Wird die Erde wieder beben?

Mehrere Schweizer Geothermie-Bohrungen endeten im Fiasko. Über die Zukunft der Technologie entscheidet nun ein Projekt im Jura.

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In der kleinen jurassischen Gemeinde Haute-Sorne entscheidet sich möglicherweise, ob in der Schweiz die Tiefengeothermie eine Zukunft hat. Die Geo-Energie Suisse AG, eine Gesellschaft verschiedener Schweizer Energieversorgungsunternehmen, will Basel vergessen machen. Vor bald zwölf Jahren zitterte mitten in der Stadt die Erde. Eine Probebohrung für ein Geothermiekraftwerk hatte das Beben verursacht.

Nun wäre Geo-Energie Suisse bereit, im Jura einen weiteren Versuch zu starten – mit einem neuen technischen Verfahren, das spürbare Erdbeben verhindern soll. Die Bohrung soll wieder vier bis fünf Kilometer in den kristallinen Untergrund vordringen, um genügend Wärme für die Stromproduktion gewinnen zu können. Die Fachleute sprechen von petrothermaler Geothermie. Nur diese Technologie hat in der Schweiz das Potenzial, die Vorgaben der Energiestrategie zu erfüllen. Etwa 6000 vierköpfige Haushalte könnten von der Energie im jurassischen Untergrund profitieren.

Transparent kommuniziert

Geo-Energie Suisse ist behutsam vorgegangen, hat jeden Schritt in der Öffentlichkeit transparent kommuniziert. Die Fehler von Basel sollten sich nicht wiederholen. Die jurassische Regierung hat den Sondernutzungsplan bereits im Juni 2015 bewilligt, die Umweltverbände haben keine Beschwerden eingereicht.

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Trotzdem wird das Projekt «weitere rund 18 Monate» ver­zögert, heisst es im Geschäfts­bericht. Ein Rekurs von privater Seite gegen den Sondernutzungsplan liegt seit Januar 2017 beim Bundesgericht. «Wir hoffen auf einen Entscheid in den nächsten Monaten», sagt Peter Meier, der Chef von Geo-Energie Suisse.

«Ich glaube an ein grosses Potenzial der Geothermie.»Stefan Müller-Altermatt,
CVP-Nationalrat

Aber nicht nur das bereitet Peter Meier Sorgen. Er ist eben von einer Inspektionsreise aus Südkorea zurückgekehrt. Dort bebte nach einer Bohrung für ein Geothermiekraftwerk – ähnlich wie in Basel – am 15. November 2017 die Erde mit der Stärke 5,4. Der koreanische Bauherr ist wie die Geo-Energie Suisse Partner beim EU-Projekt Destress, das unter anderem nach sanften Stimulierungsverfahren forscht, um Beben zu verhindern.

Nach einer Bohrung wird der Untergrund mithilfe von Wasserinjektionen für die Wärmegewinnung durchlässiger gemacht. Das Projekt in Korea unterscheidet sich laut Meier aber wesentlich vom System der Geo-Energie Suisse, weil in Korea in eine grössere natürliche Bruchzone mit teilweise sehr hohem Druck Wasser hineingepresst wurde. Trotzdem informierte Geo-Energie Suisse die jurassische Regierung aus Gründen der Transparenz darüber.

Die Bohrung soll bis fünf Kilometer in den kristallinen Untergrund vordringen, um genügend Wärme für die Stromproduktion gewinnen zu können. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone, Archiv)

Nun ist laut der Regierung die Zukunft des Projekts in Haute-Sorne auch davon abhängig, ob Korea auch im Jura möglich ist. Noch fehlen für eine abschliessende Erklärung die notwendigen Detailkenntnisse über die Ursache des Bebens. «Ich begreife, dass wieder Bedenken da sind, aber ich bin überzeugt, dass wir diese ausräumen können», sagt Meier.

Das ist auch bitter nötig. Bisher ist noch keine Kilowattstunde geothermischer Strom geflossen. Dennoch rechnet die Energiestrategie 2050 des Bundes mit einem Potenzial von 4,4 Terawattstunden (TWh) Strom für diese Form der Energiegewinnung. Das sind etwa acht Prozent des Stromverbrauchs in der Schweiz – und deutlich mehr, als das Atomkraftwerk Mühleberg produziert.

Ein unrealistisches Ziel?

Für Roland Wyss, den ehemaligen Generalsekretär des Dachverbandes Geothermie Schweiz, ist dieses Ziel unrealistisch. Dafür bräuchte es über hundert Anlagen in der Grössenordnung von Haute-Sorne. Das sei reines Wunschdenken, sagt Wyss, dessen Meinung allerdings nicht der Meinung des Vorstandes des Verbandes entspricht.

Die Zielsetzung müsse unter anderem auch wegen der Entwicklung mit sinkenden Preisen auf dem europäischen Strommarkt redimensioniert werden. Es sei aber wichtig, sagt Roland Wyss, dass Forschungsprojekte wie im Jura endlich verwirklicht werden könnten.

