Interview

«Ob ich hier sterbe oder auf dem Mars, macht keinen Unterschied»

Spätestens 2040 wird der erste Mensch seinen Fuss auf den Mars gesetzt haben, sagt der Schweizer Astronaut Claude Nicollier. Wenn er könnte, würde er selbst mitfliegen – auch wenn es ein One-Way-Flug wäre.

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Seit gestern Morgen befindet sich der Roboter Curiosity nun auf dem Mars. Was ging Ihnen durch den Kopf, als die Nasa bekannt gab, dass das komplizierte Landemanöver geklappt hat?
Ich habe mich sehr gefreut. Es war ein ausserordentlich schwieriges und spannendes Projekt. Die ganze Raumfahrt-Gemeinschaft war gespannt, ob es funktionieren würde. Das technische und operationelle Risiko bei solchen Missionen ist enorm, darum war ich erleichtert, dass alles gut ging – nicht nur, dass die Landung erfolgreich war, sondern auch, dass die Kommunikation mit dem Roboter auf Anhieb so gut funktionierte.

In einem früheren Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet haben Sie die Vermutung geäussert, dass noch vor Mitte des Jahrhunderts die ersten Menschen den Mars betreten werden. Falls die Curiosity-Mission weiterhin erfolgreich verläuft, könnten Sie Recht behalten.
Das stimmt. Die Nasa hat jetzt definitiv bewiesen, dass sie die Erforschung des Weltraums per Robotertechnik beherrscht. Bemannte Missionen sind nun der nächste logische Schritt. Ich glaube immer noch, dass wir es bis 2035 oder 2040 schaffen könnten. Aber eine bemannte Reise zum Mars bleibt lang und ist mit vielen Herausforderungen verbunden.

Der Rover Curiosity kann hochauflösende Bilder aufnehmen, Gesteinsproben analysieren, mit der Erde kommunizieren… Wozu braucht es überhaupt noch den Menschen auf dem Mars?
Die Erforschung per Roboter ist sehr langsam: Ein Signal von der Erde braucht etwa zwanzig Minuten, bis es den Mars erreicht. Bis das Feedback vom Roboter zurückkommt, dauert es nochmals zwanzig Minuten. Die Kommandokette ist also viel schwerfälliger. Der Mensch wird darum auch auf dem Mars nie durch Maschinen ersetzt werden können. Er kann innerhalb von Sekundenbruchteilen Entschlüsse fassen, Eingreifen und Parameter modifizieren.

Was haben die ersten Menschen zu tun, die auf dem Mars ankommen?
In einem ersten Schritt müssen sie die Voraussetzungen schaffen, um einige Monate oder Jahre dableiben zu können. Sie könnten zum Beispiel Gewächshäuser installieren, um Pflanzen anzubauen. Dann hätten sie natürlich die Möglichkeit, die Marsoberfläche mit Raumanzügen, Hilfsrobotern, Fahrzeugen und anderen Instrumenten auszukundschaften. Und schliesslich müssen sie Siedlungen unter der Mars-Oberfläche errichten, in denen sie vor der kosmischen Strahlung geschützt leben können.

Welche Eigenschaften muss der Mensch haben, der einst als erster seinen Fuss auf den Mars setzen will?
Das müsste ein gesunder, wissenschaftlich, technisch und medizinisch gut ausgebildeter und geistig stabiler Astronaut sein. Denn wenn etwas schief geht, muss er unter allen Umständen die Ruhe bewahren. Erinnern Sie sich bloss an 1970 und die Apollo 13 – ein ganzer Sauerstofftank an Bord der Rakete explodiert, und die Astronauten sagen nur: «Houston, wir haben ein Problem.» Von Panik keine Spur. Unglaublich.

Sie sagten im Interview damals auch, dass sie sogar «one way» zum Mars fliegen würden.
Ja klar, da wäre ich immer noch dabei, und viele andere Astronauten wahrscheinlich auch. Ich glaube aber nicht, dass es tatsächlich so weit kommen wird. Das ist aus ethischer Sicht nicht durchsetzbar, die Gesellschaft würde es nicht akzeptieren. Obwohl uns eine One-Way-Mission erlauben würde, noch viel früher zum Mars zu gelangen als geplant. Denn allein die Tatsache, dass man sich den Treibstoff für die Heimkehr sparen kann, vereinfacht vieles.

