Der Spaceshuttle-Bauer aus der Romandie

Pascal Jaussi baut in Payerne einen Spaceshuttle, der Satelliten günstig ins All transportieren soll. Ein Spinner? Von wegen!

So gelangen die Satelliten in den Weltraum: Eine Animation der S3.

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Spricht Pascal Jaussi für einen Kredit vor, hat er drei Minuten, um die Banker zu überzeugen. Drei Minuten, in denen er die Wörter Spaceshuttle und Payerne besser nicht erwähnt. «Sonst halten sie mich für einen Spinner und rufen den ­Sicherheitsdienst.»

Erfolg versprechender sind Namen: Dassault Aviation, ESA, Thales Alenia Space, ETH Lausanne. Und eine Worthülse: Demokratisierung des Weltalls. Die benutzt Jaussi gerne, sie ist kaum angreifbar und sehr schweizerisch. Und deshalb reichen Pascal Jaussi, 37-jährig, ehemaliger Linienpilot, Flugversuchsingenieur für Kampfjets, Träumer, Visionär, in der Regel drei Minuten. Danach erwähnt er auch den Space­shutt­le und die Gemeinde Payerne VD.

Pascal Jaussi plant mit seiner Firma Swiss Space Systems (S3) ein System, das kleine Satelliten günstig in das Weltall transportiert. Ein Airbus bringt den Shuttle huckepack auf 10'000 Meter Höhe, von dort steigt dieser selbstständig auf und bringt den Satelliten auf seine Umlaufbahn, bevor er fernge­steuert auf die Erde zurückkehrt. In einem späteren Schritt sollen im Shuttle Passagiere suborbital in rund 80 Kilometer Höhe um die Welt fliegen. Sydney läge noch zwei Flugstunden von Payerne entfernt.

In der Industriezone La Palaz, Areal 3, unweit des Militärflughafens Payerne, arbeiten mehr als 60 Leute mit Hochdruck am Schweizer Shuttle. Jaussis Zeitplan ist eng: Firmengründung Ende 2012, Eröffnung Labor 2013, Testflüge mit dem Airbus 2015, Testflüge mit dem Shuttle 2017, Markteintritt 2018. Gesamtbudget 250 Millionen Franken.

Ein Fingerzeig in die Zukunft

Noch ist es ein trostloser Bau, in dem der Schweizer Spaceshuttle entwickelt wird. Bordeauxrote Metallfassade, unten ein Billig-Möbelladen, in der Mitte ein Fitnessstudio, unter dem Dach ein Spacelabor. Alt und Neu liegen nahe beieinander. Pascal Jaussi legt seinen Zeigefinger auf den Scanner, ein kaum hörbares Piepsen, dann Riegel, die zurückschnellen. Die Tür in eine andere Welt öffnet sich: dunkles Parkett, weisse Wände, ein schwarz glänzendes Modell eines Raumschiffs, des Raumschiffs. Die Form mit den hochgezogenen Flügeln erinnert an einen fetten Rochen.

Pascal Jaussi legt den Zeigefinger erneut auf einen Scanner. Leises Piepsen, das Schnappen der Schlösser, wieder wechselt der Bodenbelag: Der dunkle Parkettboden und damit der Bereich der Administration endet an dieser Tür. Dahinter liegt ein grauer Teppich, hier wird an der Technik gearbeitet. In den Raum hat S3 einen Zwischenstock gezogen. Oben stehen leere Pulte, unten arbeiten Ingenieure an 3-D-Modellen, drehen den Rochen auf ihren riesigen Bildschirmen auf den Rücken, zoomen in sein Inneres. In der Mitte der Halle: grosse Leere. Genügend Platz, um den ersten Shuttle zusammenzubauen. 15 Meter lang, 10 Meter Spannweite, 30 Tonnen Nutzlast. Irgendwann in den nächsten Monaten beginnen sie hier mit einem ersten Prototypen, die Pulte auf der Galerie sind dann besetzt, das ganze Team ist um den Shuttle versammelt.

Die neue Frage lautet: Wann?

