So shoppen wir übermorgen

Vollautomatische Produkteauswahl, smarte Kundenführung: In Regensdorf wird der Supermarkt der Zukunft getestet.

Was in den Köpfen der Software-Entwickler ausgebrütet wird, kann im Smartshop direkt ausgetestet werden. Foto: Sabina Bobst

Was in den Köpfen der Software-Entwickler ausgebrütet wird, kann im Smartshop direkt ausgetestet werden. Foto: Sabina Bobst

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Im Industriegebiet von Regensdorf gibt es einen kleinen Laden, der Besucher aus der ganzen Welt anzieht. Das Interessante ist nicht, was es dort zu kaufen gibt, es sind Süssigkeiten, Zigaretten, Zeitschriften oder Getränke, sondern das Wie des Einkaufens. Der Laden ist technisch so ausgerüstet, dass sich Shoppingszenarien demonstrieren lassen, die vielleicht schon morgen oder in einigen Jahren zum Alltag gehören werden – vielleicht auch nicht. Es wird hier nicht Grundlagenforschung betrieben. Es geht darum, neue Technik für die Anwendung im Alltag zu testen.

Pascal Hagedorn, Wirtschaftsingenieur mit Fachgebiet Informatik, leitet das Ladenlabor und demonstriert ein paar der Entwicklungen. Etwa die Kamera, die den Kunden oder die Kundin beim Betreten des Ladens erkennt. Das muss nicht persönlich sein, obschon auch Gesichtserkennung möglich wäre. Das System erkennt aber schon, ob es zum Beispiel eine junge Frau, ein Kind oder ein Mann im mittleren Alter ist. Die Folge: Werbebildschirme im Laden zeigen automatisch Produkte und Angebote, die zum Kunden passen könnten.

Probiert die Dame in der Kabine einen Pullover an, schickt das System sogleich Bilder ähnlicher Pullover auf den Spiegel, sodass die Kundin gleich beurteilen kann, welches Modell ihr am besten gefällt. Mit den ausgewählten Stücken geht die Kundin am Ende locker an der Kasse vorüber, die Artikelnummern werden drahtlos gespeichert, und die Bezahlung läuft automatisch ab. Die Dinge, in diesem Fall Pullover, haben sich selber im Internet angemeldet.

Zukunft zum Anfühlen

Das Ladengeschäft der Zukunft ist ein Projekt des Softwareherstellers SAP. 1972 von fünf ehemaligen Mitarbeitern von IBM in Deutschland als «Systemanalyse und Programmentwicklung» gegründet, beschäftigt SAP heute weltweit 85'000 Angestellte. 350'000 Firmen, darunter alle grossen der Welt, verwenden Unternehmenssoftware von SAP, die es für 25 Branchen gibt – und dank der unter anderem Millionen von Menschen ihren Lohn bekommen. Der Laden in Regensdorf ist ein Co-Innovation-Lab von SAP. «Co-Innovation», so Hagedorn, bedeutet, dass die Kunden in die Entwicklungsarbeit einbezogen werden. «Die Kunden, etwa Grossverteiler, betreiben ja ihre eigene Forschung, wir helfen ihnen dabei mit unserem Fachwissen, Produkten und Lösungen», sagt Hagedorn. Dass gerade das Regensdorfer Labor Fachleute aus dem Ausland anziehe, habe damit zu tun, dass der Schweizer Detailhandel international punkto Qualität ein hohes Ansehen geniesse.

Software ist für manche eine eher trockene Materie. Neuheiten mit einer Bildschirmpräsentation zu erklären, sei, gerade wenn es um Produkte für die Endnutzer gehe, unbefriedigend, findet Pascal Hagedorn. Im Smartshop, ehemals Future Retail Center genannt, werden die Abläufe im kleinen Massstab wie im Alltag echt erlebbar gemacht. Von «touch and feel», berühren und spüren, sprechen die Entwickler, wenn sie ihre Programme probehalber in die Wirklichkeit eines simulierten Supermarkts entlassen. «Wir versuchen, die virtuelle mit der realen Welt zu verknüpfen», erläutert Hagedorn, der Spezialist für das Internet der Dinge.

Im Detailhandel der Zukunft wird das Internet der Dinge auf jeden Fall eine grosse Rolle spielen. Das bedeutet, dass einzelne Artikel automatisch erkannt und transportiert werden können. Ob Skijacke oder Zahnpastatube, Katzenfutter oder Bierdose, alle müssen ihre maschinenlesbaren Daten mitführen. Im Lagerhaus oder am Ende an der Ladenkasse fliessen die Informationen vom Artikel zum Lesegerät (M2M, von Maschine zu Maschine). Das sind bereits heute riesige Datenmengen, in Zukunft vielleicht ein Mehrfaches des ganzen drahtlosen Telefon- und Mailverkehrs.

 Das Warenhaus wird zu einer Produktebühne, auf der die Waren inszeniert und erklärt werden – geliefert wird ins Haus.

Pascal Hagedorn nimmt aus dem Regal eine Zeltli-Packung. Sofort registriert dies im Hintergrund ein Gerät. Unterschreitet der Bestand eine gewisse Menge, löst es die Nachbestellung aus, die Rayonleiterin Süsswaren bekommt auf ihr Datengerät die Meldung, es müsse nachgefüllt werden. Im Verteilzentrum wird die Nachbestellung automatisch verarbeitet. Wenn nötig geht eine Bestellung an den Lieferanten. «Wenn gewünscht, lässt sich so jeder Artikel vom Materialeinkauf über die Herstellung bis zur Ladenkasse automatisch begleiten», sagt Pascal Hagedorn. Die Konsumentin könne so die Herkunft des Materials und den Fabrikationsort ersehen oder bei Lebensmitteln die lückenlose Kühlkette. Für Medikamente und Luxusgüter ist auch eine Echtheits­garantie auf diesem Weg möglich.

