Schweizer Luftfahrtpionier präsentiert «Tesla der Lüfte»

André Borschberg flog mit Bertrand Piccard im Solarflieger um die Welt. Nun baut er mit seiner Firma H55 Elektroantriebe für Flugzeuge.

Die Firma des Luftfahrtpioniers André Borschberg hat am Freitag in Sitten ein neues Elektroflugzeug vorgestellt. Video: SDA

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Nur ein leichtes Surren des Propellerwindes ist bei der Vorführung des Flugzeugmotors zu hören. In einem Hangar auf dem Flugplatz in Sion präsentierte Aviatikpionier André Borschberg gestern Morgen das neue Flugzeug mit Elektroantrieb. Als im Hintergrund zwei Jets starten, meint der frühere Militärpilot mit einem Lächeln: «Das ist das Geräusch, das schon bald der Vergangenheit angehört.»

André Borschberg gelang als Pilot zusammen mit Bertrand Piccard von 2015 bis 2016 in mehreren Etappen die erste Erdumrundung in einem Solarflugzeug. Ziel der «Solar Impulse» war es, die Möglichkeiten neuer nachhaltiger Antriebe zu testen und aufzuzeigen. Nun entwickeln Borschberg und weitere frühere Mitglieder des Solar-Impulse-Teams mit ihrem Wissen Elektroantriebe für Flugzeuge und Drohnen.

Anfang 2018 gründeten die Luftfahrtpioniere das Unternehmen H55. Nun kann das Startup bereits einen ersten «Tesla der Lüfte» vorstellen – den Bristell Energic, wie das Flugzeug heisst. H55 hat das komplette Antriebssystem des Fliegers – bestehend aus Motor, Elektronik und den Batterien – entwickelt. Die Flugzeughülle gab es bereits; es stammt vom tschechischen Flugzeugbauer BRM Aero. Die Propellermaschine mit zwei Plätzen dient als Trainingsflugzeug für angehende Jetpiloten. Ab 2021 soll der Bristell Energic ebenfalls in Flugschulen eingesetzt werden.

Startende Jets: «Das ist das Geräusch der Vergangenheit.»André Borschberg

Das Elektroflugzeug von H55 kann mit einer Geschwindigkeit von bis zu 250 Stundenkilometern fliegen und hat eine Akkuleistung von rund 1,5 Stunden, wie Entwicklungschef Sébastien Demont erläutert. Das Flugzeug ist fast 100 Kilo schwerer als sein mit fossiler Energie betriebener Bruder. «Dafür bauten wir einen etwas stärkeren Motor ein», sagt Demont. Der Akku besteht aus 4000 Batteriezellen, die in der Nase und in den Flügeln eingebaut sind. Laut Demont beträgt die Laufzeit der Batterien bei intensiver Belastung zirka zwei Jahre. Der Akku enthält Kobalt, das für neue Batterien wiederverwertet werden kann.

«Der elektrische Antrieb hat die Welt der Drohnen ermöglicht. Er wird das Gleiche für die Luftfahrt tun», sagt André Borschberg. Die urbane Mobilität werde sich grundlegend verändern und verbessern, ist der Ingenieur und Ex-Militärpilot überzeugt. Voraussetzung sei, dass die Technik «sicher, sauber, leise und erschwinglich ist», so der H55-Mitbegründer. Bei der Entwicklung von elektrischen Flugantrieben ist derzeit ein regelrechter Wettlauf im Gang. Auch Google, Uber und Amazon haben Projekte am laufen.

André Borschberg stellt den «Tesla der Lüfte» vor. (21. Juni 2019) Valentin Flauraud/Keystone

Damit das erste E-Flugzeug von H55 auch im Alltag eingesetzt werden kann, benötigt dieses aber erst noch die Zertifizierung der Luftfahrtbehörde. André Borschberg ist zuversichtlich, diese bald erhalten zu können. «Wir wissen aufgrund unserer Erfahrungen mit Solar Impulse, was es dazu braucht», sagt der Romand. Für die Umrundung der Erde im Solarflieger musste das Team zahlreiche Sicherheitschecks durchführen lassen, um auch grössere Städte überfliegen zu können.

«Der elektrische Antrieb hat die Welt der Drohnen ermöglicht. Er wird das Gleiche für die Luftfahrt tun»André Borschberg

H55 hat ihren Sitz in Sion. Rund 20 Ingenieure, Elektroniker, Programmierer und Mechaniker arbeiten im Entwicklungslabor in unmittelbarer Nähe zum Flugplatz Sion und dem Walliser Ableger der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Gleichzeitig ist das Startup eng verbunden mit dem Silicon Valley, der Heimat von zahlreiche Techriesen und hoffnungsvollen Jungunternehmen.

Um mit dem Unternehmen starten zu können, erhielt das Jungunternehmen 2018 rund 5 Millionen Franken von Risikokapitalgebern – dazu zählt der US-schweizerische Fonds von Investor Aymeric Sallin. Mit dabei ist auch Patrick Aebischer, früherer Direktor der EPFL. Derzeit stehe man vor dem Abschluss einer weiteren Finanzierungsrunde für neues Kapital von 15 Millionen Franken, wie André Borschberg sagt.

Eines fehlt noch für die Alltagstauglichkeit: Die Zertifizierung des Bristell Energic. (21. Juni 2019) Valentin Flauraud/Keystone

Mit welchem Tempo H55 unterwegs ist, zeigt nicht nur die Tatsache, dass das Unternehmen nach weniger als zwei Jahren eine erste Entwicklung in die Luft brachte. Die Bewilligung für den Testflug auf dem Flugplatz Sion kam erst vergangene Woche. Einen Tag später wurde der Jungfernflug durchgeführt und die Medienkonferenz angesagt. André Borschberg sass bei der Premiere übrigens nicht im Flugzeug. «Es ist nicht gut, wenn man zu viele Hüte anhat», sagt er. Borschberg will sich ganz auf die Aufgabe als Berater und Repräsentant von H55 konzentrieren - und seine Kontakte in der Aviatikbranche nutzen, um das Jungunternehmen zum Erfolg zu führen.

Erstellt: 21.06.2019, 19:18 Uhr

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