Roboter schaffen das nicht

Was Menschen den Computern voraushaben? Wie gut sie zusammenarbeiten können. Denn das setzt Kreativität und emotionale Intelligenz voraus.

Sie können, was Computer nie können werden: Mitglieder eines Orchesters.<br />Foto: Aleksandar Georgiev (Getty)

Sie können, was Computer nie können werden: Mitglieder eines Orchesters.
Foto: Aleksandar Georgiev (Getty)

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Stephen Hawking, für seinen Humor ebenso bekannt wie für seine Erkenntnisse und seine Krankheit, kann die Ironie nicht entgangen sein: dass er nur mit einer Computerstimme sprechen konnte, aber vor der Gefahr warnte, die von der künstlichen Intelligenz ausgehen werde. Hawking hatte einen Hang zum Allumfassenden, wie es sich gehört für jemanden, der nichts mehr wünschte, als das Universum zu verstehen.

Aber es muss einen beschäftigen, wenn ein so weit denkender Wissenschafter wie er voraussagte, dass wir in hundert Jahren von Computern, Robotern und Programmen dominiert werden, die wir entwickelt haben werden – dass die Sklaven dereinst die Herrschaft übernehmen.

In einem Interview mit der Fachzeitschrift «Wired» schätzte Hawking den Erfolg bei der Schaffung künstlicher Intelligenz zwar als das grösste mögliche Ereignis in der Geschichte unserer Zivilisation ein. Aber es könne auch das letzte sein. Denn er fürchte, dass die künstliche Intelligenz den Menschen insgesamt ersetzen könnte. «Wenn Menschen Computerviren entwerfen, wird jemand eine künstliche Intelligenz entwerfen, die sich selbst verbessert und vermehrt. Das wird eine neue Lebensform sein, die den Menschen überragt.»

Das Tanzen der Drohnen

Dass sich die künstliche Intelligenz selber verbessert, lässt sich schon an den vielen Programmen ablesen, die mit Fehlerkorrekturen arbeiten. Sowieso machen Computer immer mehr. Sie warnen, messen, kontrollieren, überwachen. Sie sammeln Daten, bündeln sie, werten sie aus. Sie gewinnen immer mehr Spiele gegen Menschen. Sie fahren Autos, lenken Waffen, geben am Telefon Auskunft, erkennen Gesichter, filtern Daten.

Roboter helfen dementen Patienten. Drohnen schnüren Seile und spielen Pingpong. An der gestrigen Premiere des Circus Knie hatten einige von ihnen einen Auftritt als fliegendes Ballett, entwickelt vom ETH-Professor Raffaello D’Andrea.

Drohnen knüpfen eine Seilbrücke. Video: ETH Zürich

Länder wie die USA, Russland oder China investieren sehr viel Geld in die künstliche Intelligenz. Und der israelische Historiker Yuval Harari warnt in seinem Buch «Homo Deus» vor einer upgegradeten Welt, bei der sich der normale Homo sapiens vorkommen werde «wie ein Neanderthaler in der Wallstreet».

Es gibt Fachleute, die diesen Pessimismus so nicht teilen. Weil sie den Menschen eine Eigenschaft anrechnen, die Roboter nicht entwickeln können: Teamwork. Die künstliche Intelligenz, sagt der englische Philosoph Brennan Jacoby in der «Zeit», könne komplexe Probleme niemals so effizient lösen wie Menschen in einer Gruppe.

Denn diese Art von Problemlösen setzt Kreativität, emotionale Intelligenz und kritisches Denken voraus – alles Eigenschaften, die einem Computer abgehen. Was Teamwork bewirken kann, zeigt jene Gruppe von Krebsforschern, die ihre Erkenntnisse mit anderen Laboren auf der ganzen Welt austauschten. Dadurch verbesserte sich das gegenseitige Verständnis für ihre Forschung rasant.

Zusammenarbeit ist keine Technik; sie ist eine Kultur.

Computer haben kein Bewusstsein. Sie können keine Bach-Fugen komponieren, sie werden nie mit der Ausdruckskraft eines Orchesters spielen. Roboter vermögen keine Kunstwerke zu schaffen. Denn Schönheit hat mit dem zu tun, das die Japaner «Wabi-Sabi» nennen. Das Wort meint ein ästhetisches, eng mit dem Zen-Buddhismus verbundenes Konzept. Es steht für drei Wahrheiten: Nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen, nichts ist perfekt.

Wie wichtig ein Kollektiv sein kann, sehen Sie auch dem an, was Sie jetzt lesen: einer Zeitung. Sie funktioniert nicht mit ein paar Experten, die man zu den Besten erklärt. Sondern sie lebt wie ein Organismus. Mit unterschiedlichen Kompetenzen, Aufgaben und Fertigkeiten, mit denen sich die Leute ergänzen, inspirieren, korrigieren und helfen.

Wenn der Volontär an der Sitzung den besten Vorschlag hat, wird dieser umgesetzt. Manchmal fällt den Grafikern oder Bildredaktorinnen etwas an einem Text auf, das die Schreiber übersehen haben. Rivalitäten zwischen Ehrgeizigen können ausarten, aber auch motivieren. Aus einem politischen Konflikt kann ein besserer Kommentar entstehen. Beim Blödeln kommen oft die besten Titel heraus. Viele Texte werden erst nach dem Gegenlesen fertig. Für fast jedes Thema gibt es Fachkollegen und -kolleginnen auf der Redaktion, die es viel besser wissen und die man fragen kann.

Zusammenarbeit ist keine Technik; sie ist eine Kultur.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2018, 22:48 Uhr

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