Infografik

Technik für sauberen Kohlestrom ist noch lange nicht ausgereift

Fachleute zweifeln an der Möglichkeit und am Sinn der Lagerung von CO2-Emissionen im Untergrund.

1199 geplante Kohlekraftwerke: Interaktive Karte der Verteilung der geplanten Kraftwerke. Je dunkler die Farbe, desto höher ist die Gesamtleistung in Megawatt. Für mehr Informationen auf die einzelnen Länder klicken. 1000 Megawatt entsprechen der Leistung des AKW Gösgen.


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Die Chefin des UNO-Klimasekretariats hatte diese Woche eine schwere Aufgabe. Christiana Figueres redete an der Kohlekonferenz, einer Parallelveranstaltung der UNO-Klimakonferenz in Warschau, vor den Konzernleitern der grössten Kohleunternehmen – und sie machte dabei deutlich, was Klimaschutz für die Kohleindustrie bedeutet: «Der grösste Teil der Kohlereserven muss im Untergrund bleiben.»

Glaubt man den Vorstellungen er Internationalen Energieagentur (IEA), scheint dies reines Wunschdenken zu sein. Die IEA erwartet, dass die Nachfrage nach Kohle weiterhin stark ansteigen wird. Rund 1200 neue Kohlekraftwerke sind gemäss World Ressource Institute weltweit geplant – mit einer Leistung, die etwa 1400 AKW der Grössenklasse von Gösgen entspricht. Selbst wenn nicht alle Kraftwerke realisiert werden, ist gemäss einem neuen Papier von weltweit anerkannten Energie- und Klimaexperten jedes Kraftwerk zu viel, das ohne Filterung des Treibhausgases CO2 gebaut wird (TA vom 20.11).

Unrealistische Prognosen

Die Kohleindustrie bietet Lösungen an, die das Klima schützen würden. Neben effizienteren Kohlekraftwerken macht sie stets auf eine Option aufmerksam, die alles andere – zum Beispiel erneuerbare Energien wie Wind- und Sonnenkraft – in den Schatten stelle: Die Technologie heisst kurz CCS (Carbon Capture and Storage). Sie scheidet in grossem Massstab das Treibhausgas Kohlen­dioxid CO2 aus den Gasen der fossilen Verbrennung ab. Es wird per Pipeline, Schiff oder Lastwagen in ein dichtes Tiefenlager im Untergrund transportiert. Im Grunde ist dieses Verfahren nicht neu. Seit Mitte der 90er-Jahre pumpt die fossile Industrie CO2 in ihre Lagerstätten. Das bekannteste Projekt ist das norwegische Offshoregasfeld Sleipner, wo seit 1996 ehemalige Gaslager in tiefen Salzformationen unter der Nordsee mit CO2 geimpft werden.

Trotzdem ist eine grosstechnische Anwendung bei Kohlekraftwerken noch in weiter Ferne. Die IEA schätzt in ihrem neuen Bericht, dass bis 2035 nur etwa 1 Prozent der fossilen Kraftwerke über ein CCS-System verfügen. Peter Viebahn vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hält selbst diese bescheidene Entwicklung für unrealistisch. «Vor 2025 wird kein kommerzielles Kohlekraftwerk mit CCS laufen», sagt er. Der Wuppertaler Forscher verfolgt seit Jahren die Entwicklung dieses Verfahrens. Ausgediente Erd- und Erdgas­lager würden sich grundsätzlich für eine CO2-Bunkerung anbieten, weil diese über Jahrmillionen die fossile Energie gespeichert haben. «Doch Lager sind von Bohrstellen durchlöchert, es ist eine Herausforderung, diese wieder dicht zu machen», sagt Viebahn. In der Regel müsse generell das Verhalten von CO2 über fünf Jahre beobachtet werden, um sicher zu gehen, dass kein CO2 aus dem Untergrund entweiche. Verschiedene CO2-Abscheidungsverfahren sind in der Energieindustrie noch unerprobt. Dazu kommt die Bauzeit für die aufwendige Infrastruktur.

