Applaus für Boschberg und Piccard

Betrand Piccard und seine Crew haben mit dem ersten Nachtflug eines Solarflugzeugs Geschichte geschrieben. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete direkt aus Payerne.

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«Es gibt Erstlinge und es gibt Rekorde», sagte Bertrand Piccard nach der Landung der Solarimpulse in Payerne. Was er und seine Crew in den vergangen 26 Stunden geleistet hätten sei ein «Erstling». Die Internationale Aeronautical Federation war heute Morgen in Payerne anwesend. Sie zeichnet für Rekordeinträge in der Fliegerei verantwortlich. Laut Piccard sagten die Experten, dass dem Eintrag dieses Fluges nichts im Wege stünde. Der nächste Schritt der Solar Impulse Crew wird der Bau des Rekordflugzeugs sein. «Es soll mehr leisten und ein besseres Cockpit haben», erläuterte Pionierpilot Borschberg. Im Jahre 2013 wollen Piccard und Borschberg den Bau in Dübendorf starten. In Payerne würden wiederum die Testflüge stattfinden. Finanziell ist der Bau indessen noch nicht gesichert. Das Weltumrundungsprojekt budgetiert insgesamt 100 Millionen Franken, 80 Millionen davon sind laut Piccard heute vorhanden. «Mit dem heutigen Tag wird es einfacher sein potenzielle Geldgeber zu mobilisieren», ist er überzeugt.

Lob für Piloten Das technische Fazit der Pioniere lautet: «Wir haben am Tag mehr Energie generieren können und in der Nacht weniger verbraucht als wir annahmen.» Für den Pilot war die grösste Herausforderung so lange wach und konzentriert zu bleiben. «Ich habe mir mit Yogaübungen, einem Wasserspray und dem unbequemen Sitz geholfen», sagte Borschberg nach der Landung.

Markus Scherdel, der Testpilot von Solar Impulse, hielt nachtsüber Funkkontakt mit André Borschberg. «Ich habe das Flugzeug bisher lediglich in der Luft erlebt und hatte erstmals die Gelegenheit vom Boden zu beobachten, wie es sich verhält.» Für die Leistung von Borschberg war er des Lobes voll. «Du hast das hervorragend gemeistert.»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet war von Anfang an mit dabei. Hier eine Chronologie des Fluges:

Mittwoch, 7. Juli

6:52 Uhr: Der Flieger hat abgehoben, begleitet von einem Helikopter. Der Start war nahezu lautlos. Die Bedingungen sind perfekt. Es hat kein Wind und der Himmel ist wolkenfrei. Ruhig schwebt die Solar Impulse in der Luft über Payerne.

7:11 Uhr: Nun fliegt das Flugzeug in Richtung Avenches. Die Stimmung im Team am Boden ist ruhig. Am Pistenende haben sich viele Planespotter eingefunden. Auch Marie-Christine Bovay aus Henniez VD ist da. Beim missglückten ersten Start war sie «riesig enttäuscht». Nun aber freut sie sich.

7:19 Uhr: Die Solar Impulse wird bald über dem Murtensee sein.

7:34 Uhr: Jetzt kommen neue Informationen herein: Die Batterie war beim Start zu 71 Prozent voll. Nun ist sie noch 55 Prozent zu geladen. Zwischen 18 Uhr und 19 Uhr heute Abend wird der Flieger die maximale Flughöhe von 8500 Metern erreicht haben, schätzt die Kommandozentrale. Ab 4000 Meter muss der Helikopter, der Bilder macht und zur Sicherheit mitfliegt, wegen der dünnen Luft umkehren.

7:40 Uhr: Die Solar Impulse ist über den Mont Vuilly geschwebt. Pilot André Borschberg hat vor dem Start sieben Stunden geschlafen. Nun wird er die nächsten 24 Stunden kein Auge zudrücken können.

7:53 Uhr: Wie Borschberg über Funk mitteilt, sind die Bedingungen exzellent und die Sonne beginnt jetzt langsam die Batterien von Solar Impulse zu laden. «Dies ist für mich ein ganz spezieller Tag, auf den wir alle lange gewartet haben», sagt er. Er lobt vom Cockpit aus die Ruhe und das Teamwork, welches die Crew in Payerne vor dem Flug an den Tag legte. Dies obwohl nach dem gescheiterten Versuch von letzter Woche der Druck und die Erwartungen gestiegen sind.

7:56 Uhr: Die Solar Impulse fliegt nun zwischen Neuenburger- und Bielersee hindurch.

