Türkei, für Naans und Chapatis in Indien und für Loabing in China. «Heute steht man sogar in Mexiko nicht mehr den ganzen Tag in der Küche und bereitet für die Familie über Stunden Mahlzeiten vor.»

Teil der Schweizer Start-Up Nationalmannschaft

Momentan führt das Team Gespräche mit Investoren, um 1,2 Millionen Franken aufzutreiben. Im Bau ist zudem ein neuer Prototyp, der sich vom ersten unterscheidet. Bei diesem werden mehrere Kapseln auf die Maschine gesteckt, und die fertigen Fladenbrote werden in einer Schublade der heissen Maschine gestapelt.

Und schon bald steigen die Flatev-Leute in den Flieger: Im Juni und Juli präsentieren sie ihr Projekt wieder in den USA, gleichzeitig wollen sie den Markt testen. Zudem wird Flatev in der Schweizer Start-up-Nationalmannschaft an einem Geschäftsentwicklungsprogramm in Boston teilnehmen – zusammen mit 19 anderen Schweizer Jungunternehmen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2013, 14:24 Uhr

Bereit zum Geniessen: Der fertige Tortilla. (Bild: Dominique Meienberg)

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