In den Weltraum hinausfliegen und nie wieder zurückkommen: Damit hätten Sie wirklich kein Problem?
Nein, wirklich nicht. Der Mensch ist sterblich, wir wissen, dass unsere Lebenszeit irgendwann abläuft. Ob das auf der Erde passiert oder auf dem Mars, macht keinen grossen Unterschied. Natürlich würde ich das nicht tun, wenn ich 20 Jahre alt wäre. Aber jetzt, mit 67? Warum nicht?

An einer bemannten Marsmission teilzunehmen, wäre wohl das Höchste, was ein Astronaut erreichen kann.
Auf jeden Fall. Schon der Beginn der bemannten Raumfahrt mit den Apollo-Missionen in den 60er-Jahren hat alle Grenzen gesprengt. Das war reine Magie. Der erste Mensch auf dem Mars ist der nächste grosse Meilenstein. In einigen Jahrhunderten dann wird der Mensch schon viele verschiedene Orte im Sonnensystem besucht haben.

Und auch dort bleiben?
Nein, das glaube ich nicht. Der Mensch wird sich wahrscheinlich nicht längerfristig auf einem anderen Himmelskörper im Sonnensystem niederlassen. Er wird forschen, aber nicht kolonialisieren. Auf dem Mars zum Beispiel wäre er dem Weltraum schutzlos ausgeliefert, ohne Magnetfeld, nur von einer sehr dünnen Atmosphäre umgeben, ohne Sauerstoff. Ein Sonntagsspaziergang im Raumfahreranzug? Das ist nicht sehr praktisch.

Sie sind als einziger Schweizer Astronaut in vier Spaceshuttle-Missionen der Nasa mitgeflogen. Was wäre anders bei einem Flug zum Mars?
Das wäre natürlich ein ganz anderes Kaliber, allein weil die Reise viel länger dauern würde. Mit dem Apollo-Programm haben wir schon so viel über den Mond gelernt. Und je weiter wir die Erdumlaufbahn hinter uns lassen, desto grösser wird die Vielfalt, die es zu entdecken gibt. Die Menschen werden immer so weit gehen, wie es ihnen die technischen Möglichkeiten erlauben – tief in die Ozeane, hoch in den Himmel und darüber hinaus.

War das auch Ihr Antrieb, als Astronaut an den Spaceshuttle-Missionen der Nasa mitzumachen?
Genau. Meine grosse Neugier trieb mich an – meine eigene Curiosity. Und meine beiden grossen Leidenschaften, die Fliegerei und die Wissenschaft. Bei der Raumfahrt kommt beides zusammen.

Während Ihrer Zeit als Astronaut haben Sie 14 Kollegen verloren, die bei den Unfällen mit den Spaceshuttles Challenger 1986 und Columbia 2003 starben. Hatten Sie jemals Angst um Ihr eigenes Leben?
Nein, niemals. Wenn ich Angst hatte, dann immer nur davor, einen Fehler zu machen, der die ganze Mission gefährden könnte. Über die Angst vor dem Tod spricht man nicht. Man verdrängt sie.

Erstellt: 07.08.2012, 23:57 Uhr

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Die Marsmission Curiosity

Die Marsmission Curiosity Das Marsmobil Curiosity hat sein Ziel sicher erreicht. Nun schickt es regelmässig neue und immer bessere Bilder von der Marsoberfläche an die Nasa.

Viermal ins All und wieder zurück

Claude Nicollier (geboren am 22. September 1944 in Vevey, Kanton Waadt) ist ein Schweizer Militär-, Linien- sowie Nasa-Testpilot und Astronaut. Er war der erste und bis jetzt einzige Schweizer, der den Weltraum besuchte.

1969 schien seine Karriere als Pilot der Schweizer Luftwaffe nach einem Autounfall eigentlich schon beendet. Als Nicollier im Fernsehen die erste Mondlandung vom 21. Juli 1969 miterlebte, setzte er alles daran, wieder fliegen zu können. Ein Jahr später sass er wieder im Cockpit, begann in Genf ein Studium der Astrophysik und liess sich zum Linienpiloten ausbilden.

Ab 1976 arbeitete er als Wissenschaftler bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA in Noordwijk (Niederlande), wo er sich als Raumfahrer bewarb und im Dezember 1977 für die erste ESA-Astronautengruppe ausgewählt wurde.

Als Teil eines Kooperationsprogramms der ESA mit der Nasa flog Claude Nicollier mit vier verschiedenen Raumfähren viermal ins All. Der Asteroid (14826) Nicollier ist nach ihm benannt.

Der Mars-Roboter Curiosity sendet weitere Bilder zur Erde. (Video: Reuters )

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