8:08 Uhr: Der Westschweizer Luftfahrtpioner Bertrand Piccard verfolgt den Flug seines Partners vom Kontrollraum aus. Dass nicht er in diesem historischen Moment am Steuerknüppel sitzt hat seinen Grund: «Bei so einem Flug ist Erfahrung gefragt», sagte Piccard vergangene Woche. Borschberg ist denn auch nicht nur Ingenieur, sondern auch ehemaliger Pilot der Schweizer Luftwaffe.

8:12 Uhr: Die Solar Impulse hat den Jura erreicht. Sie fliegt auf einer Höhe von 2600 Metern über Meer.

8:25 Uhr: Sieben Jahre Arbeit haben André Borschberg, Bertrand Piccard und ihr 70-köpfiges Team hinter sich. In den Hangars von Dübendorf und Payerne berechnen, simulieren und testen die Ingenieure das lediglich durch Sonnenenergie betriebene Flugzeug, das aus Kohlefaser-Werkstoffen besteht. Heute in der Luft ist der Prototyp HB-SIA mit der Spannweite eines Airbus A340 (63,4 Meter) und dem Gewicht eines Mittelklassewagens (1600 kg). Im Flügel sind rund 12’000 Solarzellen eingebaut, welche die vier Elektromotoren mit Energie versorgen. Diese können eine Spitzenleistung von je 10 PS erbringen und laden die Lithium-Polymer-Batterien (400 kg) während des Tages für den Nachtflug auf.

8:40 Uhr: Die Solar Impulse hat fast lautlos von Payerne abgehoben, von dort also wo normalerweise Jets der Luftwaffe darüber donnern. Weil diese Woche die Armee in Payerne Flugpause angeordnet hat, konnten die Pioniere die Piste für sich beanspruchen.

8:51 Uhr: Die Solar Impulse schwebt dem Jura entlang Richtung Südwesten. Ihre Flughöhe beträgt nun knapp 3200 Meter über Meer.

9:18 Uhr: Im Cockpit des Solarflugzeugs sitzt André Borschberg. Der 57-Jährige erblickte in Zürich das Licht der Welt. Er studierte in Lausanne und schloss als Maschinenbauingenieur 1976 sein Studium ab. Seine fliegerische Laufbahn führte ihn von Kleinflugzeuge über Militärjets wie Venoms, Hunters und Tigers bis hin zu Helikoptern. Er bildete sich in wissenschaftlicher Betriebsführung am Massachusetts Institute of Technology (MIT) weiter. Bevor sich Borschberg selbständig machte, arbeitete er fünf Jahre lang als Berater bei McKinsey. Im Projekt Solar Impulse wirkt er als Geschäftsführer. Er lebt in Nyon VD, ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

9:28 Uhr: Die Solar Impulse fliegt inzwischen Schleifen über dem Jura.

9:49 Uhr: Borschberg wird 2014 auch gemeinsam mit Bertrand Piccard die Rekordjagd aufnehmen. Die beiden Piloten wollen die Erdumrundung in fünftägigen Etappen schaffen und sich am Steuerknüppel abwechseln. Weil das Flugzeug möglichst leicht sein muss, werden die beiden nicht miteinander im Cockpit Platz nehmen. Während der Prototyp, der heute in der Luft ist, nicht über einen Autopiloten verfügt, wird der Rekordflieger mit einem rudimentären Computer ausgestattet sein. Dieser soll den Pionieren ermöglichen ab und an ein kurze Schlafpause einzulegen.

10:24 Uhr: Borschberg beschleunigt seinen Flug. Er befindet sich derzeit auf 3400 Meter über Meer und fliegt unter der prallen Sonne. «Weil ich an Höhe gewinne wird es im Cockpit immer kühler», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet über Funk. Er sei gut eingepackt und so sei die Temperatur derzeit angenehm. Er habe sich in der Nacht gut erholt und tief geschlafen und sei so gut für die kommende Freinacht gewappnet. «Ich werde kleine Pausen einlegen, für kurze Zeit die Augen schliessen, tief atmen und mich entspannen.» So will er der wachsenden Müdigkeit die Stirne bieten. «Für mich gilt genau das Gleiche wie für das Flugzeug: sparsam mit der vorhandenen Energie umgehen.»

10:39 Uhr: Die grösste Herausforderung des heutigen Tages ist für Borschberg neben dem Wachbleiben, die von den Ingenieuren eingehaltenen Flugparametern einzuhalten und so optimale Bedingungen für ein Gelingen zu schaffen. Laut dem erfahrenen Pilot stelle Solar Impulse eine Mischung aller Flugzeuge, die er je geflogen sei. «Mit dieser Spannweite verhält er sich wie ein Segler, die vier Motoren lassen ihn jedoch wie ein Motorflugzeug reagieren.» Borschberg ist froh, dass heute der Solarflieger starten konnte. «Auch wenn der Druck bei unserem ersten Versuch höher war.» Die Mannschaft habe sich so ins Zeug gelegt, dass sie eine zweite Enttäuschung nicht verdient hätte.

