Wie die Wissenschaft die Welt verzaubert

Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Forschung die Geheimnisse der Natur lüftet.

Der Physiker Nikola Tesla 1899 in seinem Labor in Colorado Springs. Das Foto ist eine Mehrfachbelichtung. Tesla war während der Blitzentladung nicht im Raum. Foto: MP, Leemage

Der Physiker Nikola Tesla 1899 in seinem Labor in Colorado Springs. Das Foto ist eine Mehrfachbelichtung. Tesla war während der Blitzentladung nicht im Raum. Foto: MP, Leemage

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Die moderne Physik kann technisch eine Menge mit Licht machen – sie kann es beugen, brechen und bündeln, fokussieren und polarisieren, als Laserstrahl einsetzen und noch einiges mehr –, und bei all dem kann sie höchst zutreffend und im kleinsten Detail vorhersagen, was passiert. Ein Physiker kann stets und ständig genau herausfinden, wie Licht – in der jeweils gegebenen Situation – agiert, was es tut und wie es sich verhält und erscheint. Doch dann ist Schluss für ihn und uns. Denn seine Wissenschaft kann selbst mit all diesen Ergebnissen und auch beim besten Willen nicht sagen, was Licht ist. Denn wie spätestens seit den Tagen von Albert Einstein – und damit seit mehr als 100 Jahren – bekannt ist, kommt dem Licht eine duale Natur zu. Es kann sowohl als Teilchen – als sogenanntes Photon – als auch als Welle in Erscheinung treten. Wenn nun aber etwas wirklich von Menschen Vorgefundenes und in der Welt Vorhandenes sowohl eine Wellenlänge als auch einen bestimmten Ort aufweist und die beiden sich widersprechenden Eigenschaften von Welle und Teilchen in sich vereinigt, dann bleibt uns Menschen verschlossen, was Licht «eigentlich» ist. Mit anderen Worten: Licht bleibt für Menschen ein Geheimnis.

Diese Erkenntnis bedeutet jedoch nicht, dass die Wissenschaft an diesem Punkt ausgedient hat. Im Gegenteil, diese Einsicht löst in uns ein Gefühl für das Geheimnisvolle aus, mit dem Einstein zufolge «wahre Wissenschaft» erst beginnt. Ihm ist es an dieser philosophisch entscheidenden Stelle 1905 in Bern exemplarisch gelungen, was als Qualität der Wissenschaft erkannt und begrüsst werden sollte, nämlich die Fähigkeit, eine geheimnisvolle Erscheinung – das Licht – in eine noch geheimnisvollere Erklärung zu verwandeln.

Wir müssen uns vom Gedanken trennen, dass Wissenschaft nur leicht verständliche Lösungen liefern muss. Wenn alles klar scheint, würde sie nur Langeweile erzeugen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Wissenschaft fasziniert ihre Kenner durch immer neue und tiefere Geheimnisse. Sie verzaubert die Welt durch ihre Erklärung. Es ist deshalb an der Zeit, den weit verbreiteten Irrtum über die Wissenschaft auszuräumen, dass sie die Welt entzaubere.

Es bleibt das Staunen

«Die Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft» wurde als Ausdruck von Max Weber geprägt, dem Klassiker der Soziologie. Er hat das Konzept zum ersten Mal in seiner zur Zeit des Ersten Weltkriegs gehaltenen Rede «Wissenschaft als Beruf» verwendet. Weber erläuterte darin die Entzauberung am Beispiel der Strassenbahn, mit der die Zuhörer gekommen sind, um seinen Ausführungen zu lauschen. Sie hätten sicherlich – wie er selbst – «keine Ahnung, wie sie das macht, sich in Bewegung zu setzen», aber das stört nicht, wie der ­Soziologe versicherte. Wichtig sei nur, dass die lauschenden Leute im Saal über etwas anderes verfügten, nämlich «den Glauben daran: dass man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte», wie eine Bahn losfährt. Wir denken, dass es «prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne». Und für diesen Tatbestand führte Weber seinen wirkungsmächtigen Begriff ein, indem er ihn als «die Entzauberung der Welt» bezeichnet.

