Studenten bauen Mini-Helikopter für Lawinenopfer

Die Drohne findet Verschüttete vollautomatisch – das ETH-Projekt wird auch von der Rega unterstützt. Es ist eine clevere Technik, die vor allem vor Zweitlawinen schützt.

Resultat fieberhafter Arbeit: Die Erbauer mit ihrer viermotorigen Drohne Alcedo im Labor der ETH.

Doris Fanconi

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Die fünf Maschinenbau-Studenten erfüllen alle Voraussetzungen: Sie sind Skitourenfahrer und Freerider, zwei davon geübte Modellflugpiloten - und vor allem: Sie haben in den letzten Wochen fast Tag und Nacht gearbeitet. Gestern haben sie an der ETH ihren roten, viermotorigen Quadcopter präsentiert. Das Gerät ist zusammengefaltet so schwer wie eine 1,5-Liter-PET-Flasche, vollgestopft mit modernster Technik, aber so teuer, dass man sich mit dem Geld auch ein Dutzend neuer Ski kaufen könnte.

Und so funktioniert der «Alcedo»-Heli (Lateinisch für Eisvogel), der wie eine Trinkflasche am Rucksack befestigt wird: Kommt ein Skifahrer oder Schneeschuhgänger in eine Lawine, wird das Gerät von einem nicht verschütteten Kameraden aufgefaltet und programmiert. Über zwei einfache Schieberegler werden Länge und Breite des Lawinenkegels eingegeben und über ein Drehrädchen die Position zur Lawine. «Das ist ganz einfach und kann auch im grössten Stress und Schock ausgeführt werden», sagt Student Manuel Grauwiler (Effretikon). Ein weiterer Knopfdruck, und die Drohne fliegt los.

Vier Rauchpetarden an Bord

Jetzt zeigt sich, dass Alcedo mit einem Arsenal an Technik vollgestopft ist. Er fliegt den Lawinenkegel automatisch in zwei Metern Höhe im Zickzackmuster ab - und macht genau das, was die Helfer mit Verschüttetensuchgeräten auch täten. Er trägt nämlich an Bord ein solches Barryvox, das für Tourenfahrer zum Standard gehört und das die Funksignale der Verschütteten empfängt.

Hat der Heli einen Verschütteten geortet, fliegt er über ihn und wirft eine Rauchpatrone ab. Der rote Rauch zeigt die Position des Verschütteten von weitem sichtbar an und hinterlässt auf dem Schnee einen Farbfleck. Sind mehrere Personen verschüttet, sucht der Heli weiter und wirft bis zu vier Rauchpetarden ab. Bei einem fünften Opfer würde er automatisch landen. Der Heli hat eine maximale Flugzeit von 12 Minuten.

Schneller als die Retter zu Fuss

Was in der Beschreibung einfach tönt, hat den fünf Studenten einige schlaflose Nächte bereitet. Im Bauch des Heli sind ein Stabilitätskreisel (Gyroskop), ein Kompass, ein GPS und ein Höhenmesser sowie ein Ultraschallsensor eingebaut. Dank Ultraschall kann die Drohne auch im steilen Gelände konstant zwei Meter über dem Schnee fliegen. Sämtliche Elemente, inklusive der vier Antriebsmotoren, sind mit zwei leistungsfähigen Mikroprozessoren verbunden.

«Der Vorteil unserer Drohne», sagt Dominic Gschwend (St. Gallen), der erfahrenste Tourenfahrer, «liegt in der Entlastung der Retter.» In einem steilen, ruppigen Lawinenkegel unter Zeitdruck nach Verschütteten zu suchen, ist körperlich und psychisch äusserst anstrengend. «Statt zu suchen, können die Retter in Ruhe die Rega alarmieren und ihre Schaufeln und Sonden für die Bergung auspacken», sagt Martin Wyss aus Sursee. David Leuzinger (Aarberg) erinnert an das Lawinenunglück im Diemtigtal. «Wenn die Drohne sucht, sind die anderen vor Zweitlawinen geschützt.»

Der Quadcopter wurde gemäss Hobbypilot Luc Oth (Luxemburg) bei einem Spezialhändler gekauft. Die gesamte Struktur und das Fluggestell wurden ersetzt und das Design mithilfe von Industriedesignern der Zürcher Hochschule der Künste perfektioniert und auf Rot-Weiss, die Farben der Rettung, gestylt. Die Rettungsflugwacht ist an Alcedo interessiert und hat das Projekt, das bisher 25 000 Franken gekostet hat, unterstützt. Vieles, besonders Material, wurde gesponsert. Auch von der Schweizer Outdoor-Firma Mammut.

Könnte auch eine Kamera tragen

Trägt bald jeder Skitourenfahrer neben Barryvox, Schaufel, Sonde und Airbag auch noch einen Mini-Heli auf den Gipfel? «Wohl kaum», sagt Manuel Grauwiler. Auch bei einer industriellen Produktion würde Alcedo noch ein paar Tausend Franken kosten. Anwendungen sehen die Studenten gleichwohl: Rega, Bergsteigerschulen, Spezialtouren oder für besonders gefährliche Projekte. Zudem liesse sich der Suchkopf statt mit Barryvox auch mit einer Infrarot-, Wärmebild- oder Filmkamera sowie einem Handy-Ortungsgerät bestücken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2010, 19:07 Uhr

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