Staudämme am Meeresgrund

Noch wird die Energie von Ebbe und Flut kaum genutzt. Doch britische Unternehmen treiben die Entwicklung der Gezeitenkraftwerke voran, die Geografie der Insel ist ihre Chance.

Ein U mit einer Dammlänge von 9,5 Kilometern: Das Projekt des Gezeitenkraftwerks vor Swansea. Visualisierung: PD

Ein U mit einer Dammlänge von 9,5 Kilometern: Das Projekt des Gezeitenkraftwerks vor Swansea. Visualisierung: PD

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Das Spiel von Ebbe und Flut bestimmt das Leben an der Küste mit. Wenn, wie Mitte März, besonders starke Gezeiten angekündigt sind, strömen die Schaulustigen in Scharen herbei. Sie nutzen die ausnahmsweise trockenen Strandbereiche für die Suche nach Muscheln und Krebsen und staunen ein paar Stunden später über das Hochwasser.

Dieses Jahr war es eine Superspringflut, wie sie nur alle 18 Jahre vorkommt, aber da der Wind fehlte, blieben die spektakulärsten Brecher aus – zur Enttäuschung der Touristen und zur Erleichterung der Verantwortlichen für den Küstenschutz. Zufrieden war jedenfalls das französische Elektrizitätsunternehmen EDF. Das Gezeitenkraftwerk La Rance in der Bretagne produziert umso mehr Strom, je grösser die bewegten Wassermassen sind. Das Werk liefert seit 40 Jahren regelmässig so viel Strom, dass die Hälfte der Stadt Zürich versorgt werden könnte.

Saubere Energie aus den Gezeiten

La Rance ist eines von bloss einer Handvoll Gezeitenkraftwerken weltweit. Doch die Gewinnung von sauberer Energie aus den Gezeiten soll bald in grösserem Stil betrieben werden. Ideal positioniert sind die Britischen Inseln und dort besonders der Bristolkanal und die Severnmündung zwischen Wales im Norden und Südwestengland im Süden. Mehrere Projekte für Gezeitenkraftwerke sind hier in Vorbereitung, die walisischen und die britischen Behörden haben zwar noch nicht ihre Zustimmung erteilt, aber kundgetan, dass sie die Arbeiten mit grossem Interesse verfolgen.

Während der Bau eines Querdammes in der Severnmündung, von dem seit mehr als 150 Jahren die Rede war, an finanziellen und Umweltbedenken scheitern dürfte, stehen die Chancen für Lagunenprojekte besser. Es sollen mit Staudämmen am Meeresgrund künstliche Lagunen geschaffen werden. Bei Flut würde das Wasser in diese abgegrenzten Bereiche fliessen, bei Ebbe würde es wieder abgelassen. In den Durchlässen, durch die das Wasser zweimal strömt, würden Turbinen platziert. Der Bristolkanal ist ein riesiger Trichter, in dem die Flutwellen konzentriert werden, was zu einem durchschnittlichen Unterschied zwischen Ebbe und Flut von zehn Metern führt. Dieses Gefälle kann genutzt werden, wenn man die Flut in der künstlichen Lagune einfängt. Das Prinzip wurde im Kleinen schon vor Jahrhunderten bei Mühlen angewandt, deren Teiche durch die Flut gefüllt und bei Ebbe über Wasserräder entleert wurden.

Am weitesten fortgeschritten ist offenbar das Projekt einer künstlichen Lagune bei der walisischen Stadt Swansea. Bereits wurde für die Lieferung der Turbinen der österreichische Technikkonzern Andritz ausgewählt. Dieser zählt zu den grössten Turbinenherstellern und verwaltet unter anderem auch das Erbe der Zürcher Traditionsmarke Escher-Wyss. Eine weitere Lagune ist bei Cardiff vorgesehen. Insgesamt laufen die Planungen für sechs solcher Anlagen, sie könnten in einigen Jahren acht Prozent des Strombedarfs des Vereinigten Königreichs decken.

Nicht billig, aber langlebig

Lagunenkraftwerke haben Vorteile zu bieten. Das internationale Ingenieurunternehmen Pöyry hat sie in einer umfangreichen Studie dargestellt. Die Anlagen wären zwar nicht billig, aber im Vergleich zu Atomkraftwerken oder Offshore-Windanlagen sehr viel langlebiger. Für Windkraftwerke auf See rechnet Pöyry mit einer Betriebszeit von höchstens 25 Jahren, ein Lagunenkraftwerk könne 120 Jahre halten. Unter dem Strich sei der Strom aus den Gezeiten konkurrenzfähig.