Doch in Webers Konzept einer Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft stimmt etwas grundsätzlich nicht. So vertritt der Soziologe in seinen Darlegungen die Ansicht, geheimnisvoll und unberechenbar meine in der Wissenschaft ein und dasselbe. Was etwa von einem Physiker berechnet werden könne, sei nicht mehr geheimnisvoll, und was in ihr geheimnisvoll bleibe, sei für die Forschung unberechenbar.

Berechnet und doch geheimnisvoll

Davon kann aber keine Rede sein, wie das Beispiel vom Licht zeigt. Die Eigenschaften von Licht können nämlich berechnet werden – und trotzdem bleibt es aufgrund seiner dualen Natur geheimnisvoll. Aber auch die Annahme, dass alle – auch der Mann von der Strasse – jederzeit erfahren könnten, warum sich ein elektrisch betriebenes Tram nun in Bewegung setzt oder wie sie wieder abbremst, ist falsch. «Jederzeit erfahren können», das meint doch, dass es immer irgendwo einen Gelehrten gibt, der erklären kann, was da in der Technik oder in der Natur genau vor sich geht, etwa wenn Elektrizität in eine motorische Kraft verwandelt wird oder wenn genetische Informationen einen Körper mit seiner Gestalt hervorbringen. Doch dies ist nicht der Fall, auch wenn viele dies meinen. Selbst der Erfinder der elektromotorischen Kraftübertragung, der Serbe Nikola Tesla (1856–1943) wusste eigentlich nicht, womit er es zu tun hatte: «Tag für Tag fragte ich mich», wie er 1940 in Rückblick auf seine Jugendjahre geschrieben hat, «was die Elektrizität sei, ohne eine Antwort zu finden. Achtzig Jahre sind inzwischen vergangen, und ich stelle mir immer noch dieselbe Frage, ohne eine Antwort geben zu können.»

Albert Einstein hat am Ende seines Lebens gesagt, dass zwar jeder Lump zu wissen meine, was Licht sei, dass der sich aber irre. Und er hat recht. Licht bleibt ein Geheimnis, auch wenn man viel von dem berechnen kann, was sich beobachten lässt. Das Eigentliche kann man nicht wissen, weder beim Licht noch bei der Elektrizität, und so bleibt das Staunen, auf das es ankommt. Wir können zum einen staunen über ein Wissen, das stimmt, und zum zweiten über das, was dabei offen bleibt. Die Naturwissenschaften lüften keines der Geheimnisse der Natur, sie vertiefen sie vielmehr, und damit verzaubern sie die Welt. Sie zeigt den Menschen, wie viele Geheimnisse in dem Wirklichen stecken, und auf diese Weise und in diesem Sinne macht das forschende Bemühen alles um uns herum schöner und überhaupt lebenswerter. Die Wissenschaft verzaubert die Welt durch ihre Erklärung, und wir sollten uns darüber freuen. Sie tut es für uns.

Erstellt: 24.09.2014, 18:50 Uhr

Ernst Peter Fischer
Wissenschaftshistoriker

Ernst Peter Fischer, geboren 1947 in Wuppertal, studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 beim Genetiker und Nobelpreisträger Max Delbrück in Kalifornien. 1987 habilitierte sich Fischer im Fach Wissenschaftsgeschichte und lehrte in den Jahren darauf an den Universitäten Konstanz und Heidelberg. Soeben erschienen von ihm ist das Buch «Die Verzauberung der Welt. Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften». Fischer ist Autor zahlreicher Bücher, darunter der Bestseller «Die andere Bildung» (2001), die Max-Planck-Biografie «Der Physiker» (2007) und «Niels Bohr. Physiker und Philosoph des Atomzeitalters» (2012). Für seine Arbeit erhielt er mehre Preise, unter anderem den Sartorius-Preis der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Ernst Peter Fischer

Die Verzauberung der Welt. Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften



Siedler Verlag, München, 336 Seiten, 35.50 Franken.

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