Doch so weit ist die Industrie noch längst nicht, für die gesamte Prozesskette fehlt ihr die Erfahrung. Brad Page, CEO des Global-CCS-Institute, das das CCS-Verfahren weltweit verfolgt, klagte jüngst an einer Tagung in Südkorea darüber, dass seit 2012 nur vier neue Projekte am Laufen sind. Es fehle an grosstechnischen Demonstrationskraftwerken, sagt auch Viebahn.

Die EU-Kommission stellte Anfang Jahr ernüchtert fest, dass trotz erheblicher Anstrengungen und finanzieller Unterstützung kein einziges der weltweit acht grosstechnischen Demonstrationsprojekte in der EU ausgeführt wird. Der Grund: Der Industrie fehle der Anreiz, in diese Technologie zu investieren. Eine Tonne CO2 mithilfe von CCS zu reduzieren, kostet heute etwa 60 bis 80 Euro, der CO2-Preis auf dem Zertifikatshandel liegt jedoch bei etwas 5 Euro. So lässt sich mit Zertifikaten für die Emissionsreduktion kein Geschäft machen. Wer ein Kraftwerk mit CCS baut oder nachrüstet, muss zudem mit erheblichen Effizienzeinbussen rechnen. Das heisst: Der Kohlezukauf erhöht sich, um die gleiche Produktionsmenge an Strom zu garantieren. «Theoretisch werden je nach Verfahren 20-30 Prozent mehr Kohle benötigt», sagt Peter Viebahn. Hinzu kommt die fehlende Akzeptanz. Der Energiekonzern RWE plante eine Demonstrationsanlage in Köln mit einer 400 Kilometer langen Pipeline nach Norddeutschland. Das Projekt scheiterte am Protest der Bevölkerung, die nicht auf einem CO2-End­lager leben wollte. Gleich erging es Vattenfall im Oste Deutschlands.

Grosser Landverbrauch

Die Methode CCS lässt sich nicht nur bei Kohle-, sondern auch bei Gas- und Erdölkraftwerken anwenden. Etwa 67 bis 90 Prozent des CO2 wird bei Kohle- und Erdgaskraftwerken abgeschieden, wenn man die gesamte Prozesskette in Betracht zieht. Im Vergleich zu erneuerbarer Energie schneidet das Verfahren jedoch immer noch schlecht ab, zumal bei der Herstellung der Abscheidematerialien umweltbelastende Stoffe entstehen. Weiter erhöhen sich durch den Mehrverbauch der Kohle beim CCS-Verfahren auch die Schwefelemissionen durch den verstärkten Schiffstransport. Hinzu kommt der Landverbrauch. Für den Wuppertaler Forscher Viebahn wäre es eine Option, wenigstens die neuen Kraftwerke so zu planen, dass sie später nachgerüstet werden können. «Um ein CCS-System einzubauen, braucht es nochmals die Fläche eines Kraftwerks», sagt er.

Europa brauche kein CCS, wenn der Ausbau der eneuerbaren Energie so fortschreite wie bisher, meint Viebahn. Die Forschung würde er dennoch weiter forcieren. In den aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie China und Indien ist der Einsatz von Kohle immer noch von grosser Bedeutung. Die CO2-Speicherung könnte dort in Zukunft ein Thema sein. Nur fehlt es in diesen Ländern an genügend Daten, um die Speicherkapazität des Untergrundes abzuschätzen.

«Es muss der ganzheitliche Blick geschärft werden», sagt Peter Viebahn. Zieht man Akzeptanz, Ökologie und Kosten in Betracht, so wird Strom von erneuerbaren Energien zumindest in Ländern, in denen sie bereits verbreitet ist, günstiger sein als Energie aus Kohlekraftwerken mit CO2-Speicher.

Erstellt: 20.11.2013, 20:14 Uhr

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