Wer die ISS kaufen könnte

Die US-Regierung will die Internationale Raumstation privatisieren. Was soll daraus werden? Weltallhotel oder Fabrik? Ideen und Investoren gibt es einige.

Zimmer mit Aussicht: Gäste des ISS-Hotels könnten künftig die Polarlichter aus dem All beobachten. (Video: Tamedia mit Material der ISS, Nasa)

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Zu verkaufen: 20-jährige Raumstation, Platz für acht Personen, wunderbare Aussicht auf die Erde, kommerzielle Nutzung möglich. Kosten für den Unterhalt: drei bis vier Milliarden Dollar pro Jahr. So könnte die Anzeige für die internationale Raumstation ISS lauten. Seit bekannt ist, dass die US-Regierung diese privatisieren will, wird spekuliert, ob sich eine solche Station überhaupt wirtschaftlich betreiben liesse.

Mögliche Geschäftsfelder: Forschungslabor, Produktionsräume unter Schwerelosigkeit, Erdbeobachtungssysteme, GPS-Systeme, geostationäre Satelliten oder gar ein Hotel für wohlhabende Touristen. Einer, der darin eine Chance sieht, ist Jeff Manber, Chef des Weltraum-Logistikdienstleisters Nano Racks. «Die Regierung will nicht nur Geld investieren, um die Privatisierung zu erleichtern, sondern den Firmen erlauben, damit Geld zu machen und Investoren zu suchen», sagt Manber dem Magazin «Wired».

Statt die Station an eine grosse Firma zu verkaufen, könne man sie aufteilen. In einem Teil liesse sich ein Hotel einrichten, ein anderer Teil könnte als Produktionsstätte unter Schwerelosigkeit genutzt werden, so Manber. «Man könnte die ISS ausschlachten.» Die texanische Firma hat bereits Erfahrung mit der wirtschaftlichen Nutzung der ISS. Sie hat seit 2009 600 Ladungen zur Raumstation gebracht und betreibt dort eine Abschussrampe für Minisatelliten.

Lieber zurück auf den Mond

Investor Dylan Taylor fordert Zeit und Geld, um umzustellen. Von heute auf morgen gehe es nicht ohne staatliche Unterstützung. Der Chef der Investmentgesellschaft Space Angels glaubt, innerhalb von fünf Jahren und mithilfe erfahrener Nasa-Leute liesse sich eine Firma finden, die den Unterhalt und die Planung übernehmen würde, und ein Anbieter, der die Module an kommerzielle Nutzer vermitteln könnte. Aus diesem Grund ist im neuen Haushaltsentwurf der US-Regierung für die Nasa ein Betrag von 150 Millionen Dollar für die Entwicklung «kommerzieller Kapazitäten» eingeplant.

Auch Boeing-Manager Mark Mulqueen warnt, eine zu frühe Übergabe – bevor der private Sektor dafür bereit sei – könne «katastrophale Konsequenzen» haben: für die USA als führende Raumfahrtnation und den Aufbau privater Raumfahrtunternehmen. Der Flugzeugbauer betreibt den US-amerikanischen Teil der ISS für die Nasa. Auch andere Unternehmer äussern sich kritisch. «Die ISS wurde für die Wissenschaft und die Forschung gebaut, nicht für Profitstreben», sagt Andres Rush, Chef von Made in Space. Die Firma arbeitet in der Raumstation mit 3-D-Druckern.

Noch härter äussert sich der Schweizer Weltraumwissenschaftler Rudolf von Steiger. «Es ist keine zukunftsträchtige Strategie, die Raumstation weiterzubetreiben», sagt der Direktor des International Space Science Institute in Bern im «Echo der Zeit» von Radio SRF. Der Betrieb sei unglaublich teuer.

«Diese kleine Mannschaft hat einen guten Teil des Tages damit zu verbringen, die Station in Betrieb zu halten, und wenig Zeit dafür, eigentliche Forschung zu betreiben», sagt von Steiger. Man sei nun in der Lage, mit vernünftigen Mitteln auf den Mond zurückzukehren und dort eine Weltraumstation einzurichten. «Das wäre eine attraktive nächste Generation von Weltraumstationen.»

Ins gleiche Horn stösst Jan Wörner, Chef der europäischen Raumfahrtbehörde ESA. Der Betrieb der ISS sei einfach zu teuer. Er geht deshalb davon aus, dass sie auch nach 2024 noch mit öffentlichen Mitteln unterstützt werde. «Wir versuchen das ja auch von europäischer Seite.» So plant die ESA eine neue Plattform namens Bartolomeo für kommerzielle Experimente an der Aussenseite des ISS-Labors Columbus.

Nasa will in den Deep Space

Für die Nasa wäre eine Privatisierung ein Glücksfall. Dass die ISS eine begrenzte Lebenszeit hat, war schon länger klar. Der Betrieb ist nur noch bis 2024 garantiert. Der Aufwand, die Station zu betreiben, ist gross und steht anderen Plänen der Raumfahrtbehörde im Weg. Nun könnte die Nasa die niedrigeren Erdumlaufbahnen den kommerziellen Anbietern überlassen und in den tieferen Weltraum vordringen.

