Neue Swiss-Maschine bald startklar zum Erstflug

In Montreal wird die neue Maschine für die Swiss gebaut. Kürzlich wurden die Flügel für die C-Series geliefert. Bei Swiss testet man bald im Simulator.

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Die neuen Hoffnungsträger der Swiss heissen C-Series. Ab dem zweiten Halbjahr 2014 werden 30 Stück sukzessive die Avro-RJ100-Modelle in der Europaflotte ablösen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet war dabei, als Hersteller Bombardier ein Cockpit- und Kabinenmodell am Flughafen München vorstellte (wir berichteten). Noch ist das erste Flugzeug des neuen Typs nicht abgehoben, doch Ende Jahr soll es so weit sein. Kürzlich hat die Produktionsstätte im kanadischen Montreal die Flügel aus Nordirland erhalten. Die Endmontage läuft auf Hochtouren.

Ist es realistisch, knapp vier Monate nach Erhalt der Flügel erstmals abzuheben? Benjamin Boehm, Vice President Business Development & Strategy bei Bombardier Aerospace, bejaht klar. «Unsere Leute haben an einem Holzmodell in Originalgrösse intensiv die Montageabläufe geübt», sagt er in München gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Dabei fanden sie rund 1200 Unregelmässigkeiten und konnten dementsprechend die Pläne anpassen.» Nun seien die Macher eingespielt, weshalb sie für die Endmontage viel weniger Zeit benötigten als ursprünglich vorgesehen.

Wo die C-Series die Nase vorn hat

Bei der C-Series handelt es sich um komplett neu entwickelte Flugzeuge – nicht um bereits bestehende, die unter anderem mit neuen Triebwerken ausgestattet werden. Was können die zukünftigen Swiss-Flugzeuge nun besser als die bisherigen? Erstens sind sie leichter – ihr Rumpf besteht aus Aluminium und Lithium – und verbrauchen so weniger Treibstoff. Im Vergleich zu «herkömmlichen» Flugzeugen im Segment der 100- bis 150-Plätzer werden 20 Prozent Sprit eingespart. Gegenüber der bisherigen Europaflotte der Swiss sind es gar 25 Prozent, obwohl die C-Series 100 über mehr Sitze verfügt – 125 gegenüber 97. «Gerade in Zeiten steigender Treibstoffpreise sparen Airlines viel Geld damit», so Boehm.

Zweitens ist die C-Series in Sachen Fluglärm ihren vergleichbaren Konkurrenten voraus: «Ein Flugzeug dieses Typs ist 10 bis 15 Dezibel leiser als ein Avro RJ100», sagt Swiss-Sprecherin Myriam Ziesack, ebenfalls anwesend in München. «Dies entspricht einer Halbierung des Lärms für das menschliche Hörempfinden.» So ist auch der Lärmteppich des Jets deutlich kleiner (siehe Swiss-Grafik in der Bildstrecke).

Drittens kann die C-Series bei Starts und Landungen in einem steileren Winkel ab- bzw. anfliegen. So ist die benötigte Strecke einiges kürzer, weshalb die Flugzeuge auch kleinere Flughäfen anfliegen können. Weil sie zudem eine grössere Reichweite als ihre Konkurrenten haben, könnten sie laut Boehm sogar nonstop von London-City nach New York fliegen – als einzige Flugzeuge ihrer Grössenordnung. Dies hätte insofern Potenzial, als Langstreckenflüge ab London nur ab den grossen Flughäfen ausserhalb des Zentrums starten können.

Swiss gestaltet das Flugzeug mit

Bei der Entwicklung der C-Series war Erstbestellerin Swiss, die über eine Milliarde Franken in die 30 Flugzeuge investiert, von Beginn weg involviert. Dies veranschaulichen die Bombardier-Vertreter mit einer Filmeinspielung: Ein Swiss-Pilot, der bei Bombardier als Projektpilot mitwirkt, zeigt auf typisch nordamerikanische Art das CSeries-Flugzeug im Bau: «Wow, look at that!», ruft er voller Begeisterung seinem Test-Kopiloten zu und zeigt auf eine Apparatur im Cockpit. Der Kollege, ebenfalls hell begeistert, lacht mit dem Piloten um die Wette.

«Die Swiss ist sehr eng in die Entwicklung der C-Series eingebunden», so Swiss-Sprecherin Ziesack «Hier kann sie ihre grosse Erfahrung als Airline einfliessen lassen – etwa bei der Gestaltung der Kabine, der Mitentwicklung der Electronic Flight Bags oder der Zertifizierung der Flugzeugsysteme, um nur einige zu nennen.» Laut Ziesack hat die Planung bei Swiss 2008 begonnen. Im nächsten halben Jahr werde die Spezifikation des Flugzeugs abgeschlossen.

Swiss-Piloten werden bereits für die C-Series geschult

Lufthansa mit ihrer Tochter Swiss ist der erste Kunde, der bei Bombardier die C-Series bestellt hat. Die erste Maschine wird allerdings an eine Airline ausgeliefert, die aus Konkurrenzgründen geheim bleiben möchte. Der geplante Liefertermin an die Swiss ist in der zweiten Jahreshälfte 2014. Doch schon heute befasst sich die Airline mit der Pilotenschulung. Das Pilotenkorps der bestehenden Avro-Flotte wird aufgestockt, damit sich diverse Captains auf der C-Series schulen lassen können. Ein Simulator soll ab Frühjahr 2014 in Zürich betriebsbereit sein.

Zurzeit liegen Bombardier 173 Festbestellungen für die C-Series 100 und 300 vor, dazu 149 Optionen. Dies ist laut Experten eher bescheiden. Doch diese sowie Boehm rechnen mit einem starken Anstieg der Bestellungen, sobald das erste Flugzeug abgehoben ist. Dass der Hersteller davon überzeugt ist, zeigen die Ausbaupläne am Werk in Montreal: Auf einem neuen Grundstück vor Ort sind bereits die Bagger aufgefahren, damit weitere Produktionsstandorte gebaut werden können. So wird Bombardier künftig nach eigenen Angaben 100 bis 120 C-Series-Maschinen pro Jahr ausliefern können. Der Flugzeughersteller spricht sich klar dafür aus, die Endmontage in Montreal zu behalten.

Erstellt: 19.09.2012, 15:20 Uhr

Ist zuversichtlich, dass die neuen CSeries-Flugzeuge pünktlich ausgeliefert werden: Benjamin Boehm, Vice President Business Development & Strategy bei Bombardier Aerospace. (Bild: Olivia Raths)

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