Bern

Velos auf der Schnellspur

Was in der Region Bern angedacht wird, ist in Nordeuropa bereits Alltag: Schnellrouten für Velopendler sind in den Velovorzeigestaaten Dänemark und Holland eine echte Alternative.

«Eine echte Alternative zum Pendeln mit Auto oder öffentlichem Verkehr»: So könnte der Netzplan aussehen.

«Eine echte Alternative zum Pendeln mit Auto oder öffentlichem Verkehr»: So könnte der Netzplan aussehen.

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Sie heissen «snelfietsroute» in den Niederlanden oder «cykelpendlerruter» in Dänemark. Schnellrouten für Velopendler werden in nordeuropäischen Städten und Agglomerationen rege genutzt. In Kopenhagen wurden letztes Jahr 37 Prozent der Pendlerwege auf dem Fahrrad zurückgelegt. Im Jahr 2015 soll die Hälfte aller Pendlerinnen und Pendler auf dem Velo unterwegs sein, so das ehrgeizige Ziel in der dänischen Hauptstadt.

Der Norden machts vor

Während man in Dänemark und Holland bereits den Ausbau des Routennetzes für Velopendler in Angriff nimmt, steckt hierzulande die Planung noch in den Kinderschuhen. Letzte Woche hat der Interessenverband Pro Velo die Idee eines regionalen Velobahnnetzes lanciert.

«Ein solches Velobahnnetz könnte auch in Schweizer Agglomerationen eine echte Alternative zum Pendeln mit Auto oder öffentlichem Verkehr werden», sagt Ursula Lehner-Lierz, Expertin für Veloverkehr. Sie arbeitet seit über zwanzig Jahren als velopolitische Beraterin und kennt insbesondere die Situation in den Niederlanden gut. «Dort ist man natürlich viel weiter als bei uns, weil das Fahrrad schon lange als gleichberechtigtes Verkehrsmittel akzeptiert wird.»

Grüne Welle für Velofahrer

Diese Akzeptanz sieht dann beispielsweise in Kopenhagen so aus: Auf der Nørrebrogade, einer Hauptverkehrsachse, haben Velopendler während der Stosszeiten am Morgen und am Abend eine grüne Welle. 30'000 Radlerinnen und Radler befahren diese Strecke täglich und dank der grünen Welle viel zügiger. Die Ampeln sind so eingestellt, dass die 2,5 Kilometer lange Strecke zwischen dem Stadtviertel Nørrebro und dem Zentrum in nur 7½ Minuten zurückgelegt werden kann. Wer mit 20 Stundenkilometern fährt, muss nie an einem Rotlicht stoppen. Die Geschwindigkeit sei zwar «flott», aber auch Kinder könnten gut mithalten, heisst es auf der offiziellen Internetseite der Stadt Kopenhagen. Die «weltbeste Velostadt» (Eigenwerbung) bietet 390 Kilometer Velostreifen.

Die ersten Velo-«Highways» aus der City in die Vororte werden Ende Jahr eröffnet. Sie führen rund 15 Kilometer vom Zentrum hinaus in die Agglomeration. Ein 20 Kilometer langer Velo-«Highway» soll 2012 in Betrieb genommen werden. Velo gefahren wird in Kopenhagen das ganze Jahr über. «Die Velostreifen sind auch im tiefsten Winter von Eis und Schnee befreit und voll von Velofahrenden», schildert Lehner-Lierz einen Besuch.

«Fiets filevrij» – Velos staufrei

Auch in den Niederlanden wird viel für die Velofahrerinnen und Velofahrer getan. Lanciert wurde beispielsweise das nationale Aktionsprogramm «Fiets filevrij!», was so viel heisst wie «Fahr staufrei Velo!». Für den Ausbau oder Neubau von 16 Schnellvelorouten im ganzen Land hat das nationale Parlament einen Kredit gesprochen. Insgesamt stünden nun rund 80 Millionen Euro für «Fiets filevrij» zur Verfügung, sagte die Expertin an der Versammlung von Pro Velo Bern. «Wow», seufzte einer im Publikum.

Die Finanzierung für solche Velogrossprojekte ist die eine Hürde. Die andere ist die Zusammenarbeit zwischen den betroffenen Gemeinden. «Bisher wurde Velopolitik innerhalb administrativer Grenzen betrieben. Will man ein sinnvolles Schnellroutennetz aufbauen, muss man regional planen.» Im Grossraum Kopenhagen haben 15 Gemeinden ein 44-Millionen-Budget für 13 Pendlerrouten verabschiedet.