10:52 Uhr: Die Ingenieure im Kontrollraum sind zufrieden: «Bis jetzt läuft alles perfekt», sagt ein Techniker ohne den Blick von seinem Bildschirm zu wenden. Kurz zuvor hiess er den Piloten die Geschwindigkeit um drei Knoten zu erhöhen. «Die Batterie sollten nicht zu schnell voll sein», erklärt Peter Frei. Er ist seit den ersten Tagen des Projektes mit an Bord. «Wir wollen auch auf 8500 Metern noch versuchen die Batterie zu laden.» Durch diesen Vorgang entstehe Abwärme, welche die Batterie dann optimal arbeiten lasse. Für Solar Impulse setze sich die Energie wenn die Sonne untergehe aus der Flughöhe und der Batterieladung zusammen. «Dann werden wir langsam den Sinkflug einleiten und so Zeit schinden.»

11:18 Uhr: Seit über vier Stunden ist die Solar Impulse im Flug. Frei rechnet mit einer Landung um 9 Uhr morgen früh. «Wir möchten um 8 Uhr wieder mit der Kraft der Sonnenstrahlen fliegen.» Dies ermögliche, dass ein wenig Energie in die Batterien gepumpt werden könne. «Wir müssen mit allem rechnen. Wenn nun André morgen bei der Landung aus irgendeinem Grund durchstarten muss, sollte er dafür auch genügen Schub haben.»

12.30 Uhr: André Borschberg und Solar Impulse sind nunmehr seit rund 5,5 Stunden in der Luft. Sie kreuzen mehrheitlich über der Jurakette. Die Flughöhe beträgt 13'000 Fuss. Borschberg hat nicht nur die Geschwindigkeit erhöht, um zu verhindern, dass die Batterien von der Sonne ganz geladen werden. Er musste den Ladevorgang unterbrechen. "Er ist nicht nur Pilot, sondern gleichzeitig Manager", sagt Bertrand Piccard. "Solar Impulse wird jetzt langsam weiter steigen." 18 Uhr - das wird der kritische Moment für das heutige Vorhaben der beiden Pioniere sein. "Dann müssen das Team und der Pilot fit sein, die Batterien geladen und der Flieger in tadellosem Zustand." Zu diesem Zeitpunkt verliere die Sonne nämlich ihre Effizienz. "Wir werden dann gemeinsam mit André entscheiden, ob wir die Nachtstunden in Angriff nehmen oder nicht", so Piccard. Fassen sie den Entschluss die Mission abzubrechen, soll Solar Impulse um 22 Uhr wieder in Payerne landen.

13.13 Uhr: Metorologieexperte Luc Trullemans war bereits beim Piccards Weltumrundung mit dem Orbiter-Ballon im Team des Westschweizers. Er blickt dem heutigen Nachmittag zuversichtlich entgegen: «Das Wetter bessert sich zusehends.» Während auf der Maximalflughöhe von 8500 Metern am Morgen noch ein starker Wind bliess, nehme dieser zusehends ab. «Wenn André dort oben ankommt, wird er wahrscheinlich mit 30 km/h Windstärke konfrontiert sein.» Aufgrund der grossen Spannweite reagiert Solar Impuls auf den kleinsten Windstoss. Er verhält sich in dieser Hinsicht ähnlich wie ein Segelflieger. André Borschberg schwitzt derzeit in der Kabine. Dies obwohl die Umgebungstemperatur nur um die 5 Grad Celsius beträgt. «Die Sonne brennt direkt auf uns runter», sagt der Pilot über Funk.

16 Uhr: Betrand Piccard ist zwar der ideelle Vater des Vorhabens, trotzdem sitzt er heute nicht selber am Steuerknüppel. «Die Entscheidung fiel mir nicht leicht», sagt er gegenüber dem Tages-Anzeiger. Allerdings habe dieser Prozess nicht erst heute stattgefunden. «Ich realisierte schon vor einiger Zeit, dass ich nicht alles machen kann.» Der Moment, in dem er entschied sich der Leitung, der Promotion und dem Marketing des Projekts zu widmen, sei schmerzhaft gewesen. «Ich musste meine fliegerische Ausbildung zurückstellen.» Seither sei die momentane Rollenverteilung klar. «André macht, das was er am besten kann und das gilt auch für mich.» Piccard will sich im kommenden Jahr wieder öfter ins Cockpit setzten, um die nötigen Erfahrungen zu sammeln.

