X-47 schürt die Angst vor Drohnen-Robotern

Ein Waffensystem, das die US Navy entwickelt, soll ohne menschliche Hilfe auf Flugzeugträgern landen – und allerlei mehr. Die rasante Automatisierung des Luftkriegs macht auch dem Roten Kreuz Sorgen.

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Die Tests fanden unauffällig in den Lüften über St. Augustin im amerikanischen Bundesstaat Florida statt. Ein Jet vom Typ K-707 näherte sich, um den Prozess des Auftankens in der Luft zu simulieren, seinem «Kunden» – einem Learjet, der allerdings mit der Software und Ausrüstungsteilen der Drohne X-47B des Herstellers Northrop Grumman ausgerüstet war. Mithilfe dieses Waffensystems will die US-Marine ihre Feinde dereinst noch effizienter, genauer und sicherer bekämpfen.

Mit den Hunderten Drohnen, die heute über Afghanistan oder anderen Ländern fliegen, dürften solche Luftkampf-Roboter kaum mehr viel zu tun haben. «Diese Tests sind ein kritischer Schritt hin zum Beweis, dass X-47B autonom in der Luft betankt werden kann», so Carl Johnson, der zuständige Programm-Manager der Rüstungsfirma laut einer Pressemitteilung – ein kleiner Beitrag also auf dem langen Weg zu einem unbemannten Kampfflugzeug, das ohne menschliche Hilfe auch auf Flugzeugträgern starten und landen können soll.

Sorgen wegen «übermenschlicher» Waffen

Diese Vision lässt nicht nur Pazifisten in aller Welt erschauern, sondern beschäftigt auch Diplomaten wie Jakob Kellenberger, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz mit Sitz in Genf. Gegenüber der «Los Angeles Times» verlieh er seinen Sorgen über die fortschreitende Automatisierung auf dem Schlachtfeld Ausdruck. Die Fähigkeit, in der Kriegsführung zu unterscheiden, sei eine Verpflichtung laut dem internationalen Menschenrecht, zitierte ihn das Blatt. Und bei fortgeschrittenen Drohnen sei diese Fähigkeit vollständig von der Qualität und Vielseitigkeit der Sensoren und der Programmierung abhängig.

Zwar ist derzeit noch keine Drohne in der Lage, in einer Kampfsituation über Leben und Tod zu entscheiden. Doch X-47 könnte ein Vorbote der Fähigkeiten werden, mit denen solche fliegenden Waffen dereinst in den Krieg ziehen könnten. Laut einem Bericht der amerikanischen Luftwaffe vom Mai 2009 mit dem Titel «Unmanned Aircraft Systems Flight Plan 2009–2047» dürfte sich die technische Entwicklung kaum mehr aufhalten lassen.

Der Mensch nur als Assistent des Roboters?

Unter Punkt 1.3 mit der Überschrift «Vision» ist nicht nur zu lesen, dass Unmanned Aircraft Systems (UAS) nicht nur als Alternative zu traditionell bemannten Einsätzen gesehen werden, sondern auch zunehmend automatisiert sein dürften. Mit fortschreitender Technologie würden diese Automatisierung und Flugfähigkeiten im Überschallbereich das «Schlachtfeld von morgen» neu gestalten. Laut dem Bericht liessen sie sich mit steigender Autonomie in Schwärmen einsetzen, gesteuert von nur einem «Piloten». Und sie könnten «mit begrenztem oder geringem menschlichen Input» die Entscheidungszeit von Menschen drastisch verkürzen.

Verantwortung – und andere offene Punkte

Wo wird der Mensch aufhören und die Kampfmaschine beginnen? Diese Frage beschäftigt mittlerweile auch Politiker in den USA, wie den Demokraten Henry Cuellar aus dem Bundesstaat Texas, Mitglied in einem Ausschuss, der sich auch mit künftigen Drohnen befasst. «Es ist eine andere Welt als noch vor wenigen Jahren. Wir haben in vielerlei Hinsicht das Reich der Sciencefiction betreten», sagte er gegenüber der Presse, «es müssen neue Regeln entwickelt werden.»

Zum Beispiel für die Frage nach der Verantwortung. Für den angesehenen Computer-Wissenschaftler und Robotikexperten Noel Sharkey, der an der University of Sheffield lehrt, stellt sie sich so: «Tödliche Aktionen sollten eine klare Kette von Verantwortlichkeit haben. Mit einem Roboter-Waffensystem ist das schwierig», sagt er, «der Roboter kann nicht verantwortlich gemacht werden. Ist es also der Kommandeur, der ihn eingesetzt hat? Der Politiker, der ihn autorisiert hat? Der Hersteller, wegen fehlerhaftem Equipment?»

Erstellt: 31.01.2012, 14:20 Uhr

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Das Projekt X-47B wird von der amerikanischen Marine betrieben, gemeinsam mit Northrop Grumman und anderen Rüstungsfirmen. Derzeit existieren zwei «Demonstratoren» der Drohne mit Tarnkappen-Eigenschaften, die mit einer Spannweite von mehr als 18,90 Metern unbelanden rund 6350 Kilogramm wiegen. Der erste Flug fand am 4. Februar 2011 auf der Edwards Air Base in Kalifornien statt. In wie vielen Jahren das Waffensystem tatsächlich autonom auf einem Flugzeugträger starten und landen kann, ist noch offen. Auf diese Hightech-Drohne könnte laut Berichten dereinst die X-47C folgen – in einem noch grösseren Format mit einer Spannweite von über 52 Metern.

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