Der Boom des Onlinehandels wirkt sich bereits auf die Abläufe in den Ladengeschäften aus. Die Kundin und der Kunde erwarten im Laden die gleichen Funktionen wie im Webshop. Am Bildschirm tippt man die Weinflasche im Katalog an und bekommt alle erdenklichen Informationen zu Weineigenschaften, Rebsorte, Kellerei oder Trinktemperatur. Eine ähnliche Funktion könnte auch am Weingestell im Laden eingerichtet werden. Das Warenhaus wird zu einer Art Produktebühne, wo die Waren inszeniert und erklärt werden – geliefert wird dann ins Haus. Für die Logistik ergibt die Automatisierung Chancen, denkbar ist sogar, Ladengeschäfte rund um die Uhr ohne Personal zu betreiben, Roboter holen die Ware aus den Regalen und legen sie ins Ausgabefach.

Das Internet der Dinge ist in der Industrie längst selbstverständlich. In den Fabriken läuft kaum eine Kiste durch die Anlagen, die nicht jederzeit automatisch identifiziert und lokalisiert werden könnte. Die am weitesten verbreitete Technik ist dabei RFID. Diese winzigen Transponder können berührungslos auf Distanz abgefragt werden und enthalten alle Informationen über den Inhalt der Kiste. In den Supermärkten ist RFID noch nicht üblich. Im Zukunftsladen in Regensdorf gab es zur Anschauung bereits mit RFID-Chips versehene Packungen und eine Kasse, die berührungslos sämtliche Produkte im bunt gefüllten Einkaufswagen erfasst. Doch die RFID-Etiketten sind nach wie vor teurer als der einfach aufgedruckte Strichcode. Die Technik für RFID bis hinunter zum Schokoladeriegel ist nicht ausgereift genug. «Das Thema wird im Zusammenhang mit dem Internet der Dinge auch in der Schweiz diskutiert», sagt Hagedorn.

Die Produkte im Laden finden

Im Moment setzen die Grossverteiler auf Kassensysteme, an denen die Kundin ihre Waren selber scannen kann – oder muss, was Ansichtssache beziehungsweise eine Generationenfrage ist. RFID wäre eine praktische und elegante Lösung, wirft allerdings auch Fragen zur Datennutzung auf. Kürzlich präsentierte nun Amazon in Amerika eine neue Lösung: Der Kunde gibt sich beim Betreten des Ladens zu erkennen, holt dann beliebige Artikel aus den Regalen und wird dabei durch Kameras und andere Sensoren beobachtet. Er verlässt am Ende ganz einfach den Laden, das System hat sich gemerkt, was er mitgenommen hat und verbucht die Einkäufe auf seinem Amazon-Konto. Macht dieses System die Diskussion um RFID obsolet? Pascal Hagedorn verfolgt die Entwicklung der Konkurrenz und sieht als Experte auch, wo dort die Schwachstellen liegen. Die zahlreichen Kundenaktionen und -wünsche in einem Supermarkt seien technische Herausforderungen, findet er.

Als Nächstes soll zu den technischen Demonstrationsobjekten im SAP-Co-Innovation-Lab in Regensdorf ein neuartiges System für die Innenraumnavigation per Mobiltelefon installiert werden. Das von einem Leuchtmittelhersteller entwickelte Verfahren benützt die LED-Lampen der Deckenbeleuchtung quasi als Leuchttürme. Jede Lampe, das heisst jeder Standort, hat eine Identifikationsnummer, die für das Auge unsichtbar ausgestrahlt wird. Die Kamera eines Smartphones nimmt diese Signale auf, durch Triangulation wird der Standort im Laden ermittelt. Dem Kunden hilft das System, einen bestimmten Artikel in den Regalschluchten zu finden. Der Ladenbesitzer kann die Daten nutzen, um festzustellen, zu welchen Zeiten welche Rayons besonders gut oder besonders schlecht besucht sind. Das hilft bei der Personalplanung und Ladengestaltung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2017, 19:55 Uhr

Internet der Dinge

Milliarden vernetzte Geräte brauchen viel Energie

Auch wenn wir denken, wir seien bereits mit der Welt vernetzt. Wir sind es offensichtlich noch nicht wirklich. Das Zauberwort in der Fachwelt heisst Internet der Dinge: Gegenstände erhalten einen Sensor und einen Sender und kommunizieren miteinander. Wie viele Objekte das sein werden, weiss niemand so genau. Rund 16 Milliarden bis zum Jahr 2020 schätzen Analysten von Machina Research. Das Leben des Menschen soll damit einfacher werden. Der Briefkasten meldet sich, wenn er voll ist, die vergessene Lampe schaltet sich selbst ab. Strassenlaternen bestellen selbst den Servicetechniker, oder Parkplätze teilen ihre Belegung im Internet mit. Auch eine intelligente Energieverteilung im Stromnetz kann von den kommunizierenden Geräten profitieren. Diese teilen dem Energieunternehmen mit, wie viel Strom sie verbrauchen und ob sie dem Stromnetz zugeschaltet oder davon abgekoppelt werden können. Die Sensoren und Steuerungselemente in den vernetzten Gegenständen brauchen allerdings sehr viel Energie. Der Stromkonsum weltweit wird in Zukunft laut einer Studie vom iHomelab der Hochschule Luzern um ein Mehrfaches steigen. Unter dem Strich werde jedoch mit dem Internet der Dinge mehr Strom gespart als aufgewendet. (lae)

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