«Wir bereiten uns auf das schlimmste Szenario vor»

Erdbeben und Millionenverluste: Die bisherigen Schweizer Geothermie-Projekte floppten. Im Jura steht der nächste Versuch an. Der Initiant über Chance und Risiko.

Bei den rot eingefärbten Markierungen handelt es sich um aktive Geothermie-Anlagen zur Wärme-Gewinnung. Die vier blauen Punkte markieren Geothermie-Projekte zur Förderung von Elektrizität.


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Basel, Zürich und St. Gallen: Die bisherigen Geothermie-Projekte waren teure, bisweilen gefährliche Flops. Weshalb soll es nun im jurassischen Haute-Sorne gelingen?
Aus Basel 2006, dem Projekt, an dem wir beteiligt waren, konnten wir wichtige Rückschlüsse ziehen. Wir werden das Wasser zurückhaltender und nur noch etappenweise in die Erde pressen. Wir werden auch frühzeitig aufhören, Wasser einzupressen. Dies weil nach Abschluss der Injektion der Druck weiter steigt. Dieser Effekt war in Basel nicht bekannt. Der Schweizerische Erdbebendienst erlaubt inzwischen auch ziemlich genaue Vorhersagen, wie sich ein gewisser Wasserdruck in den kommenden Stunden und Tagen auswirkt. Wir machten die vermutlich grösste Risikostudie, die weltweit in diesem Bereich je vollzogen wurde.

Die Geothermie ist ein Reizthema. Auch in Haute-Sorne gab es Dutzende Einsprachen. Wie wollen Sie die Bevölkerung für das Projekt gewinnen?
Die Einsprachen wurden nun durch die Regierung abgelehnt. Wir sind uns der Emotionalität dieses Themas natürlich bewusst. Deshalb stehen wir im ständigen Kontakt mit der Bevölkerung. Wir wollen dieses Geothermie-Projekt nicht gegen den Willen, sondern unter Beteiligung der Dorfbevölkerung realisieren.

Sie rechnen nicht mit weiteren Einsprachen?
Die juristischen Hürden für einen Erfolg am Verwaltungsgericht sind hoch. Das schreckt viele ab. Dennoch rechnen wir mit ein bis zwei Rekursen, was das Projekt verzögern kann. Wir stehen allerdings nicht unter Zeitdruck. Ob das Projekt in zwei oder zehn Jahren realisiert wird, spielt keine grosse Rolle. Im Vordergrund steht für uns nicht der wirtschaftliche Erfolg, sondern der technologische Durchbruch.

Die geplante Investition von 100 Millionen Franken soll Strom für 6000 Haushalte liefern. Stimmt für Sie das Verhältnis von Aufwand und Ertrag?
In der Schweiz haben Energieprojekte einen schweren Stand. Aus marktwirtschaftlicher Sicht lohnt sich das kaum. Auch Nuklearprojekte sind kaum lukrativer. Das wird sich erst ändern, wenn im Zuge der Energiewende die ersten grossen Kraftwerke abgeschaltet werden. Haute-Sorne betrachten wir als Pilotprojekt, als strategische Investition. Wirtschaftlich interessant wird es voraussichtlich erst in 10 bis 20 Jahren.

Wie viele Geothermie-Bohrungen braucht es, um ein Atomkraftwerk zu ersetzen?
Um die Leistung von Mühleberg zu generieren, brauchte es rund 60 Bohrungen. Das ist nicht unrealistisch. Wir träumen nicht!

Wer trägt die Kosten, falls es wie schon in Basel und St. Gallen zu unvorhersehbaren Zwischenfällen kommt?
Wir haben mit der XL Versicherungen AG die maximale Deckungssumme vereinbart. Sie beträgt 100 Millionen Franken.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass es in Haute-Sorne zu geologischen Überraschungen kommt?
Bei den Bohrungen sind wir grundsätzlich blind. Von Genf bis Delémont gab es bisher keine Exploration des tiefen Untergrunds. Wir sind nicht naiv und bereiten uns deshalb auf das schlimmste Szenario vor. Deshalb führen wir auch vorsichtige Teststimulationen durch. Die Wahrscheinlichkeit, dass man kleinere Erschütterungen spüren wird, ist relativ gross. Doch diese gibt es beispielsweise auch bei Steinbruchsprengungen. Wichtig ist vor allem, dass keine Schäden wie damals in Basel entstehen.