16.52 Uhr: Die über dem Neuenburger und Waadtländer Jura kreisende «Solar Impulse» hat am Mittwochnachmittag ihre Zielhöhe von 8500 Meter gegen 16.30 Uhr erreicht, wie auf der Internetseite des Projekts ersichtlich war. Dem Flugzeug bleiben noch knapp fünf Stunden, bis die Sonne untergeht. Bis dann muss in den Batterien genug Energie für den Nachtflug gespeichert sein. Zwischen 19 und 20 Uhr am Abend wird das Team um Piccard dann entscheiden, ob das Solarflugzeug die Nacht hindurch weiter fliegen wird.

18.00 Uhr: Solar Impulse wird scharf von der Flugsicherung Skyguide in Genf und in Payerne beobachtet. Peter Frei, der für den heutigen Tag mitverantwortlich ist, weiss: «Im Kontrollzentrum der Flugsicherung in Genf sitzen zwei Koordinatoren von uns.» Sie sind pensionierte Skyguidemitarbeiter, die bereits Piccards Ballonabenteuer mit Argusaugen beobachteten. Sie fungieren als Schnittstelle zwischen den Fluglotsen und dem Pionierteam in Payerne. «Wir haben hier ein Abbild des Flugradars, können aber nur zusehen und nicht darin eingreifen.»

Falls etwas nicht nach Wunsch laufe, würden die Genfer Fluglotsen zum Telefonhörer greifen und mit den Verantwortlichen im Kontrollraum Kontakt aufnehmen. Derzeit bewegt sich Solar Impuls abseits der Luftstrassen. «Weil der Flieger so langsam ist, gleicht er für die übrigen Flugzeuge und die Lotsen einem trägen Ballon.» Die Pioniere versuche darum solange als möglich nicht in die Flugstrassen einzudringen. «Obwohl wir dafür die Erlaubnis erhalten haben», so Frei. Der Wind wehe aus Nordwesten, also aus der Richtung der Sonne. «Wir müssen uns dem Lauf der Sonne anpassen, darum ist es durchaus möglich, dass Solar Impulse gegen Abend die Luftstrassen kreuzen wird.»

18:15 Uhr:Nach den neusten Informationen von Bertrand Piccard befindet sich Solar Impulse auf über 8000 Metern. «André schwitzt immer noch stark, es geht ihm aber soweit gut», liess er die Presse wissen. Die 12'000 Solarzellen auf der Flügeloberfläche haben bereits derart viel getankt, dass die Batterien nun voll sind. Die Herausforderung einen ganzen Tag zu fliegen, habe das Team gemeistert, lautet Piccards Fazit: «Es geht jetzt darum die Nacht ins Auge zu fassen.» Folgende Risiken könnten das nächtliche Vorhaben gefährden: - Drohende Gewitter, die den Piloten zwingen würden seinen Flugplan zu ändern. Und - noch schlimmer - die Wolken könnten die Sonne verbergen und so die Ladung der Batterien verhindern. - Die dünne Luft in dieser Flughöhe. Borschberg trägt derzeit eine Sauerstoffmaske, die ihn mit ausreichend Sauerstoff versorgt. Solar Impuls führt aber ein Minimum des Gases mit sich, um das Gewicht zu reduzieren. "Verbraucht André zu viel Sauerstoff, wird er schneller absinken müssen. Dies würde das Vorhaben von heute Nacht gefährden", erklärt Piccard. Er räumt aber ein: «Die Situation ist diesbezüglich bisher zufriedenstellend, wenn auch ein bisschen kritisch.»" - Weiter hängt ein erfolgreicher Nachtflug auch von den Winden ab. «Absinkende Winde würden das Flugzeug in die Tiefe zwingen. Wir müssten dies dann mit den Energieressourcen in den Batterien wieder wettmachen.»

19:00 Uhr: Piccard und seine Crew werden nicht wie angekündigt jetzt entscheiden, ob André Borschberg im Solar Impulse die Nacht in Angriff nehmen wird oder nicht. «Wir lassen uns bis 21 Uhr Zeit», sagt Phil Mundwiller, Mediensprecher des Projekts. Er zeigt sich aber zuversichtlich. Die Wetterprognosen sind laut dem Satellit von Meteo Schweiz keine Gefahr.

