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Ab ins Meer mit dem Atommüll?

Japans Regierung erwägt, von 2022 an kontaminiertes Wasser aus der Reaktorruine Fukushima Daiichi in den Pazifik zu leiten.

Japan 2016: In der Stadt Namie bewacht ein Sicherheitsbeamter eine gesperrte Strasse, die nach Fukushima führt. Foto: Kimimasa Mayama (EPA, Keystone)
Japan 2016: In der Stadt Namie bewacht ein Sicherheitsbeamter eine gesperrte Strasse, die nach Fukushima führt. Foto: Kimimasa Mayama (EPA, Keystone)

Die Frage war zu erwarten: Wo soll das verstrahlte Wasser hin? Kenji Abe weiss, er muss jetzt seine ganze Redekunst aufbringen, damit sein Arbeitgeber gut aussieht. Beim Kraftwerksbetreiber Tepco ist Abe so etwas wie die Stimme der Krisenbewältigung. Er ist der Sprecher jener Einheit, die nach dem verheerenden Tsunami vom 11. März 2011 das zerstörte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi an der Ostküste Japans reinigen und zurückbauen soll. Ständig muss er Tepcos Leistungen rund um die drei geschmolzenen Reaktorkerne erklären, ohne die Probleme kleinzureden.

Die Wasser-Frage also. Abe zeigt auf einen Plan, der das 3,5 Quadratkilometer grosse Gelände des Kraftwerks abbildet. Er spricht über den Aufwand, den Tepco betreibt, um das gebrauchte Kühlwasser zu lagern. 1,17 Millionen Kubikmeter befänden sich in existierenden Tanks, der Bau neuer Tanks gehe weiter. Bis Ende 2020 soll das Fassungsvermögen auf 1,37 Millionen Kubikmeter steigen. Aber: «In drei Jahren werden die verbliebenen ­Kapazitäten auf dem Gelände aufgebraucht sein.» Bis 2022 müsse man entscheiden, was mit dem Kühlwasser passiere. Japans Regierung hat eine Idee: Sie will es ins Meer kippen. Dazu sagt Kenji Abe lieber nichts.

Eine Reise zum Kernkraftwerk Fukushima Daiichi ist lehrreich und bedrückend zugleich. Die Firma Tepco hat Routine entwickelt im Umgang mit dem öffentlichen Interesse. Sie zeigt sogar mit gewissem Stolz, wie ehrgeizig sie die Kernschmelzen in den Reaktorblöcken eins, zwei und drei aufarbeitet im Vergleich zu den Kollegen in Tschernobyl zum Beispiel, die nach der dortigen Nuklearkatastrophe von 1986 den explodierten Reaktor unter Beton begruben. Tepco will alles aufräumen, das macht Fukushima Daiichi zu einer teuren Ruine. Japans Regierung hat die Gesamtkosten mit 22 Billionen Yen, fast 200 Milliarden Franken, angegeben.

Ständig mit Wasser kühlen

Die Fahrt führt vorbei an verlassenen Häusern und zugewucherten Parkplätzen. Auf dem Werksgelände erlebt man eine Welt, in der es nichts mehr zu gewinnen gibt. Wassertank reiht sich an Wassertank – Teile eines komplexen Systems aus Pump- und Reinigungsanlagen. Es soll einerseits sicherstellen, dass die beschädigten Brennstäbe im Inneren der Reaktorgebäude ständig mit Wasser gekühlt werden.

Andererseits soll es dafür sorgen, dass das Wasser nach dem Kontakt mit dem hoch radioaktiven Schrott möglichst unbelastet von strahlenden Stoffen in die Tanks kommt. Laut Tepco und der zuständigen Fachbehörde im japanischen Wirtschaftsminis­terium (Meti) funktioniert die ­Reinigung recht effektiv, unter anderen mit der Anlage Alps (­Advanced Liquid Processing System). 62 verschiedene Radionuklide, Atomsorten, die wegen ihres instabilen Kerns radioaktiv sind, kann diese Anlage dem Wasser entziehen.

