«Verrückte Wissenschaftler wirken beflügelnd»

Der emeritierte Physikprofessor Hans Balsiger erklärt, wie es dazu kam, dass die Berner Weltraumforscher bei der Rosetta-Mission zum Kometen Tschury eine derart wichtige Rolle spielen.

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Herr Balsiger, es heisst, die Massenspektroskopie sei eine Paradedisziplin der Berner Weltraumforscher. Was ist daran denn so schwierig?
Es gibt verschiedene wichtige Technologien, die man beherrschen muss, bevor man für den Weltraum gute Massenspektrometer bauen kann.

Welche zum Beispiel?
Man muss in der Lage sein, auf kleinem Raum mit Hochspannung umzugehen – damit es nicht zu Überschlägen kommt. Oder man muss es fertig bringen, extrem saubere Geräte herzustellen.

Warum?
Damit die Geräte nicht Moleküle messen, die von ihnen selber ins All getragen wurden. Bei den ersten Tests Ende der 1960er-Jahre konnten wir das noch nicht. In der Folge entwickelten wir Spezialverpackungen für die Geräte sowie Deckel, die erst im Weltraum abgesprengt werden.

Und das hat sich herumgesprochen.
Ja. Mit solchen Geräten hat sonst niemand experimentiert. Nach unserem ersten Satellitentest kamen die Amerikaner und wollten mit uns zusammenarbeiten. Ohne diese langjährige Erfahrung hätten wir es nicht gewagt, derart komplexe Instrumente vorzuschlagen, wie wir sie nun für die Rosetta-Sonde bauen konnten.

Aber wie lässt sich der beträchtliche Aufwand für den Forschungsplatz Schweiz rechtfertigen?
Nicht selten kam es vor, dass Ingenieure uns zunächst beschieden, es sei nicht möglich, die Wünsche für unsere Experimente zu erfüllen. Dann funktionierte es doch. Das heisst: Die sogenannt verrückten Wissenschaftler wirken auf die Industrie beflügelnd. Dazu kommt, dass die Physiker, die wir in Bern ausbilden, gefragt sind. Solange das so ist, haben wir eine gute Existenzberechtigung.

Nun ist es ja interessant zu wissen, wie die Erde zu ihrem Wasser kam. Aber ist es auch wirklich wichtig, dass man das so genau weiss?
Es ist die ewige Neugier des Menschen, um die es hier geht. Die Menschen stellen immer wieder neue Fragen und wollen etwas noch besser verstehen, auch wenn die praktische Bedeutung unter Umständen gleich null ist. Die Wissenschaft ist ein Teil der Kultur.

Was kommt nach Rosetta?
Ich würde eine Mission begrüssen, mit der sich Proben auf die Erde zurückbringen lassen. Das war übrigens ganz am Anfang eines der Ziele: zu einem – in Anführungszeichen – primitiven Körper fliegen und mit Material zurückkehren. Als die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa praktisch aus dem Kometengeschäft ausgestiegen war, lag das ausserhalb des Möglichen.

Warum braucht es aber Proben, wenn Ihre Geräte die Moleküle doch vor Ort identifizieren können?
Mit erdbasierten Massenspektrometern könnten wir die gleichen Hauptfragen mit viel grösserer Präzision angehen. Im Moment befasse ich mich mit den Edelgasen, die sich in der Tschury-Atmosphäre finden. Die schweren Edelgase Krypton und Xenon haben viele Isotope, also Varianten. Könnten wir diese Isotopen-Zusammensetzungen noch viel exakter bestimmen, wären auch die Vergleiche mit bereits vorliegenden Resultaten – zum Beispiel von Meteoriten – viel aussagekräftiger.

Und was würde das bringen?
Wir könnten besser verstehen, wie das Sonnensystem entstanden ist.

Aber das weiss man doch schon ziemlich genau.
Grob gesehen hat man schon den Eindruck, man wisse, wie es entstanden ist. Aber so sicher ist das alles eben doch nicht. Insbesondere seit wir extrasolare Planeten im Blickfeld haben, also Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems, ergeben sich neue Fragen.

Welche zum Beispiel?
Man hat festgestellt, dass in solchen Systemen grosse Planeten zum Teil ganz nahe um ihren Zentralstern kreisen – anders als in unserem Sonnensystem, in dem die grossen Gasplaneten weit aussen sind. Das könnte darauf hindeuten, dass in unserem System in der Anfangszeit viel mehr Dynamik drinsteckte, als man bisher glaubte. Das hiesse dann, dass sich die Situation, wie wir sie heute haben, erst viel später einstellte – und die Planeten nicht unbedingt dort entstanden, wo sie sich heute befinden.

Welches ist für Sie in der Weltraumforschung die wichtigste Frage?
Ob es irgendwo sonst noch intelligentes Leben gibt. Das ist aus intellektueller und philosophischer Sicht die wohl wichtigste Frage. Hier bleibt den Menschen kaum etwas anderes übrig, als immer weiter zu suchen, bis sie eine Antwort haben, welcher Art diese auch sein mag.

Befürworten Sie eine bemannte Mission zum Mars?
Nein, ich wüsste nicht, warum jemand dorthin fliegen sollte. Es ist sehr gefährlich und aus wissenschaftlicher Sicht bringt es nicht viel. Interessanter finde ich die geplanten Missionen zu anderen planetaren Körpern – zum Beispiel zum Jupiter-Eismond Europa.

Erstellt: 05.01.2015, 09:58 Uhr

Hans Balsiger

Person und Mission

Der 77-jährige Hans Balsiger arbeitet nach wie vor am Rosina-Projekt mit. Auf der Liste der Mitarbeitenden ist der emeritierte Physikprofessor als Honorary Principal Investigator aufgeführt, als ehrenamtlicher Leiter also. Bis zu seiner Pensionierung Anfang 2003 war Balsiger Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Bern, zugleich Leiter des Massenspektrometers Rosina und damit Vorgänger von Kathrin Altwegg, die im vergangenen Jahr als Aushängeschild der Berner Weltraumforschung mehrmals in Erscheinung getreten ist. Balsiger hatte schon bei früheren Weltraumprojekten eine massgebliche Rolle gespielt, so etwa bei der Entwicklung des Massenspektrometers für die Sonde Giotto, die 1985 zum Kometen Halley geschickt wurde.

Die Rosetta-Sonde, die unter anderem die Berner Rosina-Massenspektrometer an Bord hat, schloss letzten August nach zehnjähriger Reise zum Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko (Tschury) auf. Am 12. November wurde das Minilabor Philae abgesetzt. Die Landung erfolgte nicht wie geplant: Philae steht mit leerer Batterie auf dem Kometen – im Frühling wird auf sein Comeback gehofft –, während Rosetta weiterhin um Tschury kreist. Kommenden August wird der Komet den sonnennächsten Punkt auf seiner Bahn erreichen. (db)

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