Mutti war ein Goldstück, jetzt ist sie ein Diamant

Ein Churer Ökonom stellt aus der Asche von Verstorbenen Diamanten her. Und das Geschäft floriert.

Zur Sicherheit in zwei Portionen eingeflogen: Urnen aus Japan im Churer Labor.

Zur Sicherheit in zwei Portionen eingeflogen: Urnen aus Japan im Churer Labor. Bild: Nicola Pitaro

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Geheimnisvoll blau schimmert der Diamant am Finger. Er erinnert an die verstorbene Grossmutter. Nicht weil das Schmuckstück von ihr vererbt wurde, sondern weil es aus ihrer Asche hergestellt ist. Diamanten aus Verstorbenen – ein «Juwel von einem Menschen», schreibt Veit Brimer.

Auf die Idee, aus der Asche von Menschen Diamanten herzustellen, kamen die beiden Ökonomen Rinaldo Willy und Veit Brimer aus einer «Laune» heraus, wie Brimer etwas verschämt zugibt. Sie hatten einen Vortrag eines russischen Wissenschaftlers gehört, dem es gelungen war, Diamanten aus verbrannten Pflanzenstoffen herzustellen. Sie fragten sich: «Geht das nicht auch mit menschlicher Asche?»

Viele Kunden aus Asien

Anfänglich sei es eher eine Gedankenspielerei gewesen, sagt Brimer. Und sie hätten sich selbst jene Fragen gestellt, die vielen Menschen durch den Kopf schiessen, wenn sie das erste Mal davon hören: Ist das nicht makaber? Geschäftemacherei aus der Trauer? Auch seine Eltern seien irritiert gewesen, als er ihnen von der Idee erzählt habe. Doch drei Wochen später rief ihn seine Mutter aus Deutschland an und sagte: «Dein Papa und ich haben uns das überlegt. Wir wollen einmal Diamanten werden.»

Natürlich macht Veit Brimer heute mit der 2004 gegründeten Firma Algordanza Geschäfte. Ein knapp einen halben Zentimeter grosser Diamant (0,3 Karat), in Brillantform geschliffen, kostet 5669 Franken, ein 0,6-Karäter gut 10'000. Die Firma hat mittlerweile rund 2500 Diamanten ausgeliefert, beschäftigt 85 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und hat Filialen in 25 Ländern. Die Diamantherstellung geschieht aber ausschliesslich in Chur.

Scharlatanerie-Vorwürfe

Der Firmenname leitet sich vom rätoromanischen Wort für «Erinnerung» ab, und über dem Leitbild steht ein Zitat von Jean Paul: «Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.» Was geschrieben etwas salbungsvoll anmutet, wirkt aus Brimers Mund glaubwürdig. Er habe sich, seit er die Firma betreibe, stark mit dem Tod auseinandergesetzt und dabei erfahren, wie unterschiedlich die verschiedenen Kulturen und Religionen mit ihrer Trauer umgehen. «Bei uns ist es wichtig, vom Verstorbenen Abschied zu nehmen. In den meisten asiatischen Kulturen möchte man die Verstorbenen möglichst immer nahe bei sich haben.» Daher erstaunt es ihn nicht, dass bisher neunzig Prozent der Diamanten ins Ausland gehen, vierzig Prozent in den asiatischen Raum, vorab nach Japan.

Erst aber mussten Willy und Brimer sich gegen die Naturwissenschafter behaupten. Scharlatanerie, hiess es: Asche sei ja eben verbrannt, der Kohlenstoff raus. Wie sollen denn daraus noch Diamanten werden?

Doch ist der Verbrennungsvorgang im Krematorium nicht vollständig, es bleibt ein Rest von organischen Stoffen. Die beiden Firmengründer haben mit Naturwissenschaftlern der Empa am Prozess der Kohlenstoffextraktion getüftelt. Der ganze Prozess – von der Asche zum Diamanten – wurde notariell begutachtet und beglaubigt. Die Firma ist zudem seit drei Jahren ISO-zertifiziert. Das technische Verfahren sei denn auch nicht die grosse Herausforderung gewesen, betont Brimer. «Das Wichtigste ist der pietätvolle Umgang mit den Überresten der Verstorbenen.»

500 Gramm Asche reichen

Eine seltsame Stimmung zwischen Chemielabor und Friedhof herrscht in dem weiss getünchten Raum. Die Ruhe, mit der Chemielaborantin Flurina Genco Pipetten abzieht und Temperaturen kontrolliert, ist Konzentration, aber auch eine gewisse Andacht. In einem Kasten stehen anonymisierte Urnen mit der Asche der Verstorbenen. Auf einem Gestell schön verzierte farbige Kartonschachteln, in denen japanische Angehörige die Urnen mit der Asche ihres Verstorbenen verpacken.

Wer immer mit der Asche arbeitet, trägt Handschuhe. Selbst die Filterpapierchen, in denen minime Ascherückstände zurückbleiben, oder der Staub, der beim Schleifen abfällt, werden am Schluss mit andern Resten verbrannt und beigesetzt. Der Diamant wird von niemandem mit blossen Händen berührt, bis er den Angehörigen überreicht wird.

Und wenn die Asche mit dem Flugzeug geliefert wird, geschieht das in zwei Portionen, die mit verschiedenen Flügen versandt werden, damit bei einem Unglück nicht alles verloren ist. Für die Verarbeitung braucht es rund 500 Gramm Asche, nur ein Teil dessen, was bei einer Kremation von einem Menschen bleibt.

Keine Edelsteine aus Tieren

Ob er auch aus der Asche eines geliebten Hundes einen Diamanten machen würde, wird Veit Brimer gelegentlich gefragt. Er lehnt strikt ab. «Das verträgt sich nicht mit der Pietät.» Tag für Tag hört er viele tragische Geschichten, viele bewegende und viele rührende. «Mein Mann war über dreissig Jahre mein Diamant im Leben», schreibt ihm eine Frau. Der Diamant könne zwar nie ersetzen, was sie verloren habe. «Aber ich kann ihn immer bei mir haben, und er gibt mir einen kleinen Frieden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2010, 19:46 Uhr

Zu Diamanten gepresst: Das Verfahren

1953 gelang es dem Physiker Erik Lundbad erstmals, synthetische Diamanten herzustellen. Dabei wird in einem Hochdruck-Hochtemperatur-Verfahren Grafit in einer künstlichen Presse zu Diamant gewandelt. Der Druck beträgt sechs Gigapascal (60 000 bar), die Temperatur 1500 Grad Celsius.

Um aus menschlicher Asche einen Diamanten zu fertigen, werden mittels eines aufwendigen Säure-Basen-Verfahrens alle anorganischen Stoffe (Salze, Oxide) von den Kohlenstoffen getrennt (Karbonextraktion). Es bleibt Grafit, reiner Karbon in hexagonaler Struktur. Dieser wird nun in dem oben erwähnten Hochdruck-Hochtemperatur-Verfahren in eine oktogonale Struktur gepresst – in einen Diamanten. Und dann gemäss den Wünschen der Angehörigen geschliffen. Der Diamant hat entsprechend dem Bor-Gehalt der Asche, der von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist, einen mehr oder weniger bläulichen Glanz. Die Herstellung nimmt je nach Grösse des Steins mehrere Monate in Anspruch. Nach der Synthese erfolgt der Schliff des Rohdiamanten, wobei die Kunden über die Form und die Art bestimmen können. (net)

Im Labor werden die anorganischen Stoffe vom Karbon getrennt.

Je nach Bor-Gehalt schimmert der Diamant mehr oder weniger blau.

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