Hintergrund

Zu viel Hightech im Flieger?

Der Dreamliner ist weltweit am Boden – unter anderem wegen brennender Batterien an Bord. Ein Aviatikexperte spricht über den Technikwandel in Flugzeugen.

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Bis auf weiteres ist «ausgedreamt»: Die Boeing 787, Hightech-Flieger des US-Herstellers, muss vorerst am Boden bleiben: Wegen brennender Batterien an Bord verhängte die US-Luftfahrtbehörde FAA ein weltweites Flugverbot und ordnete eine Untersuchung an. Nach Angaben des japanischen Batterieherstellers könnte dies Wochen dauern.

Nach dem vorläufigen weltweiten Flugverbot beteiligen sich US-Experten an der Untersuchung einer defekten Maschine in Japan. Wie ein Sprecher der japanischen Luftfahrtbehörde sagte, trafen vier US-Spezialisten in der südwestjapanischen Stadt Takamatsu ein, wo eines der defekten Flugezuge derzeit steht. Aus der Maschine sei bereits die fragliche Lithium-Ionen-Batterie ausgebaut worden, um sie zu untersuchen.

Boeing baut Lithium-Ionen-Batterien ein, weil sie leichter und leistungsfähiger sind als herkömmliche Nickel-Cadmium-Batterien. Die Entwicklung des aus Leichtmaterial gebauten und damit treibstoffsparenden Dreamliners war als Meilenstein in der Luftfahrt gefeiert worden. Die Lithium-Ionen-Batterien können aber leicht heiss werden und dann Feuer fangen.

«Dass gleich weltweit sämtliche Maschinen eines Flugzeugtyps gegroundet werden, ist schon ausserordentlich», sagt Christoph Regli, Leiter des Studiengangs Aviatik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Bei jedem neuen Flugzeugtyp gebe es Kinderkrankheiten. Wie gravierend sie beim Dreamliner tatsächlich sind, könne er nicht beurteilen. Das werde nun von den zuständigen Behörden untersucht, so Regli. Er ist jedoch der Meinung, dass die Flugzeuge lieber zu früh als zu spät gegroundet werden – nach dem Motto «better safe than sorry». Besonders mit neuen Flugzeugen sei man sehr vorsichtig, betont der Aviatik-Studiengangleiter.

Systeme mehrfach vorhanden

Bei den jüngsten Dreamliner-Pannen ging es wiederholt um überhitzte Batterien, die deswegen Rauch entwickelten. Herrscht eine Tendenz zu einem übermässigem Einsatz von Hightech-Systemen? Regli winkt ab: «Ein Flugzeug braucht nun einmal Strom. Und ein Teil der elektronischen Systeme führt auch zur Entlastung der Piloten.»

Regli weist darauf hin, dass alle Systeme mehrfach vorhanden sind. Dank der sogenannten Back-ups vermindere sich das Risiko von Ausfällen. Das gelte auch für die Stromgeneratoren. «Die Flugzeuge haben mehrere davon. In der Regel kann auch nur ein einzelner die essenziellen Systeme speisen. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Generatoren gleichzeitig ausfallen, ist verschwindend klein.»

Auch andere Systeme mit Kinderkrankheiten

Die Zunahme an elektronischen Funktionen ist laut Regli auch ein Teil des Zeitwandels: «Ob neue Systeme Kinderkrankheiten haben oder nicht – Umstellungen sind immer Gewöhnungssache.» Als man sich schrittweise vom alten «Uhrencockpit» verabschiedet habe, hin zu elektronischen Systemen, habe ein Philosophiewechsel stattgefunden. «Dies missfiel den Nostalgikern, während es für die Nintendo-Generation das Normalste auf der Welt war», erinnert sich Regli.

Einen ähnlichen Start habe auch das Fly-by-wire-System in den 1980er-Jahren hingelegt, als die Flugzeugsteuerung elektrifiziert wurde. Es seien ebenfalls Kinderkrankheiten aufgetaucht, die dann ausgemerzt werden konnten. «Hinzu kam, dass sich die Piloten durch die neue Elektronik bevormundet fühlten. Heute ist das System bei den Piloten selbstverständlich», so der Aviatik-Dozent.

Erstellt: 18.01.2013, 07:08 Uhr

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