Taucher im Klärschlamm

Gregor Ulrich putzt Faultürme in Kläranlagen. Dabei taucht er in surreale Landschaften ein.

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Wird Gregor Ulrich an Partys nach seinem Beruf gefragt, antwortet er zum Spass mit «Scheissetaucher». Der 29-Jährige verdient sein Geld mit Taucheinsätzen in Kläranlagen – ein Arbeitsort, den nur wenige mit ihm tauschen würden, was Ulrich aber kaum stört: «Der Taucher hats am besten. In seinem Taucheranzug riecht er die Methangase nicht, die der Faulturm bei geöffneter Luke ausströmt.» Unangenehm sind diese Gerüche höchstens für das Team, das den Tauchgang begleitet.

Dass Menschen in Faultürmen von Kläranlagen tauchen, ist nicht vorgesehen. Und doch spricht viel dafür, denn die Reinigung der Becken durch Taucher ist laut Ulrich schneller und kostengünstiger, als die Faultürme dafür ganz zu leeren. Ulrichs Vater, ebenfalls Berufstaucher, hat die alternative Reinigungsmethode vor 15 Jahren mitentwickelt. Das Wiener Familienunternehmen Umwelt-Tauchservice hat mittlerweile Einsätze in ganz Mitteleuropa.

Zum Beispiel in Thalwil. Konzentriert stehen Ulrich und sein vierköpfiges Team auf dem Dach der Kläranlage. Gleich wird sich ein Kollege von Ulrich durch die enge Luke in den Faulturm zwängen. Dick eingepackt in eine Ausrüstung, die um die 60 Kilo wiegt. Gehalten von einem bunten Leinenstrang, der den Taucher mit Pressluft versorgt und durch den er mit dem Team sprechen kann.

«Wie Honig oder Torf»

Nachdem der Einstieg geschafft ist, lassen ihn seine Kollegen langsam in die grünbraune Masse sinken. Mit den blauen Handschuhen winkt er ein letztes Mal. Dampfwolken steigen auf. Dann verschwindet er für 25 Minuten im Becken, wo anaerobe Bakterien Klärschlamm zu Faulschlamm und Faulgas veredeln. Bei seiner Inspektion misst der Taucher die Menge der Ablagerungen, die sich dort über die Jahre angesammelt haben. Das Team achtet währenddessen auf die Tauchdauer, die Luftversorgung und die Atmung des Tauchers.

Wie ist es dort unten, fast 20 Meter unter der Oberfläche? «Heiss und dunkel», erklärt Ulrich, der als Einsatzleiter die Daten notiert, die der Taucher aus der Tiefe durchgibt. Die Grundtemperatur in einem Faulturm beträgt um die 37 Grad. Beim Vorwärtskommen verlassen sich die Taucher auf ihren Tastsinn. Ulrich zeigt das Foto eines Legomodells, auf dem ein Faulturm im Querschnitt zu sehen ist. Darauf wirkt der Boden des Beckens wie eine Mondlandschaft. Wie ein Astronaut, der von seinem Besuch auf einem anderen Stern berichtet, klingt auch der Taucher, als er nach seiner Rückkehr vom Inneren des Faulturms erzählt. Man könne auf den Ablagerungen klettern wie auf Sanddünen, der Schlamm lasse sich durchfassen wie ein Topf mit Kleister. Für Ulrich hingegen fühlt sich die Masse an wie «Honig oder Torf».

Bei einer Reinigung saugen die Taucher die Ablagerungen ab und entfernen die sogenannten Zöpfe. Ulrich zeigt ein Gebilde aus Haaren und Faserresten, das der Taucher aus der Tiefe mitgebracht hat. Im Turm können die Zöpfe bis zu 120 Kilo schwer werden.

Keine Draufgängertypen

Eine gruselige Vorstellung – aber auch das ist für Ulrich kein Grund, sich bei der Arbeit zu ekeln. «Verschimmeltes Essen im Kühlschrank macht mir mehr Mühe», sagt er. Seine Mitarbeiter haben ebenfalls keine Berührungsängste mit besonderen Gewässern. Sie sind Freelancer, haben so unkonventionelle Berufserfahrungen wie Minentaucher oder Kampfschwimmer und tauchen auch in Baugruben, Kernkraftwerken oder Tierverwertungsanlagen. Trotzdem sind die Berufstaucher alles andere als Draufgängertypen. Die fünf massigen Männer auf dem Dach der Kläranlage Thalwil wirken mehr wie sanftmütige Riesen.

Das Entsetzen, das sie bei Aussenstehenden mitunter auslösen, wenn sie über ihren Arbeitsplatz reden, kontern die Berufstaucher mit Humor. Im Faulturm friere man wenigstens nicht. Und mit 400 bis 500 Euro pro Tag sind die Einsätze nicht schlecht bezahlt. Für Ulrich ist das Tauchen in den Kläranlagen ein Traumjob. «Die Sicherheit ist bei uns oberstes Gebot. Jeder kann sich auf den anderen verlassen», sagt er. Um ganz als Berufstaucher zu arbeiten, hat er vor einem Jahr sogar die Ausbildung zum Solosänger aufgegeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.12.2012, 10:22 Uhr

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Berufstaucher: Ein harter Job

Sporttauchen sei wie Autofahren, Berufstauchen wie die Formel 1, sagt der Profi Gregor Ulrich. Die körperliche und mentale Belastung ist hoch. Die Taucher in Ulrichs Team wiegen alle um die 100 Kilo. Viel davon ist Muskelmasse, die Ausrüstung ist schwer. Allein der Spezialhelm wiegt 15 Kilo. Dazu kommen ein Gummi-Anzug, ein Werkzeug-gurt, Fussgewichte und eine Weste, die dem Taucher im Notfall den Kopf nach hinten dehnt.

Unter Wasser wird hart gearbeitet: Die Berufstaucher reinigen, kontrollieren, bergen. «Der Kalorienverbrauch liegt etwa doppelt so hoch wie an Land», sagt Ulrich. Viele der Einsatzorte sind risikoreich oder ungemütlich: Stauseen, AKW, Baugruben. Der Markt für Berufstaucher ist klein. In der Deutschschweiz gibt es rund ein Dutzend spezialisierte Firmen. Sie bilden den Nachwuchs teils on the job aus. Die nächsten Berufstaucherschulen liegen in Norddeutschland. (mf)

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