19:50Uhr: Das Abenteuer von Piccard und Borschberg bringt auch die Technologien an ihre Grenzen. André Borschberg sagt dazu: «Alles was nicht bricht, ist potenziell zu schwer.» Und obwohl jedes einelne Bauteil des skellettartigen Vogels wieder und wieder getestet worden ist, halten die technischen Bausteine auch Überraschunge bereit. Dies hatte vergangene Woche der Transmitter bewiesen, der sämtliche Daten vom Cockpit in den Kontrollraum schickt. Er hatte Piccards Crew einen Strich durch die Rechnung gemacht: Sie mussten vor versammelter Presse den ersten Versuch des Nachtflugs als gescheitert erklären. Selbst Prinz Albert von Monaco hatte sich für den vergangenen Donnerstag in Payerne angemeldet und musste noch bevor er die Reise in die Schweiz antrat seine Pläne ändern. «Unbekannt ist für uns, wie sich die Technik während einem derart langen Flug verhalten wird», sagt Piccard. In vielen Fällen reizten seine Ingenieure die Grenzen aus. «Wir haben nicht viel spatzig.»

20:25Uhr: «Die Spannung steigt nun auch für uns», lässt Bertrand Piccard die Presse wissen. «Es ist das Ende des Tages und noch hat die Nacht noch nicht begonnen.» In der kommenden Stunde will der Pionier gemeinsam mit seinem Partner André Borschberg im Cockpit, den Meteorologen und Ingenieuren entscheiden, ob der Solarflieger während der Nacht in der Luft bleiben wird. Borschberg kreiste den gesamten Nachmittag über dem Jura und musste sich, als die Sonne sank, nach ihr ausrichten. «Wir müssen solange wie möglich von der Sonneneinstrahlung von hinten profitieren», erläutert Piccard. Damit hat er aber auch den Wind im Rücken, der auf 8500 Metern kräftig bläst. «André kehrte innert zehn Minuten wieder nach Payerne zurück und erreichte nach weiteren zehn Minuten die Region Bern.» Er werde bald kehren müssen. «Wir werden darum statt geplante anderthalb Stunden lediglich 30 Minuten die Sonne noch auf den Flügeln haben.» So wenig dies auch erscheine, sei es für den Energieverbrauch bedeutend. «Treten wir die Nacht an und fehlt uns morgen eine Stunde, wird es diese sein. Wir haben jetzt nämlich keinen Sicherheitspuffer mehr.»

20:35 Uhr: Bertrand Piccard räumt ein: «Viel haben wir heute nicht gelernt, denn dazu waren die vorangegangenen Testflüge da.» Er und seine Ingenieure könnten so aber beobachten, wie sich die Instrumente und die Technik am Flugzeug bei so langer Flugzeit verhielten. Eine Erkenntnis konnte die Crew aber gewinnen: «Wir haben nicht damit gerechnet, dass sich die Batterien so schnell aufladen.» Weiter habe das Flugzeug mit diesem Rückenwind auch erstmals die Geschwindigkeit von 120 km/h (relativ zum Boden) erreicht. «Das macht für André im Cockpit aber keinen spürbaren Unterschied.» Piccard hofft, dass sich der Westwind langsam legt. «Das würde uns helfen zurückzukehren.» Um 21.30 Uhr will Piccard bekannt geben, ob Borschberg das Abenteuer Nacht und damit den Rekordversuch anzutreten. Noch nie hat bisher jemand ein lediglich durch Solarenergie betriebenes Flugzeug in der Nacht in der Luft gehalten.

22:00 Uhr: Es ist entschieden: André Borschberg wird die Nacht im Cockpit von Solar Impulse verbringen. Dies gaben Bertrand Piccard und Flugdirektor Claude Nicollier vor einigen Minuten bekannt. Während die Nacht den Hangar langsam in Dunkelheit hüllt geht für Borschberg, auf 5500 Meter Höhe die Sonne unter. «Das Abenteuer beginnt», entfuhr es Piccard. Der Rückenwind hatte das ultraleichte Solarflugzeug mit 140 km/h von der Jurakette zu den Alpen gestossen. «Wir mussten früher umkehren, um nicht zu weit weg zu sein.» Damit startet auch der Sinkflug von Solar Impulse eine Stunde früher. «Ich hoffe, dass uns diese Stunde nicht fehlen wird», so Piccard. Derzeit befindet sich Solar Impulse wieder über Fribourg und bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 23 Knoten. Ausser der fehlenden Sonnenstunde präsentierten sich die Bedingungen für einen erfolgreichen Nachtflug gut, führt Nicollier aus. Wann das Flugzeug wieder auf den Boden zurückkehren wird, ist noch ungewiss. «Wir wollen so lange als möglich in der Luft bleiben», sagte der Astronaut. Piccard erlaubte sich gut gelaunt einen kleinen Scherz: «Wissen Sie, was für einen Piloten eines Solarflugzeugs noch schöner ist als dieser farbenreiche Sonnenuntergang? Der kommende Sonnenaufgang.»