Velobahnen seien dort sinnvoll, wo viele Leute pendelten, sagt Lehner-Lierz. Zudem müsse der Anreiz zum Umsteigen aufs Fahrrad da sein. Veloschnellrouten entlang staugefährdeter Autobahnen oder Bahnlinien mit überfüllten Zügen könnten ein solcher Anreiz sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.02.2011, 10:12 Uhr

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Zum Beispiel Kopenhagen: Auf Hauptverkehrsachsen in der Stadt werden Ampeln für Velofahrer auf Grün gestellt. Dementsprechend flott ist man auf zwei Rädern unterwegs. (Bild: Barbara Auer/zvg)

Mehr als nur ein Veloweg

Eine Velobahn und ein Veloweg sind nicht dasselbe. Vergleichbar ist eine Velobahn am ehesten mit einer Autobahn. Schnell und ohne Unterbrüche durch Ampeln oder Kreuzungen sollen auch Velofahrerinnen und Velofahrer von A nach B gelangen können. So wie die Autobahnen bilden die Velobahnen längerfristig ein eigentliches Netz. Das Ziel: Pendlerinnen und Pendler, die heute für Strecken zwischen 7 und 15 Kilometern mit dem Auto oder dem öffentlichen Verkehr unterwegs sind, steigen aufs Velo oder das Elektrobike um. «Mit einem E-Bike ist es auf einer Schnellroute problemlos möglich, grössere Distanzen zu pendeln», sagt Ursula Lehner-Lierz, Expertin für Veloverkehr und Velopolitik. Der Boom der bequemen Elektrobikes könnte dazu beitragen, dass Automobilisten aufs Velo umsteigen. «Autopendler sind sich allerdings einen gewissen Komfort gewohnt und erwarten diesen auch auf Velorouten», sagt die Expertin.

Velobahnen müssen gewisse Kriterien erfüllen. Sie müssen breit genug sein, damit Velofahrer andere überholen können, der Strassenbelag darf nicht zu viel Widerstand bieten, die Signalisation muss so klar sein, dass auch Ortsunkundige rasch erkennen, wo die Route durchführt. Die Velobahn muss gut beleuchtet und im Winter eis- und schneefrei sein. In Velovorzeigeländern wie Dänemark oder Holland geht man bereits einen Schritt weiter. Entlang von Velobahnen finden sich Servicestationen, an den Zielorten genügend sichere Parkiermöglichkeiten für die Zweiräder und Dusch- und Umkleidemöglichkeiten für die Pendler.

Velobahnen für die Region Bern

«Gäbe es von Belp nach Bern schon heute eine Veloroute ohne Umwege und nach den Kriterien einer Velobahn, man könnte die Strecke in weniger als 20 Minuten schaffen.» Das war nur eines von vielen Beispielen, die letzte Woche an der Versammlung von Pro Velo Bern von einem Mitglied genannt wurden.

Velobahnen, wie es sie in Nordeuropa bereits gibt, sollen dereinst auch in der Region Bern von Pendlerinnen und Pendlern befahren werden. Wie wichtig es werden könnte, dass diese vom Auto und öffentlichen Verkehr aufs Velo umsteigen, zeigen Prognosen der Regionalkonferenz: Diese gehen in der Region Bern bis 2030 von einer Zunahme des Individualverkehrs um 25 Prozent und des ÖV um 60 Prozent aus. Pro Velo hat die Forderung nach Schnellrouten und einen möglichen Netzplan bei der regionalen Verkehrskonferenz deponiert.

Veloschnellrouten könnten sowohl auf separaten Trassees als auch auf Streifen entlang von Hauptverkehrsachsen geführt werden, sagte Stefan Jordi, Präsident von Pro Velo Bern. Die Verbindungen müssten aber so angelegt sein, dass Velos auf einer Strecke von 5 Kilometern maximal dreimal anhalten müssten. Das von Pro Velo skizzierte Netz sieht Schnellrouten in einem Umkreis von 10 bis 15 Kilometern rund ums Zentrum der Stadt Bern vor. Bestehende Routen sollen ausgebaut, neue realisiert werden. Er gehe für die Umsetzung von einem Zeitrahmen von zehn bis zwanzig Jahren aus, sagte Jordi an der Versammlung. «So lange darf das nicht dauern», so die Meinung eines Votanten. Noch dieses Jahr müssten konkrete Projekte eingegeben werden, wolle man für die Realisierung Bundesgelder erhalten.

Die Realität sehe leider oft anders aus bei der Umsetzung von Veloprojekten, entgegnete Jordi und sprach damit das Projekt einer direkten Veloverbindung aus dem Berner Breitenrain in die Länggasse an.

Was meinen Sie? Schreiben Sie uns Ihre Meinung zur Idee der Velobahnen redaktion@bernerzeitung.ch

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