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«Quizduell» – Wissen als Waffe

Millionen in Deutschland, Tausende in Zürich spielen es am Telefon: das «Quizduell». Es macht aus Leuten mit gerader Karriere leichte Opfer und aus Milchbubis Raubtiere. Hier ein paar Tipps zum Siegen.

Die richtige Technik entscheidet: Das «Quizduell» lässt über 14 Millionen Köpfe rauchen.

Die richtige Technik entscheidet: Das «Quizduell» lässt über 14 Millionen Köpfe rauchen. Bild: Keystone

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Eine Kindheit lang verzog ich mich und las: Bücher über das ewige Eis, Afrika, den Mars. Es war eine verwirrende Zeit. Tags war ich ein Streber, der in der Pause vor Furcht starb. Nachts war ich der kühnste Mensch dieses Planeten.

Nun ist ein Spiel auf dem Markt, das die Streber, Nerds und Milchgesichter dieser Welt auch tags zu gefürchteten Leuten macht: «Quizduell». Es hat sich auf den Smartphones in Deutschland und der Schweiz wie eine Grippe verbreitet: Mehr als 14 Millionen spielen es.

Es geht darum, gegen seine Freunde (die nach dem Spiel keine Freunde mehr sind) oder gegen Unbekannte anzutreten. Und sie in 18 Fragen zu besiegen: von simplen Fragen wie «Von welchem Tier stammt der Feta-Käse?» (Antwort: Schaf) bis zu Expertenwissen: «Welcher Block explodierte im KKW Tschernobyl zuerst?» (Block 4)

Vor zwei Wochen fing ich an. Und seither habe ich in den Pausen, den Trams, den Nächten wenig anderes getan. Inzwischen habe ich von 14'159'576 Spielern 14'155'705 hinter mir gelassen. Die dreissig Jahre in Schule und Universität, die zwanzig Jahre Zeitungslektüre haben plötzlich Sinn. Ich bin, was ich seit Geburt sein wollte: ein Monster.

Unbekanntes Wissen

«Quizduell» ist auf den ersten Blick tückisch einfach. Eine Frage, vier mögliche Antworten. Doch da die Gebiete weit gestreut sind – von Politik bis zu Computerspielen –, kann einen jederzeit eine Frage erwischen, bei der man nicht die geringste Idee hat.

Belohnt wird in diesem Spiel also, wer sein Leben intellektuell gebummelt hat. Und wer möglichst süchtig spielt: Denn Fragen wiederholen sich. Beim zweiten Mal weiss man es: Dass das Metall Strontium «weich und silbrig» ist, der grösste Muskel im Hintern wohnt und «gluteus maximus» heisst oder dass der menschliche Körper ein Universum aus 100'000 Milliarden Zellen ist.

Eine der Nebenwirkungen von «Quizduell» ist, dass man feststellt, wie viel einem völlig unbekanntes Wissen im eigenen Kopf sitzt: der Schmelzpunkt von Eisen oder der Name von Napoleons Pferd – es ist verblüffend, wie oft man richtig liegt. Offenbar weiss der eigene Kopf mehr als man selbst.

Das andere, was bei «Quizduell» süchtig macht, ist das Raten. Denn richtig raten ist der grössere Triumph als nur wissen. Dazu folgende Strategien:

  • Folge der Plausibilität. Die Fragenschreiber von «Quizduell» haben keinen Humor. Trickfragen sind selten. Wenn etwa nach der Herkunft der Deutschen Dogge gefragt wird, ist die richtige Antwort meist platt: «Deutschland».
  • Der zweite Grund, plausible Antworten zu wählen, ist, dass dein Gegner das auch tut. Wählt man eine originelle Antwort, ist die Wahrscheinlichkeit grösser, einen Punkt zu verlieren, als einen zu gewinnen.
  • Hat man von drei Dingen schon einiges gehört, nur das Entscheidende nicht, ist die Lösung meist das Exotische. Also bei der Frage «Welcher Fisch riecht nach Gurke? a) Hecht, b) Seeteufel, c) Aal, d) Stint» ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass, da man noch nie gehört hat, dass ein Fisch nach Gurken riecht, aber auch noch nie von einem namens Stint, genau dieser nach Gurken riecht.
  • Die Wahrscheinlichkeit ist auch hoch, dass, wenn drei grosse Dinge mit einem kleinen vermischt werden, es das kleine Ding ist: Dass Picasso also nicht a) in Madrid, b) in Barcelona, c) in Sevilla geboren wurde, sondern d) in Málaga.
  • Assoziiere: Wenn gefragt wird, welcher Staat der USA auch «Empire State» genannt wird, von dem du nie gehört hast, tippe auf New York: Dort steht das Empire State Building.
  • Falls nichts hilft, drücke links oben. Denn das wird dein Gegner auch tun.

Doch damit genug. Nach einem Rausch von 1407 Spielen, davon 82 Prozent Siege, 7 Prozent Unentschieden, 11 Prozent Niederlagen, mit 10 perfekten Spielen (mit 18/18 Punkten), 13,3 Punkten im Schnitt, auf Rang 3871 von 14'159'576 Spielern verabschiede ich mich für immer.

Ich werde die App löschen. Es war eine schöne Zeit als Monster. Doch es ist Zeit, ins Leben zurückzukehren: dort, wo Fragen richtig kompliziert sind.

Erstellt: 12.03.2014, 19:54 Uhr

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