22:32 Uhr:Für einen Notfall in der Nacht ist die Crew von Piccard gewappnet. «Solar Impulse kann über eine lange Distanz auch ohne Motoren gleiten», weiss Piccard. Um in der Nacht zu landen, bedürfe es einer breiten Piste, wie sie in Payerne und jedem grösseren Flughafen zu finden sei. «Sie muss nicht lang sein, aber dafür breit - wegen der imposanten Spannweite.»" Hier in Payerne sei seine Crew vorbereitet und könnte innert nützlicher Frist das Gelände genügend beleuchten. ---- Neben zahlreichen Journalisten, welche das Abenteuer genaustens verfolgen und den Ingenieuren, die das Flugverhalten des Fliegers in jeder Sekunde analysieren, blickt eine Frau immer wieder gespannt auf die Bildschirme, die André Borschberg im Cockpit zeigen. Es ist Yasemin Borschberg, die Gattin des Piloten. Sie reiste gestern Abend nach Payerne, um mit dabei zu sein, wenn ihr Mann ins Cockpit und dann in die Lüfte steigt. «Wir haben gestern Abend gemeinsam gegessen», erzählt sie. «Selbstverständlich ballaststoffarm», fügt sie schmunzelnd an. Sie wirkt gelassen. «Ich habe keine Angst um André.» Und nervös sei sie auch nicht. «Ich habe oft das Gefühl, dass er sich in der Luft wohler fühlt als mit festem Boden unter den Füssen.»

Er sei fürs Fliegen gemacht und kenne das Flugzeug inzwischen gut. Mensch und Maschine schienen eine Beziehung zu haben. «Sie werden sich gegenseitig gut behandeln», ist die Pilotengattin überzeugt. Yasemin Borschberg sei sich aber durchaus bewusst, dass ihr Gemahl draufunddran ist Luftfahrtgeschichte zu schreiben, denn noch hielt niemand ein lediglich mit Solarenergie betriebenes Flugzeug über Nach in der Luft. «Das ist ein sehr aufregender Gedanke.»

23:00 Uhr:Ein anderer Flugpionier widmete sich dem Fliegen in der Nacht: Der Pilot und Autor Antoine de St. Exupéry veröffentlichte 1930 einen Roman mit dem Namen «Vol de Nuit» – «Nachtflug». Er schildert darin die Geschichte von des Postfliegers Fabien. Dieser kämpft während einer Gewitternacht über Argentinien in seinem Doppeldecker um sein Leben. Am Boden verfolgt sein Vorgesetzter Rivière den Funkverkehr des in Not geratenen Piloten, den er beorderte diesen riskanten Flug anzutreten. Dabei wird sich Rivière seiner Verantwortung als Vorgesetzter bewusst. Er ist aber nicht der einzige, der den nächtlichen Flug verfolgt. Dies tut auch Fabiens Frau. Sie erlebt vom Boden aus, wie die Situation für den Postpiloten immer aussichtsloser wird. Letzlich schwebt er mit nahezu leerem Benzintank über dem Unwetter, das den gesamten südamerikanischen Kontinent in Schach hält. Irgendwann bricht der Funkkontakt des Piloten zum Boden ab. In der Zentrale kann Rivière nur noch Berechnungen anstellen und abschätzen, wann Fabien wohl abstürzen wird. Dieser Flug stellt das Weltbild Rivières, der sich bis dahin strickt an das «Réglement» sprich die strenge Einhaltung des Flugplans hielt, in Frage. Der Autor schweigt sich über das Schicksal des Piloten aus. Es lässt indessen keine Zweifel, dass sein Protagonist dem Tode geweiht ist. Eines der Schlüsselsätze von Rivière ist: «Es gibt keine Lösungen im Leben. Es gibt Kräfte in Bewegung, die muss man schaffen, die Lösungen folgen nach.» Dies wiederum erinnert an das Unterfangen von André Borschberg und Bertrand Piccard. Nach eigenen Ausagen gehe es ihnen nicht darum mit ihrem Rekordflug zu beweisen, dass mit einem Solarflugzeug hunderte von Passagieren zu transportieren. Sie wollten vielmehr etwas bewegen: «Es geht darum jene Lügen zu strafen, die immer wieder von neuem behaupten, dass der Solarenergie enge Grenzen gesetzt sind.»