Die Grundidee hinter S3: vorhandene Komponenten verwenden und möglichst wenig selber entwickeln. Ansonsten wäre das Projekt in solch kurzer Zeit aussichtslos und nicht finanzierbar. Pascal Jaussi sieht seine Firma als Drehscheibe internationaler Industrien. Er glaubt, dieses Projekt habe einzig in der Schweiz eine Chance. «Wir vereinen sensible Technologie aus Russland, Europa, Asien, den USA. Es muss also ein Land sein, das stabil und neutral ist, und es braucht eine Geheimhaltungskultur.» Ihm gelang es, grosse Firmen für seine Idee zu gewinnen. Mehr noch: Sie sollten bei einem Projekt mitarbeiten, über das sie keine Kontrolle haben. Inzwischen treten grosse Firmen mit ihren Namen auf, das erleichtert Jaussi die Arbeit. Bei allen Partnern gehe es um kommerzielle Interessen, betont Jaussi. Entsprechend kommt S3 ohne Subventionen aus.

Seit den Olympischen Winterspielen Anfang Jahr in Sotschi ist die grosse Frage bei S3 nicht mehr: «Werden wir fliegen?», sondern: «Wann werden wir fliegen?» Am Rande der Wettkämpfe unterzeichnete Jaussi die Verträge mit Partner Nummer 21: Das russische Unternehmen Kuznezow liefert die Motoren für den Schweizer Shuttle.

Wenn Pascal Jaussi, Jeans, schwarzes Poloshirt, graue Firmenjacke, in der Mitte der Halle steht und von der Zukunft spricht, dann tönt alles sehr gross und sehr strukturiert. In der Tat sei die Arbeit bei S3 ziemlich chaotisch, sagt einer, der bei einem S3-Partner am Projekt arbeitet, aber aufgrund seiner Hierarchiestufe keine Auskunft geben darf. Hinter Jaussi stehe jedoch ein Mann, dem es gelinge, das Chaos konstruktiv zu nutzen und die Ideen zu kanalisieren: Chefingenieur Benoît Deper. «Er ist absolut brillant», sagt der Insider, «er wird das Projekt zum Fliegen bringen.» Er habe in Payerne ein enormes Wissen aufgebaut und ein hochkarätiges Team um sich geschart. Deper selber, eben erst 28 geworden, ist kein Mann der grossen Worte. Er sagt, er sei getrieben von der Idee, mit seinem Team den Flug ins Weltall zu schaffen. Und: «Die Geschwindigkeit, mit der wir dem Ziel näherkommen, ist unglaublich. Die Arbeit verlangt viel Engagement.»

Pascal Jaussi arbeitete an der ETH Lausanne an einem Projekt von Dassault, Machbarkeitsstudien, theoretische Berechnungen für suborbitale Passagierflüge. An einem Punkt ging es nicht mehr weiter: Ein solches System zur Marktreife zu bringen, ist für eine Hochschule nicht möglich.

Dassault, der französische Industrieriese, habe mehr als zehn Jahre in eine ähnliche Idee investiert, sagt der Insider. Bloss habe dem Konzern stets der Mut gefehlt, sie durchzuziehen. «Über S3 hat Dassault nun einen Weg gefunden, das System zu implementieren.» Jaussi sei zudem intelligent genug gewesen, die Passagierflüge hintanzustellen und sich in einem ersten Schritt auf den Transport von Satelliten zu fokussieren. Wie der S3-Chef redet sich der Mann ins Feuer, wenn es um S3 geht. Er traf Jaussi 2012 das erste Mal. Und es dauerte keine drei Minuten, bis er vom Projekt überzeugt gewesen sei – der Mann ist Techniker, nicht Banker. Jaussi habe ihn auf der Stelle «gekauft».

Eine «grenzwertige» Idee

Benoît Deper war Pascal Jaussis erster Mitarbeiter, angestellt, noch bevor Swiss Space Systems offiziell gegründet war. Die beiden kannten sich von ihrem Studium in Toulouse, danach ging jeder seinen eigenen Weg, Jaussi bei der Schweizer Luftwaffe und an der ETH, Deper zuerst bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa, dann bei der europäischen ESA.

