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Von Systematisierern und Empathisierern

Man müsse die Physik so erklären, dass sie alle interessiere, sagt Fachdidakt Albert Zeyer. Laut ihm spielt das Geschlecht bei der Vorliebe der Buben für Technik eine untergeordnete Rolle.

«Naturwissenschaftlicher Unterricht sollte alle ins Boot holen»: Ein Mädchen in der Schule.

«Naturwissenschaftlicher Unterricht sollte alle ins Boot holen»: Ein Mädchen in der Schule. Bild: Getty Images

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Trotz vielen Anstrengungen interessieren sich immer noch viel mehr Buben für Technik und Naturwissenschaften als Mädchen. Liegt das am Geschlecht?
Es gibt vielleicht schon biologische Gründe, aber sie haben nur indirekt mit dem Geschlecht zu tun. Jungs sind zwar öfter spontan für Naturwissenschaften motiviert, aber vermutlich nicht, weil sie Jungs sind.

Wenn es nicht das Geschlecht ist, was dann?
Es geht um unterschiedliche Kognitionstypen, also die Art und Weise, wie die Menschen die Welt wahrnehmen. Wir benutzen in unserer Forschung ein Konzept des Autismusforschers Simon Baron-Cohen, der von Systematisierern und Empathisierern spricht. Systematisierer sind, grob gesagt, motiviert für das Verstehen und den Umgang mit Dingen. Empathisierer dagegen fühlen sich eher von Gedanken und Gefühlen angesprochen. Unsere Studien zeigen, dass gute Systematisierer deutlich mehr motiviert sind für den naturwissenschaftlichen Unterricht – und das in ganz unterschiedliche Kulturen. Sie werden deshalb als potenzielle Naturwissenschaftler bezeichnet.

Ist das nicht ein Zirkelschluss? Am Ende sind dann eben einfach mehr Buben Systematisierer.
Über die gesamte Bevölkerung betrachtet, ist der durchschnittliche Unterschied zwischen Mädchen und Buben relativ gering. Bei den ausgeprägten Systematisierern wird der Anteil der Knaben aber tatsächlich immer grösser. Das wirkt sich dann wohl auf die Klassenzusammensetzung der entsprechenden Schwerpunktsfächer aus.

Wie könnte man dieses Ungleichgewicht ändern?
Es ist falsch, sich zu sehr auf das Geschlecht zu konzentrieren. Systematisierende Mädchen sind in aller Regel auch potenzielle Wissenschaftler, genauso wie systematisierende Jungs. Empathisierende Jungs hingegen, und davon gibt es nicht wenige, haben oft Mühe, die Bedeutung von Naturwissenschaften in ihrem Leben zu sehen – etwas, was man eher den Mädchen nachsagt.

Also ist die Frage, wie Sie Empathisierer begeistern. Wie schaffen Sie das?
Sie können etwa im Physikunterricht das Phänomen des Drucks am Beispiel des Blutdrucks und seiner Bedeutung für Gesundheit und Krankheit aufzeigen. So können Sie beide Kognitionstypen ansprechen. Sie können den Druck natürlich auch mit dem Düsentriebwerk erklären, dann haben Sie aber vor allem die Systematisierer im Sack. Naturwissenschaftlicher Unterricht sollte alle ins Boot holen: Jungen und Mädchen, Empathisierer und Systematisierer.

Müssen alle gut sein in Mathematik, Physik und Chemie – egal, ob es den Schülern Spass macht oder nicht?
Es ist wichtig, das Nachdenken über Naturwissenschaften in der Gesellschaft zu ermöglichen. Dazu brauchen alle ein grundlegendes Verständnis naturwissenschaftlicher Zusammenhänge. Im angloamerikanischen Raum wird das als «science for all» bezeichnet und als die vornehmste Aufgabe des naturwissenschaftlichen Unterrichts betrachtet. Das ist auch meine Überzeugung.

Erstellt: 08.03.2014, 23:02 Uhr

Albert Zeyer

Der 54-jährige Fachdidaktiker ist an der Universität Zürich tätig und hat in einer internationalen Studie das Interesse von 1200 Jugendlichen an den Naturwissenschaften erforscht. (Bild: PD)

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