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Wyss’ Forderung löst in der Politik kontroverse Reaktionen aus. Zwar sind die 4,4 TWh der Energiestrategie kein im Gesetz verankertes Ausbauziel. Bedeutsam ist die Zahl trotzdem. Zusammen mit den Ausbaupo­tenzialen anderer erneuerbarer Energien wie Fotovoltaik und Windkraft gehört die Tiefengeothermie zum Energiepaket für den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie.

Das Stimmvolk hat dieses Paket im letzten Jahr mit dem Ja zum revidierten Energiegesetz gutgeheissen. Vertreter der Mitte-links-Allianz, welche die Energiestrategie 2050 befürworten, wollen die Ambitionen denn auch hochhalten. SP-Nationalrat Roger Nordmann (VD) attestiert zwar der Fotovoltaik deutlich mehr Potenzial als in den Energieperspektiven vorgesehen. «Der Ehrgeiz in der Tiefengeothermie darf aber trotzdem nicht verloren gehen.»

«Das Ziel für die Tiefengeothermie ist unrealistisch.»Roland Wyss, Geothermie-Experte

SVP und FDP sprechen dagegen von unrealistischen Annahmen des Bundesrates. Sie seien einzig dazu da, den Atomausstieg als leicht machbar darzustellen. «Geothermie ist in unserer dicht besiedelten, erd­bebengefährdeten Landschaft kaum in der Lage, die geforderte Menge elektrische Energie zu liefern», sagt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen.

Der Bundesrat sieht das anders. Die Energie aus dem Erdinnern könne einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit der Schweiz leisten, schrieb er im Frühling 2017. Nach dem Vorschlag des Bundesrats sollen Geothermieanlagen ab 1. April 2019 pro Kilowattstunde 6,5 Rappen mehr aus dem Topf der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) erhalten. Das ist bis zu 30 Prozent mehr als heute. Diese Anpassungen sind laut Bundesrat notwendig, um den Promotoren neuer Projekte genügend Planungs- und Investitionssicherheit zu gewähren.

Verband ist unzufrieden

Der Verband Geothermie Schweiz begrüsst den bundesrätlichen Plan. Ganz glücklich darüber ist er aber nicht. Das neue Energiegesetz sieht zwar – unabhängig von der KEV – für Geothermieprojekte grosszügige Erkundungsbeiträge von bis zu 60 Prozent der anrechenbaren Investitionskosten vor. Doch von der KEV selber könnten Geothermieprojekte faktisch trotzdem nicht pro­fitieren, klagt der Verband. Der Grund: Die Warteliste ist zu lang, aufgeführt sind vor allem Fotovoltaik- und Windkraftprojekte. Zudem sieht die Energiestrategie 2050 vor, ab 2023 keine Vorhaben mehr in die KEV aufzunehmen.

«Unter diesen Rahmenbedingungen wird kein Investor neue Projekte entwickeln», sagt Willy Gehrer, Präsident des Verbands Geothermie Schweiz. Als Technologie im Entwicklungsstadium gehöre Geothermie deshalb nicht in den gleichen Topf wie aus­gereifte Technologien, etwa die Fotovoltaik. Das sieht Peter Meier von der Geo-Energie Suisse genauso. Zwar würde das Jura-Projekt von den Explorationsbeiträgen profitieren, und es stehe auch auf der KEV-Warteliste. «Aber ein technischer Fortschritt wird mit den geplanten verbesserten Rahmenbedingungen nicht erreicht», sagt Meier.


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Der Verband verlangt speziell eine raschere Behandlung der Geothermieprojekte auf der Warteliste. «Ich glaube an ein grosses Potenzial der Geothermie», sagt CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt. Aber nach Ablauf der KEV werde es eine weitere Förderung brauchen. Für FDP-Nationalrat Wasserfallen dagegen ist die Stromproduktion aus der Tiefe ein Forschungsprojekt. «Es braucht nicht mehr Geld, sondern innerhalb der Forschungsbudgets die richtige Schwerpunktsetzung.» Welchen Weg auch immer die Politik gehen wird: Für Peter Meier entscheidet das Projekt in Haute-Sorne über die Zukunft der Tiefengeothermie in der Schweiz. «Bei einem Misserfolg werden wir wohl nicht weitermachen», sagt er.

Die Geo-Energie Suisse ist derzeit das einzige Unternehmen in der Schweiz, das Untergrundwärme für die Stromproduktion gewinnen will. Falls es in Haute-Sorne weitergeht, sollen wei­tere Tiefengeothermieprojekte – etwa in Etzwilen TG und Triengen LU – verfolgt werden. «Wenn die Akzeptanz in der Bevölkerung wieder steigt», sagt Meier, «dann sind hundert Bohrungen in der Schweiz durchaus realistisch, und Tiefengeothermie wird erschwinglich.»

Erstellt: 04.09.2018, 09:47 Uhr

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