Mit neuen AKW gegen den Klimawandel – kommt das gut?

Um CO2-Emissionen zu drosseln, will Bill Gates neue Reaktoren bauen und Forscher fordern längere Laufzeiten. Ein Tropfen auf den heissen Stein, sagen Experten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man muss schon sehr von einer Technologie überzeugt sein, um aus Liebe dazu einen Elvis-Song zu verunstalten. «Can’t Help Falling in Love with U», singen ein paar Dutzend Aktivisten vor einem Universitätsgebäude in Amsterdam und formen dabei die Hände zu einem U, dem Symbol von Uran.

Das Youtube-Video stammt vom Verein Environmental Progress, der sich für eine Renaissance der Kernkraft einsetzt. In München hielten die Aktivisten kürzlich ein «Nuclear-Pride-Fest» ab, um die Kern­spaltung zu feiern und den Bau neuer Reaktoren zu fordern.

Jahrzehntelang war die Atomkraft das grosse Feindbild der Umweltbewegung. Doch diese Front ist nicht mehr so geschlossen wie einst. Gruppen wie Environment Progress oder die sogenannten Ökomodernisten sehen in der Atomenergie nicht mehr ein ökologisches Übel, sondern eine Lösung von Umweltproblemen. Anders als etwa die Verbrennung von Kohle oder Gas verursache die Spaltung von Atomkernen keine Kohlendioxidemissionen und sei daher unerlässlich, um die Erderwärmung noch zu bremsen.

Nicht ganz uneigennütziger Einsatz von Bill Gates

Prominentester Fürsprecher dieser These ist Bill Gates, der sich kürzlich mit Abgeordneten des US-Kongresses traf, um sie von den Vorzügen der Atomenergie zu überzeugen, wie die «Washington Post» berichtet. In einem ­offenen Brief an Angestellte schrieb Gates Ende vergangenen Jahres: «Kernenergie ist ideal, um dem Klimawandel zu begegnen, weil es die einzige CO2-freie, skalierbare Energiequelle ist, die 24 Stunden am Tag verfügbar ist.» Die Probleme bei derzeitigen Reaktoren – etwa das Risiko für Unfälle – könnten mit Innovationen gelöst werden.

Gates’ Einsatz dürfte nicht ganz uneigennützig sein. Dem Microsoft-Gründer gehört die Firma Terra Power, die an neuartigen Atomreaktoren forscht. Eine Milliarde Dollar will Gates nach eigenen Angaben in die Technik investieren, eine weitere Milliarde von privaten Geldgebern einwerben – plus nach Möglichkeit staatliche Unterstützung erhalten. Mehr Geldmittel forderte kürzlich auch eine Gruppe Wissenschaftler im Fachmagazin «Science». Es sei ein schwerer Fehler, Kernkraftwerke abzuschalten, so ihr Argument – denn dann würden die Treibhausgasemissionen erst recht steigen. «Wir sollten die bestehenden Kernkraftwerke erhalten und überdenken, wie neue Anlagen entstehen können.»

«Das fundamentale Problem sind die Kosten.»Aus einem Bericht des MIT

Doch der Ausbau der Kernenergie wäre eine äusserst gewagte Investition. «Das fundamentale Problem sind die Kosten», heisst es in einem aktuellen Bericht des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zur Zukunft der Kernenergie. Während erneuerbare Energien wie die Fotovoltaik oder Windkraft in den letzten Jahrzehnten beständig billiger wurden, verteuerten sich neue Kernkraftwerke gleichzeitig. Derzeit liefert die Kernspaltung noch etwa elf Prozent der weltweiten Elektrizität. Die MIT-Forscher haben die Kosten von Kernenergie für mehrere ­Regionen durchgerechnet, mit klarem Ergebnis: Was die Erzeugung betrifft, sind Wind und Fotovoltaik praktisch immer günstiger als die Atomenergie, selbst bei optimistischen Annahmen für die Kernkraft.

Um diese wieder konkurrenzfähig zu machen, müsste viel passieren. So schlagen die MIT-Wissenschaftler vor, die Regularien für Kernkraftwerke nach unten zu schrauben, also die Sicherheitsstandards abzusenken. Um die Anlagen günstiger zu machen, müssten Komponenten wie am Fliessband gefertigt, Prototypen neuartiger Reaktoren in riesigen «Reaktorparks» nebeneinandergestellt werden, um sie dort schneller zu testen.