23:30 Uhr:Laut Bertrand Piccard gehe es seinem Partner André Borschberg gut. «Er hat den ganzen Tag lang seine Handschuhe nicht anziehen müssen und hatte die Ventilation offen.» Er würde jetzt durchhalten - ganz egal, wie streng die Nacht nun sein würde, ist Piccard überzeugt. «Wir haben diese Situation im Simulator geprobt. Er weiss, was auf ihn zukommt.» Aus Erfahrung weiss Piccard aber, dass die kommenden Stunden kein Zuckerschlecken sein werden - sie sind sehr einsam. «Irgendwann kommt der Moment, in dem man sich frägt: Was tue ich eigentlich hier.» Borschberg wird an Bord von Solar Impulse nicht schlafen können, da das Flugzeug über keinen Autopiloten verfügt.

Donnerstag, 8. Juli

00:15 Uhr:Bertrand Piccard meldet um Mitternacht gute Neuigkeiten: «Es scheint, als ob sich die Stunde, welche wir verloren haben, weil wir schneller die Alpen erreicht haben, sich nicht negativ auswirken würde.» Die Batterien von Solar Impulse seien jetzt noch zu 99 Prozent gefüllt. André Borschberg gehe es gut. «Er hat während zehn Stunden nichts mehr getrunken, weil das Wasser in der Höhe gefror.» Auch die Batterie seines iPods sei eingefroren. Für den Rekordflug werden die Pioniere daraus lernen. «Wir müssen uns überlegen statt Wasser Flüssigkeiten mit Elektrolyten oder Salz mitzuführen, so verändern wir den Gefrierpunkt zu unseren Gunsten.» Der Wetterfrosch des Projekts, Luc Trullemans, ist mit den aktuellen meteorlogischen Bedingungen zufrieden. Der Nordwestwind wehe dem Flugzeug entgegen. «Das gibt ihm ein kleines Bisschen Auftrieb, damit verzögern wir den Sinkflug und gewinnen Zeit.» Auch sehe die Prognose für das Landefenster zwischen 7 und 9 Uhr hervorragend aus: «Klar und nahezu windstill.»

00:30 Uhr: Ein 24-stündiger Flug, wie ihn Borschberg derzeit ausführt, verlangt von einem Piloten viel Energie ab. Der längste Flug fand im Dezember 1986 statt. Der zweimotorige Mitteldecker Voyager, ausgestattet mit zwei Kolbenmotoren, startete am 14. Dezember zu einer Weltumrundung. An Bord sassen Dick Rutan und Jeana Yeager. Sie landeten neun Tage später. Ihnen gelang damit die erste Nonstop-Weltumrundung ohne Luftbetankung. Auch Steve Fossett ging mit einem langen Flug in die Rekordgeschichte ein. Er umrundete im Jahre 2005 ebenfalls die Erde, allerdings mit einem Jet. Das Flugzeug Globalflyer benötigte für die 36'898,04 Kilometer drei Tage. Steve Fossett kam bei einem Flugunfall 2007 ums Leben.

05:31 Uhr: Borschberg und Solar Impulse halten sich noch immer in der Luft. Die Farben am Himmel kündigen die langersehnte Sonne an. Den grössten Teil der Nacht hat der Vogel auf 1500 Meter verbracht. Um 8.30 Uhr erwarten die Bodencrew und der Medienpulk den Solarflieger zurück.

05:49 Uhr: In diesen Minuten erreichten die ersten Sonnenstrahlen André Borschberg im Cockpit von Solar Impulse. Und just in diesem Augenblick tritt Bertrand Piccard mit dem übernächtigten Piloten in Verbindung: «Du hast es geschafft, jetzt wird alles gut kommen!»

05:57 Uhr: Betrand Piccard und André Borschberg plaudern am Funk und weil seit Beginn des Abenteuers diese Gespräche mittels Lautsprecher für die Journalisten hörbar sind, haben die beiden sie in Englisch geführt. Jetzt mischen sie - gleichermassen von Aufregung und Müdigkeit gezeichnet - Satzbrocken in ihrer Muttersprache hinein.

06:23 Uhr: «Dieser Sonnenaufgang war einer der bewegendsten Momente», sagt Piccard gegenüber dem Tages-Anzeiger mit Tränen in den Augen. Übermannt von der Müdigkeit und der Erleichterung entfährt es ihm immer wieder von neuem: «Wir haben es geschafft!» Dem Medientross, der im Hangar wächst sagt der Pionier: «Wenn ich Sie mit einem Fragezeichen in die Nacht entlassen habe, so kann ich Sie mit einem Ausrufezeichen empfangen.» Endlich folgten nun den immer währenden Predigten von ihm und seinem Partner, über die Möglichkeiten von erneuerbaren Energien auch Taten. «Wir können endlich beweisen, was ohne Treibstoff alles möglich ist.» Solar Impulse ist das erste lediglich mit Solarenergie betriebene Flugzeug, dass die Nacht durchflog. Nun stecken sich Piccard und Borschberg für die kommenden Stunden bereits das nächste Ziel: «Wir wollen – sobald die Sonne genug stark ist – die Batterien wieder aufladen.»