Am 1. September 2012 begann Jaussis «neues Leben». Es war der erste Tag, an dem er nicht mehr bei der Luftwaffe angestellt war. Er sass in seinem Schlafzimmer am Schreibtisch, der Berg vor ihm erschien ziemlich hoch. Die Vorstellung, ein Schweizer Spaceshuttle in Payerne zu bauen, «war schon grenzwertig», sagt Jaussi rückblickend. Manchmal hielt er sich selber für einen Spinner. Die Schweiz hat zwar einen Astronauten (Claude Nicollier), aber keine Weltraumtradition. Im Gegensatz zu Russland oder den USA. «Wenn du in den USA in einer Garage tüftelst und sagst: ‹Ich gehe ins Weltall›, dann sagen alle: ‹Bravo, genial›.» Hier hingegen stelle man die Frage, ob ein solches Projekt nicht ein bisschen gross sei für die Schweiz.

Bald stellte Jaussi einen zweiten Tisch in sein Schlafzimmer: jenen für Benoît Deper. Inzwischen sind sie Freunde geworden, lassen sich spätabends Pizza in Jaussis Büro liefern. Deper bringt Jaussi auf den Stand der Dinge, dann plaudern sie über alte Zeiten – und sind ein ums andere Mal erstaunt darüber, dass diese kaum zwei Jahre zurückliegen.

Das schnelle Tempo macht das Projekt attraktiv. Die Leute, die bei S3 arbeiten, eint die Faszination für den Weltraum und der Traum, ins All zu fliegen. Bei S3 ist die Erfüllung dieses Traums absehbar. Bereits Anfang 2015 beginnen die Testflüge mit dem umgebauten Airbus. S3 verkauft seit dem 20. Mai Tickets für Parabelflüge rund um den Globus – für rund 2000 Euro soll jedermann Schwerelosigkeit erleben können. Die für das Projekt notwendigen Testflüge werden mit einer Werbetournee verbunden und bringen Geld ein. Und hier kommt Jaussis Idee mit der Demokratisierung des Alls ins Spiel: Die Parabelflüge würden etwa Hochschulen erlauben, zu vernünftigen Preisen kleinere Experimente in der Schwerelosigkeit durchzuführen. Das sei die erste Stufe. Die weiteren: umfassende Tests an Bord des Shuttles; Langzeitversuche mit einem kleinen Satelliten.

Der Businessplan von S3 sieht vor, dass ein Satellitenstart 10 Millionen Franken oder rund ein Viertel eines Starts mit einer Rakete kostet. So könnten sich auch kleinere Staaten Satelliten leisten, etwa um ihre Grenzen oder Tierwanderungen zu beobachten. Der kommerzielle Erfolg des Unternehmens wird von einem wettbewerbsfähigen Preis für einen Satellitenstart abhängig sein. Neben S3 werden in Zukunft auch andere Unternehmen Satellitenstarts und Raumflüge anbieten, Unternehmer wie Richard Branson (Virgin), Jeff Bezos (Amazon) oder Elon Musk (Paypal, Tesla) investieren in die Raumfahrt. Sie sehen das Geschäft der Zukunft im Transport von Satelliten und Menschen in das Weltall.

Pascal Jaussi träumte schon als kleiner Bub von einem Flug ins Weltall. Seine Faszination geht auf Tim und Struppi zurück – auf seinem Schreibtisch in Payerne steht eine kleine Modellrakete aus «Objectif Lune», rot-weiss gestreift.

Er sagt, er freue sich jeden Morgen wie ein kleines Kind. Denn er weiss: Er ist seinem Traum vom Flug ins Weltall ist wieder einen Tag näher.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.06.2014, 23:31 Uhr)

Normalerweise reichen ihm drei Minuten, um seine Idee zu verkaufen: Unternehmer Pascal Jaussi mit einem Modell seines Shuttles. Foto: Béatrice Devènes

So schiesst S3 Satelliten ins All. Zum Vergrössern auf Grafik klicken.

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