Die Kernkrafttechnik wird immer teurer

Niedrigere Sicherheitsstandards und Testgelände für unausgereifte Reaktoren dürften an­gesichts von Katastrophen wie Tschernobyl und Fukushima vielerorts kaum zu vermitteln sein. Auch die Standardisierung von Kraftwerken, etwa durch die ­Entwicklung des sogenannten Europäischen Druckwasserreaktors, hat noch nicht die erhoffte Ersparnis gebracht: Drei Reaktoren dieses Typs sind derzeit in Europa im Bau, in allen drei Fällen – in Finnland, Frankreich, Grossbritannien – sprengen Kosten und Bauzeit die ursprünglichen Erwartungen. Die Bauarbeiten in Finnland dauern schon fast zehn Jahre länger als geplant. Die britische Anlage Hinkley Point C dürfte nach ­Berechnungen von Greenpeace über eine Laufzeit von 35 Jahren 108 Milliarden Euro an Subventionen kosten.

«Kernkraft ist die einzige Technik, die immer teurer wird», sagt Frank Peter, Chef des Thinktanks Agora Energiewende. Er stellt nicht nur neue Atomkraftwerke infrage, sondern auch die Verlängerung von Laufzeiten für alte Meiler, wie sie derzeit etwa in den USA diskutiert wird. Reaktoren nur 20 Jahre über Plan laufen zu lassen, erfordere meist teure Modernisierungen, um die alternde Technik in Schuss zu halten. «Selbst diese Investitionen machen ökonomisch häufig keinen Sinn», sagt Peter. Zwar sei es ein Problem, wenn Kernkraftwerke durch fossile Energiequellen wie Kohle oder Gas ersetzt würden. Diese Lücke könnten aber auch genauso gut Wind und Sonne füllen.

Neue Reaktortypen mit kaum erforschten Risiken

Wie viel die Kernenergie überhaupt dazu beitragen könnte, das Klima zu retten, hat die Internationale Energieagentur (IEA) untersucht. Um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, müssten die weltweiten Emissionen von heute 37 Milliarden Tonnen bis 2050 auf unter 5 Milliarden Tonnen sinken. Den grössten Anteil an dieser Reduktion, fast 40 Prozent, kann laut IEA eine bessere Energieeffizienz leisten, also ein effizienterer ­Umgang mit Energie.

Ein weiteres Drittel könnten die erneuerbaren Energien beisteuern. Die Kernkraft käme in diesem Szenario auf einen Anteil von fünf Prozent. «Selbst dafür müssten etwa 1000 Kernkraftwerke neu gebaut werden», sagt Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Im Vergleich zu heute wäre das eine Verdreifachung der Reaktoren. «Eine gigantische Grössenordnung, um einen minimalen Beitrag für das Klima zu leisten», so Fischedick.

Um die Kosten- und Sicherheitsprobleme in den Griff zu bekommen, hoffen viele Kernkraft­befürworter auf Neuentwicklungen. So arbeitet Bill Gates’ Nuklearfirma Terra Power an einem sogenannten Laufwellenreaktor, der mit abgebrannten Brennstäben aus Leichtwasserreaktoren oder abgereichertem Uran auskommen soll. Das Konzept dafür stammt aus den 50er-Jahren. Über die Grundlagen­forschung ist die Technologie ­allerdings noch nicht hinaus­gekommen. Bekannt ist, dass die Reaktionen Temperaturen von mehr als 500 Grad Celsius erfordern, was eine starke Materialbelastung darstellt und eine Kühlung aus flüssigem Natrium erfordert – Risikofaktoren, die bis jetzt kaum erforscht sind.

Einen funktionierenden Prototypen strebt Terra Power nach eigenen Angaben bis Mitte der 2020er-Jahre an. Selbst dann wäre es noch ein langer Weg bis zu einem fertigen Atomkraftwerk, das Strom liefert. «Bis ein Kraftwerk dieses Typs im Grossmassstab im Einsatz ist, müssen wir den Klimawandel längst ­gelöst haben. Darauf können wir nicht warten», sagt Manfred ­Fischedick.

Erstellt: 05.02.2019, 09:57 Uhr

Artikel zum Thema

Kann Atomkraft den Klimawandel stoppen?

Dreckig und unsicher: Der Ruf der Atomenergie ist ramponiert. Nun sagen Wissenschaftler, es brauche die Kernkraft, um die Erderwärmung zu bremsen. Mehr...

«Um es freundlich zu sagen: Das ist nicht klug»

Deutsche Kritik an der Energiewende: Spitzenpolitiker Jürgen Trittin findet es falsch, dass die Schweiz ohne fixe Abschaltdaten aus der Atomenergie aussteigen will. Mehr...

Die wundersame Verjüngung des ältesten AKW der Welt

Hinter indischen und amerikanischen Reaktoren: Warum Beznau I in der IAEA-«Rekordliste» nach hinten gerutscht ist. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...