07:19 Uhr: Auf dem Flugplatz von Payerne bereitet die Crew auf Hochtouren den Empfang ihres Helden vor. Inzwischen haben sich am Pistenende - wie schon gestern - zahlreiche Flugzeugspotter versammelt. Auch sie wollen den Landeanflug von Solar Impulse nicht verpassen. Yasemin Borschberg nippt derweil an einem heissen Kaffee. Die Pilotengattin trägt eine Sonnenbrille: «So sieht man die roten Augen nicht.» Sie habe zwei Stunden geschlafen. «Andere konnten das nicht», spielt sie auf ihren Mann an, der jetzt seit 24 Stunden und 20 Minuten im engen Cockpit sitzt.

07:20 Uhr: «Good morning Sunshine!» Passender hätte der Ausruf eines Ingenieurs vor dem Hangar in Payerne heute morgen wohl kaum sein können. Nach Angaben von Bertrand Piccard befanden sich bei Sonnenaufgang noch für drei Stunden Energie in den Batterien von Solar Impulse. Dies sei nicht zuletzt den perfekten Konditionen der vergangene 24 Stunden zu verdanken. «Wir konnten nicht abschätzen, wie gross der Puffer zwischen Erfolg und Misserfolg sein würde», sagt Piccard. Im Nachhinein haben die Pioniere und ihre Ingenieure nicht damit gerechnet, dass vor allem die Batterien sich so langsam entleeren würden.

07:22 Uhr: Einige technische Daten: Zurzeit sind die Batterien zu 40 Prozent voll, die Solargeneratoren liefern gleichzeitig 20 Prozent der Treibkraft von Solar Impulse. Das wieder der Sonne ausgesetzte Cockpit wärmt sich wieder auf, aktuell hat Borschberg 17 Grad Celsius zu ertragen. Auf der Flughöhe von 1300 Metern ist es windstill. Das Flugzeug hat eine Geschwindigkeit von 19 km/h.

8:05 Uhr: Heute Morgen wird Solarimpulse in Payerne erwartet. Am Pistenrand haben sich bereits zahlreiche Zuschauer eingefunden, die aufgeregt auf die Ankunft des Solarflugzeugs warten. Auch Sponsoren sind hier, sie trinken in Anzug und Krawatte Cüpli. Ihre Aufgeregtheit hebt sich deutlich ab von den müden Gesichtern der Bodencrew – sie kämpft sich durch die letzten Stunden.

Inzwischen ist der Helikopter mitsamt Fernsehteam in Yverdon gestartet und fliegt dem Solarimpulse entgegen. Alle warten nun auf den grossen Moment, wenn das Flugzeug in Payerne am Himmel auftaucht.

08:36 Uhr: Die Landung steht kurz bevor. Das Flugzeug ist von Payerne aus bereits zu sehen. Rund 300 Personen säumen den Pistenrand. Viele Plane-Spotter, die bereits den Start begleitet haben, sind auch für die Landung angereist. Der Himmel ist klar, von einigen Schleierwolken abgesehen.

08:46 Uhr: Die Solar Impulse befand sich im Anflug, begleitet von einem TV-Helikopter. Das Flugzeug setzte dann aber nochmals zu einer Schlaufe an. Piccard hatte an einer Pressekonferenz gesagt, es habe Aufwind und daher sei es nicht so einfach, zu sinken. Die Feuerwehr und Ambulanz haben sich am Pistenrand aufgestellt.

08:58 Uhr: Die Solar Impulse dreht ab und setzt zu einem zweiten Landeanflug an. So wie es aussieht, könnte es diesmal klappen. Die Flughöhe scheint optimal.

09:03 Uhr: Die Solar Impulse landet problemlos nach einem relativ steilen Sinkflug. Die zwei äusseren Motoren waren abgestellt. Die Schaulustigen, die in der Wiese an einem Hang auf das Flugzeug gewartet haben, zollten dem Piloten mit einer Standing Ovation und Applaus Respekt. Auf der gegenüberliegenden Strasse stoppten Autos und die Lenker veranstalteten ein Hupkonzert.

10:31 Uhr: Pilot André Borschberg und Bertrand Piccard kehren in diesem Moment in den Hangar zurück, begleitet vom Applaus der Schaulustigen und ihrer Crew. Sie werden sich jetzt den Fragen der Journalisten stellen.

Erstellt: 07.07.2010, 06:49 Uhr

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