Interview

Unser wichtigster Mann bei der Nasa

Der Zürcher Richard Kornfeld ist einer der Nasa-Forscher, die den Rover Curiosity auf den Mars brachten. Wie es für ihn nach der Landung weitergeht und warum er sich die Bilder davon nie wieder ansehen will.

«Das Beste kommt erst noch»: Der Zürcher Richard Kornfeld vor dem Vehicle System Test Bed, einem fast identischen Zwillingsbruder von Curiosity, in Pasadena, Kalifornien.

«Das Beste kommt erst noch»: Der Zürcher Richard Kornfeld vor dem Vehicle System Test Bed, einem fast identischen Zwillingsbruder von Curiosity, in Pasadena, Kalifornien. Bild: Nasa

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Herr Kornfeld, nachdem Curiosity am 6. August sicher auf dem Mars gelandet war, haben Sie vier Wochen Ferien in der Schweiz und in Ihrer Heimatstadt Zürich gemacht. Konnten Sie sich dabei von den Strapazen der Mars-Mission etwas erholen?
Ja, sehr gut sogar. Wir kommen immer gerne hierher zu Besuch. Meine Frau und ich sind beide in der Schweiz aufgewachsen und haben Familie hier.

Sie waren beim Curiosity-Projekt als einer der stellvertretenden Leiter für das Landemanöver auf dem Mars zuständig. Sie und Ihr Team arbeiteten während der Vorbereitungszeit rund um die Uhr. Ist es bei Ihnen jetzt wieder etwas ruhiger geworden?
Die letzten zwei Jahre waren wirklich sehr intensiv. Eine Mission zum Mars ist nur alle 26 Monate möglich, das Zeitfenster für den Start typischerweise nur drei bis vier Wochen gross – entweder erwischt man es, oder man wartet wieder mehr als zwei Jahre auf die nächste Gelegenheit. Dieses Fenster öffnete sich im November 2011. Die Zeit davor und danach war stressig. Jetzt, nachdem der Rover sicher gelandet ist, hat sich mein Alltag wieder normalisiert.

Sie arbeiten im Moment am abschliessenden Bericht zur Landung. Ist wirklich alles so reibungslos verlaufen, wie es die Nasa kommunizierte?
Ja, tatsächlich. Wir sind immer noch sehr zufrieden. Es gab für uns sowieso nur zwei Möglichkeiten: Entweder landen wir richtig oder gar nicht. Trotzdem schauen wir uns die Daten nochmals genau an, um bei der nächsten Mission noch besser vorbereitet zu sein.

Wie oft haben Sie sich die Aufnahmen von der Landung seither angesehen?
Nie, ich will sie gar nicht mehr sehen. Die Erfahrung war so einschneidend, die Bilder haben sich in mein Gehirn eingebrannt. Ich bekomme schon wieder Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Sie haben das Schicksal der Curiosity nun in die Hände Ihrer Kollegen von der Surface Mission gelegt, welche die Mars-Oberfläche erforschen. Hätten Sie nicht gern noch weiter an vorderster Front am Projekt mitgearbeitet?
Ich hätte die Möglichkeit gehabt, auch an der Surface Mission mitzumachen, habe aber abgelehnt. Die letzten zwei Jahre waren so intensiv, dass ich nun kürzertreten will. Mein Job ist erledigt, jetzt sollen wieder andere Dinge im Mittelpunkt stehen wie die Familie.

Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder, die acht und zehn Jahre alt sind. Wie hat Ihre Familie die Curiosity-Landung erlebt?
Meine Frau und die Kinder haben die ganze Mission hautnah mitbekommen. Sie mussten oft auf mich verzichten. Sie wussten, dass meine ganze Arbeit darauf abzielt, die Landung erfolgreich über die Bühne zu bringen. Dass alles gut gegangen ist, hat auch sie für die Strapazen der letzten zwei Jahre etwas entschädigt.

Ein Tag auf dem Mars dauert 24 Stunden und 37 Minuten. Die Nasa-Mitarbeiter der Surface Mission müssen sich diesem Rhythmus anpassen, einen normalen Tagesablauf gibt es für sie also nicht mehr. Was bedeutet das für die Forscher?
Die Rechnung in der Marszeit fängt an, wenn der Rover gelandet ist, und wird nachher für etwa drei Monate beibehalten. Das Forscherteam richtet seine Arbeit dann nach der Sonnenzeit auf dem Mars aus oder anders gesagt: Wenn es auf dem Mars hell ist, arbeitet der Rover, und das Team schläft; wenn es auf dem Mars dunkel ist, macht der Rover Pause, während das Team den nächsten Tag plant. Dadurch sparen wir viel Energie, denn während der Nacht fallen die Temperaturen extrem. Ausserdem ist es einfacher, bei Tageslicht Bilder aufzunehmen und Observationen zu machen. Weil ein Marstag etwas länger dauert als ein Erdtag, verschiebt sich der Rhythmus der Forscher allmählich immer weiter nach hinten – irgendwann arbeiten sie in der irdischen Nacht und schlafen am Tag.