Erdbeben sind das eine. Ein weiterer Störfaktor sind die Lärmemissionen. Wie gehen Sie damit um?
Die Lärmgrenzwerte werden für dieses Projekt nicht nur eingehalten, sondern gar unterschritten. In unmittelbarer Nähe des Bohrlochs hat es nur wenige Einwohner. Das nächste Wohnhaus befindet sich gut 150 Meter, die nächste grössere Wohnsiedlung rund 500 Meter weit weg. Mit den Betroffenen haben wir den Dialog bereits aufgenommen. Die Bohrungen laufen 24 Stunden, weshalb wir zusätzliche Massnahmen treffen werden: Lärmintensive Tätigkeiten wie etwa Anlieferungen werden tagsüber erledigt. Für uns ist klar: Sobald wir die Lärmemission überschreiten, wird das Projekt gestoppt.

Wie weit fortgeschritten ist die Schweizer Geothermie im Vergleich mit dem Ausland?
Die Schweiz ist tiefengeothermisch unterentwickelt. Es gibt zwar mehrere Projekte, doch diese liefern nur Wärme. In Deutschland etwa stehen bereits sieben Anlagen, die auch Strom liefern. Es ist jetzt an der Zeit, Erfahrungen zu sammeln. Dazu brauchen wir Bohrungen wie in Basel, St. Gallen und jetzt Haute-Sorne.

Auffallend viele Projekte sind in der französischsprachigen Schweiz geplant. Stösst Geothermie bei den Romands auf mehr Akzeptanz?
Verallgemeinern lässt sich das nicht. Es stimmt aber, dass die Romands eine Spur technologiefreundlicher sind. Das liegt vielleicht an ihrer Vergangenheit, die stark industriell geprägt ist. Auch in Haute-Sorne sind es interessanterweise vor allem Zugezogene, die dort ihre Ruhe suchen und sich entsprechend gegen das Projekt wehren.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 16:54 Uhr

Peter Meier (49) ist CEO der Geo-Energie Suisse, des Schweizer Kompetenzzentrums für Tiefengeothermie zur Strom- und Wärmeproduktion.

Tiefengeothermie-Projekt im Jura erhält grünes Licht

Das Tiefengeothermie-Projekt in der jurassischen Gemeinde Haute-Sorne hat eine weitere Hürde genommen: Die jurassische Regierung erteilte die nötigen Bewilligungen. Ab 2020 soll an 6000 Haushalte Strom geliefert werden.

Geplant ist ein Kraftwerk mit einer Leistung von maximal fünf Megawatt. Erste Bohrungen werden voraussichtlich 2017 durchgeführt. Zuerst muss ein seismisches Überwachungssystem installiert werden, sagten die Vertreter der jurassischen Regierung und der Geo-Energie Suisse AG am Montag vor den Medien in Bassecourt.

Das Unternehmen wird rund 100 Millionen Franken in das Projekt investieren. Angewendet wird das Multirissverfahren. Dabei werde mit gezielter hydraulischer Stimulation im kristallinen Grundgebirge Wasserdurchlässigkeit erzeugt, heisst es in einer Firmenmitteilung. Dies erfolgt in einer Tiefe von 4000 bis 5000 Metern.

Das Verfahren basiere auf den Erfahrungen aus anderen Projekten in Basel, Zürich und St. Gallen, heisst es weiter. Während der Bohrphase werde dem Lärmschutz besondere Beachtung geschenkt.

Das Erdbebenrisiko wurde von den jurassischen Behörden als akzeptabel eingestuft. Grössere Schäden an Gebäuden werden ausgeschlossen. Hingegen könne es zu kleineren Schäden an Häusern kommen, hiess es. Deshalb wird ein Beweisverfahren ausgearbeitet. (SDA)

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Löste i Juli 2013 ein Erdbeben aus: Bohrer des St. Galler Geothermie-Projekts. (Bild: Keystone )

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