Im Gegensatz zur Windenergie, die unregelmässig und schwer kalkulierbar anfällt, lassen sich Ebbe und Flut zuverlässig auf Jahrhunderte hinaus vorausberechnen. Alle 18,6 Jahre ist zum Beispiel eine extreme Springflut wie diesen März zu erwarten. Für die Basisversorgung ist die Gezeitenenergie nur bedingt geeignet, ihr Beitrag ins Netz ist aber perfekt planbar. Ausserdem kann der Abfluss bei Bedarf auch etwas gesteuert werden.

Das Projekt Tidal Lagoon Swansea Bay sieht einen u-förmigen Damm von 9,5 Kilometer Länge vor. Die künstliche Lagune soll etwa 4 Kilometer ins Meer hinausreichen und so mit dem Land verbunden werden, dass die örtlichen Flüsse ausserhalb des Damms ins Meer münden können. Bei hohem Füllstand wären 3 Meter, bei Niedrigwasser 12 Meter des Damms sichtbar. Den Kern sollen schlauchförmige Elemente aus Geotextilien bilden, die mit Sand gefüllt werden. Darüber kommen Steinschichten. Das Wasser soll durch mehrere Turbinen in die Lagune hinein- und wieder hinausfliessen. Die Leistung läge bei 320 Megawatt, knapp einem Drittel eines grossen Kernkraftwerks wie Gösgen.

Weiterführende Studien nötig

Ein Gezeitenkraftwerk mit Querdamm in der Severnmündung wurde auch mit Rücksicht auf die Natur verworfen. Den diversen Lagunenprojekten stehen Umweltschützer weniger ablehnend gegenüber. Sollte es gelingen, das Kohlekraftwerk Aberthaw abzuschalten, seien die Lagunen jedenfalls vorzuziehen, heisst es. Aberthaw gilt als eines der dreckigsten Kraftwerke und müsste nach EU-Richtlinien aufgegeben werden. Der Energiekonzern RWE will das Werk mit grossem Aufwand nachrüsten und weiterbetreiben.

So oder so werden für die geplanten künstlichen Lagunen noch eingehende Studien über die Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt der Küsten zwischen Wales und Südwestengland nötig sein. Die Arbeit an diesen Untersuchungen hat bereits begonnen. Das Unternehmen schreibt etwa, dass die Turbinen mit einem Durchmesser von rund 7 Metern keine Gefahr für die Fische sein werden, diese hätten in dem Durchlass genug Platz.

Für die Kultur von Austern, Hummern und der Meerespflanze Kelp, aber auch für Wassersport und Tourismus sei die Lagune ein Gewinn. Fuss- und Radwege, Sport- und Fischerzentren und ein Besucherpavillon sollen Attraktionen werden. Komplexer sind die Voraussagen über die zu erwartenden Bewegungen von Wasser und Sand im Bristolkanal, wenn der Lagunendamm einmal steht. Die Lagune darf nicht verlanden, die Schifffahrtsrinnen und Häfen der Umgebung müssen offen bleiben.

Projekt bei den Orkney-Inseln

Ausser dem Bristolkanal haben die Anhänger der Gezeitenkraft auch die Meeresenge im Blick, durch die zwischen Atlantik und Nordsee bei den Orkney-Inseln ganz im Norden von Grossbritannien die Fluten brausen. Die Strömung, welche die Turbinen direkt antreiben könnte, ist hier besonders stark. Am Projekt Mey Gen im schottischen Pentland Firth ist auch der schwedisch-schweizerische ABB-Konzern beteiligt. Zwar will England weiterhin Kern- und fossile Kraftwerke betreiben und sogar neue bauen. Doch mehrere alte Werke stehen vor dem Ende ihrer Lebensdauer. Sie sollen unter anderem von neuer Technik abgelöst werden. Eine Diversifizierung der alternativen Energietechnik ist dabei erwünscht. Die Initianten der Lagunen haben begonnen, die nötigen Gelder zu suchen. Fast CO2-freie Energieproduktion mit einem von Mond- und Sonnenanziehung kostenlos garantierten Nachschub klingt gut, aber die Kasse muss stimmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2015, 19:23 Uhr

Der Damm lädt zum Spazieren: Tidal Lagoon Swansea Bay: Visualisierung: PD

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