Ein Sozialleben, das diesen Namen verdient, gibt es unter solchen Bedingungen wohl nicht mehr.
Damit wirds tatsächlich schwierig – man hat einen konstanten Jetlag, ist ständig müde. Bei der Curiosity-Mission betrifft mich das nicht. Bei Spirit und Opportunity vor acht Jahren und bei der Phoenix vor vier Jahren (frühere Mars-Missionen der Nasa, Anm. d. Red.) habe ich diese Phase auch miterlebt. Meine Familie hat während dieser Zeit ihren Rhythmus beibehalten, und ich habe versucht, wann immer möglich, am Familienleben teilzunehmen.

Und das funktionierte?
Meistens, ja. Ausser am 4. Januar 2004, als Spirit auf dem Mars landete: Mein Sohn wurde am selben Tag geboren. Nicht die beste Planung, zugegeben – aber schliesslich waren beide Landungen erfolgreich (lacht).

Bei der Nasa zu arbeiten, ist wohl der Traum fast jedes Wissenschaftlers. Wie fühlt es sich an, diesen Traum zu leben?
Manchmal mehr, manchmal weniger gut, wie in jedem anderen Beruf auch. Auch bei diesem Job schleicht sich irgendwann Routine ein, man ärgert sich über dies und jenes. Dann gibt es aber auch immer wieder Augenblicke, in denen ich mental einen Schritt zurücktrete und mir sage: Wow, look at that – du bist Teil eines historischen Projekts. Bei der Curiosity-Landung war dieses Gefühl manchmal noch stärker als bei den früheren beiden Missionen.

Die Curiosity-Mission war wohl auch einer der grössten medialen Events, die die Nasa je inszenierte.
Das hängt zu einem grossen Teil mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten zusammen, die man diesmal nutzen konnte, wie Twitter und Facebook. Es war noch nie so einfach, die Landung von jedem Ort der Erde mitzuverfolgen. Es war aber auch schlicht und einfach die schwerste Mars-Mission, die wir je geplant und durchgeführt haben. Da ist es doch grossartig, wenn die ganze Menschheit daran teilnehmen kann.

Die Nasa brauchte diesen Erfolg auch aus wirtschaftlicher Perspektive dringend: Die Behörde ist auf staatliche Finanzierung angewiesen und muss beweisen, dass sie das Geld wert ist, das man in sie steckt. Der Druck, der auf Ihren Schultern lastete, war bestimmt enorm.
Es war schon extrem, wie sehr die Medien die Landung als Schicksalstag für die Marsforschung inszeniert haben. Sagen wir es so: Das hat bestimmt nicht geholfen, den Druck zu verringern, der auf uns Forschern lastete.

Die Landereporte sind bald abgeschlossen, Ihre Aufgabe bei der Mission erledigt. Wie wird Ihr Leben nach Curiosity aussehen?
Das werde ich in den nächsten Wochen entscheiden. Ich werde beim Jet Propulsion Laboratory in Kalifornien weiterarbeiten, an welchem Projekt, muss sich noch zeigen. Ein Leben ohne Curiosity wird es für mich aber sowieso nicht geben. Schliesslich arbeite ich immer noch im selben Gebäude wie die Forscher, die an der Surface Mission beteiligt sind. Da bekomme ich trotzdem mit, was es an Neuigkeiten vom Mars gibt. Die Leute vergessen ja manchmal fast, dass die Mission noch ganz am Anfang steht: Einige Instrumente an Bord des Rovers wurden noch gar nicht benutzt. Ich freue mich auf alle Entdeckungen, die das Team machen wird. Das Beste kommt erst noch.

Erstellt: 04.10.2012, 18:02 Uhr

Zur Person

Der Zürcher Richard Kornfeld war einer der stellvertretenden Leiter des Curiosity-Landemanövers im vergangenen August. Der 45-Jährige testete mit seinem Team die Software für die Landung des Rovers auf dem Mars – damals auch als «sieben Minuten des Grauens» bezeichnet. Curiosity ist Kornfelds dritte Mars-Mission. Er war Mitglied des Teams, das die beiden Rover Spirit und Opportunity 2004 nach ihrer Landung während der Surface Mission (Bodenmission) befehligte. Bei der Phoenix-Mission 2008 war Kornfeld sowohl an der Landung als auch an der Surface Mission beteiligt. Kornfeld wuchs in Zürich-Enge auf und studierte an der ETH Zürich Elektrotechnik. Im Rahmen eines Austauschprogramms kam er 1994 in die USA und doktorierte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) als Luft- und Raumfahrtingenieur. Seit 1999 arbeitet er am Jet Propulsion Laboratory (JPL) der US-Weltraumbehörde Nasa in Pasadena, Kalifornien. (fko)

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Die Marsmission Curiosity

Die Marsmission Curiosity Das Marsmobil Curiosity hat sein Ziel sicher erreicht. Nun schickt es regelmässig neue und immer bessere Bilder von der Marsoberfläche an die Nasa.

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