Astronaut Mark Vande Hei auf einem Spacewalk ausserhalb der ISS im Oktober 2017. (Foto: Nasa)

«Während wir uns zum Mond und schliesslich zum Mars aufmachen, wollen wir zurückschauen auf eine niedrigere Erdumlaufbahn und eine florierende Wirtschaft sehen, die wir mit der ISS angestossen haben», schreibt Nasa-Chef Robert Lightfoot in einem Kommentar zum Budgetvorschlag der US-Regierung für das Jahr 2019. «Wir werden eine Station entwickeln, die den Mond umkreist, und ihn und seine Ressourcen weiter erforschen», so Lightfoot. Von der Mondstation aus könnten Astronauten den Mond besuchen oder Flüge ins All unternehmen. Diese Erfahrungen werde man für Marsmissionen nutzen können.

Astronaut Joseph M. Acaba zeigt in einem Video auf Twitter, wie der Alltag der Crew aussieht.

Spacex als Investor?

Grund für die Ambitionen der staatlichen Raumfahrtbehörde, weiter ins All vorzudringen, könnte auch die private Konkurrenz sein. Noch nie zuvor war diese so erfolgreich wie jetzt. Erst vor wenigen Tagen ist mit Elon Musks Falcon Heavy die leistungsstärkste Rakete der Welt erfolgreich gestartet. Eine halbe Milliarde Dollar hat das Projekt gekostet. Die zur Erde zurückkehrenden und damit wiederverwendbaren Raketenstufen von Spacex sind der nächste grosse Meilenstein in der Raumfahrttechnik. Und Tesla-Gründer und Spacex-Chef Elon Musk plant ebenfalls eine Marsmission. Spacex arbeitet dafür an einer neuen Schwerlastrakete, die in drei bis vier Jahren vom Raketenstartgelände in Cape Canaveral starten könnte.

Auch andere wollen im Raumfahrtbusiness mitmischen. Die Raumfahrt ist billiger und flexibler geworden. Amazon-Gründer Jeff Bezos plant mit seiner Firma Blue Origin suborbitale Flüge für Touristen am Rand der Erdatmosphäre, während Milliardär Richard Branson wohlhabende Hobbyastronauten mit seiner Spaceship 2 in die Schwerelosigkeit schicken will.

Spacex ist bereits Hauptlieferant für die ISS und will Ende Jahr einen bemannten Flug zur Raumstation schicken. Ob Silicon-Valley-Unternehmer Elon Musk allerdings Geld in eine veraltete Raumstation investieren wird, ist mehr als fraglich. Als Weltraumbahnhof für weitere Projekte im Sonnensystem ist die ISS nicht geeignet.

Internationale Verträge

Fraglich ist auch, ob die USA die Zahlungen tatsächlich einstellen werden. So regt sich im Kongress bereits politischer Widerstand an den Plänen. «Etwas vom Dümmsten, was man tun kann, ist, ein Programm zu beenden, nachdem man Milliarden investiert hat», sagt der republikanische Senator Ted Cruz. Mit 100 Milliarden Dollar haben die USA den grössten Teil der Raumstation finanziert, der zweitgrösste Geldgeber ist Russland.

Die ISS, die die Erde in der Höhe von 400 Kilometern fast 16-mal pro Tag umkreist, wurde 1998 von den USA und Russland aufgebaut. Beide Länder besitzen mehrere eigene Module. Die Raumfahrtbehörden aus Europa (ESA), Japan (Jaxa) und Kanada (CSA) beteiligen sich mit eigener Technik, aber auch finanziell daran. Sie nutzen sie, um Astronauten zu trainieren, neue Technologien zu testen und für biomedizinische Forschung.

Somit müssten vor einer kompletten Privatisierung auch mehrere internationale Verträge neu verhandelt werden. Bis der Kongress und die internationalen Partner den Plänen zustimmen, bleibt eine privat betriebene Raumstation somit vorerst nur eine Idee. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 20:13 Uhr

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Kein Geld mehr für die ISS

Die US-Regierung will die Internationale Raumstation ISS privatisieren. Dies berichtete die «Washington Post» unter Berufung auf ein internes Dokument der Nasa. Die US-Raumfahrtbehörde erklärt in dem Dokument, dass sie in den kommenden sieben Jahren ihre «internationalen und kommerziellen Partnerschaften» weiter ausbauen werde, «um die weitere Präsenz und den Zugang von Menschen zur unteren Erdumlaufbahn sicherzustellen». Die US-Regierung will 150 Millionen Dollar zur Verfügung stellen, um den Übergang zu gewährleisten.

Der Grundstein für die ISS war vor 20 Jahren mit einem internationalen Abkommen gelegt worden. Beteiligt sind neben den USA auch Russland, die EU, Japan und Kanada. Seit der Präsidentschaft von George W. Bush (2001-2009) hat die Nasa vermehrt Aktivitäten an die Privatwirtschaft ausgelagert. So übernehmen mittlerweile die Firmen SpaceX und Orbital ATK Versorgungsflüge zur ISS. Das Space-Shuttle-Programm der USA wurde 2011 eingestellt. US-Astronauten können seitdem nur noch mit russischen Sojus-Raketen zur ISS gelangen. (sda)

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