Zögerliche Klimapolitik macht Atomkraft attraktiv

Eine neue Studie zeigt, dass der Ausstoss von Treibhausgasen massiv gesenkt werden muss. Sonst werden wir stärker von umstrittenen Technologien wie Atomkraft oder Agrartreibstoffen abhängig.

Ein besonders schädlicher Energieträger: Braunkohle-Abbaugebiet südlich von Berlin.

Ein besonders schädlicher Energieträger: Braunkohle-Abbaugebiet südlich von Berlin. Bild: Keystone

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Die internationale Klimapolitik schafft umstrittene Sachzwänge, falls die globalen Treibhausgas-Emissionen nicht schnell sinken. Das zeigt eine neue Studie auf der Online-Plattform von Nature Climate Change. «Wir machen uns immer mehr abhängig von Technologien, die umstritten sind», sagt der Hauptautor der Studie, Joeri Rogelj von der ETH Zürich.

Der Klimaforscher meint damit die Atomkraft sowie Agrartreibstoffe, produziert aus Nahrungsmitteln wie Mais und Soja. Und er spricht die Speicherung von Kohlendioxid (CO2) an. Das Verfahren nennt sich Capture and Storage: Kohlendioxid wird heute bei der Gas- und Erdölförderung aufgefangen und so nahe wie möglich bei der Emissionsquelle wieder in den Untergrund gepumpt. Dieselbe Methode könnte auf Zementfabriken, Stahlwerken und Kohlekraftwerken adaptiert werden.

Ungefähr 50 Gigatonnen Treibhausgase produziert der Mensch heute jährlich. Wenn er es nicht schafft, die Emissionen bis 2020 durch den Zubau erneuerbarer Energie und Energieeffizienz auf 41 bis 47 Gigatonnen pro Jahr zu senken, dann ist die kritische Erderwärmung von 2 Grad Celsius laut Studie ohne Kernkraft und die Speicherung von CO2 im Untergrund nicht mehr zu verhindern. «Viele Politiker glauben, wir hätten viele technische Optionen, um im schlimmsten Fall reagieren zu können», sagt Rogelj. Die Risiken würden aber ebenfalls zunehmen, wenn zum Beispiel die Atomkraft ausgebaut werden müsste. Oder die Produktion von Agrotreibstoff, die etwa beim Maisanbau viel Wasser verbraucht.

Nahe an der kritischen Grenze

Rogelj und seine Kollegen vom Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) im österreichischen Laxenburg und vom amerikanischen National Center for Atmospheric Research in Boulder verwendeten für ihre Schätzungen Modelle, die verschiedene Szenarien für künftige Energieangebote und den Einfluss auf die Erderwärmung berechnen. Dabei gingen sie von einem Referenzszenario aus. Sie nahmen an, dass sich der Energieeinsatz in der Wirtschaft in den nächsten Jahren etwa nach dem historischen Trend verläuft.

Das heisst: Effizienzmassnahmen wirken nur marginal. Ihre Schätzungen zeigen dabei, dass die Emissionen die Grenze von etwa 55 Gigatonnen nicht überschreiten dürfen. «Sonst ist das Fenster technisch und wirtschaftlich zu, um mit traditionellen Technologien das 2-Grad-Ziel langfristig noch zu erreichen», sagt Rogelj.

Nimmt man die vorläufigen unverbindlichen Verpflichtungen der Staaten der UNO-Klimakonvention bis zum Jahr 2020 als Massstab, dann werden die Emissionen die kritische Grenze von 55 Gigatonnen erreichen. Das 2-Grad-Ziel ist dann zwar noch erreichbar, aber nur mit hohem finanziellem Aufwand. Massnahmen, welche die Emissionen erst nach 2020 senken, kommen laut Studie etwa dreimal teurer.

Kohlenkraftwerke schliessen

CO2 bleibt hundert Jahre und länger in der Atmosphäre. Mit jeder Tonne mehr engt sich der Spielraum der Möglichkeiten ein, um die Emissionen möglichst rasch zu senken. Ein grosses Potenzial sehen die Forscher bei der Kohlekraft. Die Schritte in den nächsten zehn Jahren wären jedoch riesig. «Man müsste jede Woche ein Kohlekraftwerk abschalten», sagt Keywan Riahi, Mitautor und Leiter des Energieprogramms am IIASA.

Der Zeitraum für diesen drastischen Eingriff in die weltweite Energieversorgung könnte man verlängern, wenn stattdessen die Energienachfrage deutlich gesenkt würde. «Und zwar nicht nur beim Stromkonsum zu Hause, sondern auch im öffentlichen Verkehr und durch hocheffizienten Städtebau», sagt ETH-Forscher Joeri Rogelj. Fortschritte muss es auch beim Zubau erneuerbarer Energieträger geben. Der Anteil an der globalen Gesamtenergieversorgung sollte bis 2020 auf 20 Prozent steigen; heute liegt er bei rund 13 Prozent.

Wer die Bandbreite der Optionen offen behalten will, um eine kritische Erderwärmung zu verhindern, so die Botschaft der Forscher, der muss den Energiebedarf senken und die Effizienz steigern. Zumindest in der internationalen Klimapolitik ist diese Problematik noch nicht richtig erkannt.

Erstellt: 19.12.2012, 16:09 Uhr

Energiequellen für die Stromproduktion 2035. Für Detailansicht auf Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

Kohlendioxid speichern

Stockender Fortschritt
Die Speicherung von Kohlendioxid-Emissionen im Untergrund (Carbon Capture and Storage CCS) gilt als die effektivste Methode, um fossile Emissionsquellen wie Kohlenkraftwerke klimafreundlich zu machen. Doch trotz erfolgreicher Entwicklung sei in diesem Bereich kein Fortschritt zu sehen, schreiben Forscher der Universität von Edinburgh in «Nature climate change».

Nach wie vor gebe es kein fossiles Kraftwerk, bei dem diese Technologie in grossem Stil angewendet werde. Zwar gehöre das Verfahren zu den Massnahmen nationaler Reduktionsszenarien für Treibhausgase. Die Forscher sehen aber keine Zukunft, solange Regierungen diese Methode nicht subventionierten. Ansonsten müssten diese eingestehen, dass mit der CO2-Speicherung nicht zu rechnen sei und ein Ausbau fossiler Kraftwerke den globalen Klimaschutz ernsthaft gefährde. (ml)

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