Niemand funkt mehr SOS

Mit der Einführung von automatischen Notrufsystemen, die von Satelliten empfangen werden, verlor der klassische Funk auf den Schiffen, in den Flugzeugen und an Land an Bedeutung.

Drei kurze, drei lange und drei kurze Töne: Das Morssignal für den Notruf wird heute durch SOS-Notfallknöpfe ersetzt. Foto: Paul Downey / Flickr

Drei kurze, drei lange und drei kurze Töne: Das Morssignal für den Notruf wird heute durch SOS-Notfallknöpfe ersetzt. Foto: Paul Downey / Flickr

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Als kürzlich eine Adriafähre in Seenot geriet, meldeten die Zeitungen, der Kapitän habe «SOS gefunkt». Das hat er hoffentlich nicht, niemand hätte ihn nämlich gehört. Seit 1999 hört keine Funkstation mehr auf das berühmte Morse­zeichen. Funkstationen sind rar ge­worden, gemorst wird längst nicht mehr. Das gilt auch in der Schweiz. Ende 2014 stellte der Botschaftsfunk seinen Betrieb ein, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz hat sein Funk­netz schon lange aufgegeben, Radiosender auf Kurz- oder Mittelwelle gibt es keine mehr.

Angefangen hatte die Radiotechnik spektakulär. Im Dezember 1901 gelang es Guglielmo Marconi, ein Funksignal über den Atlantik zu senden. Das war ein grosser Schritt für die Menschheit, bald liessen sich Nachrichten drahtlos kreuz und quer über den Globus verbreiten, das Zeitalter der Telekommunikation hatte begonnen. Marconi war weder Physiker noch Ingenieur, aber er verstand es, die Entdeckungen der Wissenschaft zu einem Produkt zu machen, das sich verkaufen liess. Das tat er durch seine Firma denn auch mit grossem Erfolg. Einen Popularitätsschub erlebte Marconis Technik, als dank seinem Funk beim Untergang der Titanic wenigstens ein Teil der Passagiere gerettet werden konnte. Als Folge führte man bessere Verkehrsregeln für den Funk ein. Notrufe wurden gekennzeichnet durch ein Signal mit drei kurzen, drei langen und nochmals drei kurzen Tönen. Sie mussten am Stück gemorst werden, nicht einzeln als die drei Buchstaben S, O und S. SOS ist also keine Abkürzung für irgendeinen Begriff, das Notrufzeichen sollte akustisch auffallen im Gewirr der Signale im Äther. Für alle Funker bedeutete es, dass der Verkehr mit der in Not befindlichen Station absoluten Vorrang hatte.

Funkgerät bei Fuss

Mit der Einführung von automatischen Notrufsystemen, die von Satelliten empfangen werden, verlor der klassische Funk auf den Schiffen, in den Flugzeugen und an Land an Bedeutung. Inzwischen läuft nicht nur der Notruf über Satelliten, sondern auch der Nachrichtenaustausch von Computer zu Computer. Das Eidgenössische Departement für Auswärtiges möchte deshalb auf das eigene Funknetz verzichten, denn es stünden genügend andere Wege zur Verfügung. Die Antennenanlagen, an denen viele Botschaftsgebäude zu erkennen sind, werden vorläufig behalten. Die Anlagen in der Umgebung von Bern, die von Übermittlungsspezialisten des Verteidigungs­departements betrieben wurden, sind eingemottet worden, aber ebenfalls noch vorhanden.

Wie der diplomatische Nachrichtenverkehr in Zukunft abgewickelt wird, muss noch geprüft werden. Private Anbieter von internationalen Verbindungen gibt es viele, entweder via Satelliten oder via Internet. Die Einhaltung der Vertraulichkeit ist dabei kein zentrales Problem, auch die Signale des Botschaftsfunks können von Freund und Feind leicht aufgefangen – und möglicherweise dechiffriert – werden. Ein Problem wäre es allerdings, wenn die kommerziellen Wege in einem Krisenfall versperrt würden. Der Bund prüft deshalb jetzt, wie ein Notnetz aufgebaut und betrieben werden könnte. Das Militär steht Funkgerät bei Fuss parat, allenfalls wieder tätig zu werden. Eine Alternative wäre die Swisscom, die noch über die Möglichkeit von Langstreckenfunk verfügt und diesen Dienst den Hochseeschiffen anbietet. Es ist das Erbe der einstigen Küstenfunkstelle Bern Radio. Diese ihrerseits war 1922 als Filiale des Marconi-Konzerns gegründet worden, natürlich mit Morsetechnik. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2015, 19:08 Uhr

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