Aber mit einem Stoff gelingt das nicht: Tritium, ein schwach strahlendes Radionuklid. Seine Auswirkung auf Umwelt und Gesundheit wird im Vergleich zu Cäsium 137 mit dem Faktor 1:700 beschrieben. Anders als andere radioaktive Stoffe wie Strontium lagert es sich nicht dauerhaft im Körper an, wenn man es über die Nahrung aufnimmt. Die biologische Halbwertszeit von Tritium beträgt zehn Tage, nach zehn Tagen ist also die Hälfte der aufgenommenen Menge ausgeschieden. Cäsium 137 bleibt viel länger im Körper. Und physikalisch zerfallen Cäsium-Atome mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren. Sven Dokter, Sprecher der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), sagt: «Tritium hat im ­Vergleich zu den anderen Radionukliden, die in Fukushima eine Rolle spielen, die mit Abstand ­geringste strahlenbiologische Wirksamkeit.»

Japans Regierung sagt, das behandelte Wasser könne man daher bedenkenlos in den Pazifik kippen. Kritik daran kommt von vielen Seiten. Aus Südkorea, aus Nordkorea, vom Fischereiverband in Fukushima und von der Umweltorganisation Greenpeace, die Tepco schon lange zu viel Optimismus im Umgang mit dem Kühlwasser vorwirft.

In den Boden rund um das Kraftwerk ist eine 300 Millionen US-Dollar teure Wand aus Eis eingelassen.

Radioaktivität ist eine mysteriöse Bedrohung, man sieht sie nicht, man riecht sie nicht. Wahrscheinlich ist sie auch deshalb ein so emotional besetztes Thema. Viele Kernkraftgegner neigen zu einer Nulltoleranzhaltung. Dass diese nicht zu den ­Gesetzen der Natur passt, ist meistens das Erste, was Atomphysiker Zweiflern erklären. Radionuklide sind sozusagen Teil der Schöpfung, sie kommen in der Erde vor oder in der Luft. «In Deutschland liegt die mittlere effektive Jahresdosis der ­Bevölkerung durch natürliche Strahlenquellen bei etwa 2,1 Millisievert», erklärt die GRS.

Die Einheit Sievert gibt die biologische Wirksamkeit radioaktiver Strahlung an, ab 100 Millisievert zeigt die Statistik ein erhöhtes Krebsrisiko in grossen Personengruppen. Ausgangsstoff und Höhe der zusätzlichen ­Dosis sind die Faktoren, die eine ­Gefahr durch Radioaktivität ausmachen. Bei sehr kleinen zusätzlichen Dosen ist eine Auswirkung auf die menschliche Gesundheit nicht nachweisbar. Und so argumentiert Japans Regierung auch in der Wasserfrage.

Die Reaktorgebäude liegen zwischen Betonwällen und dem Meer wie ein Mahnmal. Tepco verwaltet hier einen ständigen Notfall. In einem intakten Kernkraftwerk läuft das Kühlwasser in einem geschlossenen Kreislauf. Mit dessen Wärme wird vereinfacht gesagt Dampf erzeugt, der die Turbinen zur Stromerzeugung antreibt. Aber in Fukushima Daiichi sind die Reaktordruckbehälter der Blöcke I/II/III kaputt, einen Kreislauf gibt es nicht mehr. Das Wasser läuft aus den Reaktoren über verschiedene Lecks in die Untergeschosse der Reaktorgebäude und angrenzenden Maschinenhäuser.

Mit hohem Aufwand versucht Tepco zu verhindern, dass sich dieses kontaminierte Wasser mit dem Grundwasser vermischt und noch mehr kontaminiertes Wasser entsteht. In den Boden rund um das Kraftwerk ist deshalb eine 300 Millionen US-Dollar teure Wand aus Eis eingelassen. Das kontaminierte Wasser wird abgepumpt und gereinigt. Ein Teil des behandelten Wassers wird wieder zur Kühlung verwendet, der Rest muss gelagert werden: Jedes Jahr kommen 60'000 Kubikmeter Wasser dazu.

Die billigere Variante

Deshalb will Japans Regierung die relativ billige Wegwerf-Variante. Eine andere Möglichkeit wäre die Verdampfung des Wassers, aber nach den Daten von Tepco und Meti ist das für die Umwelt belastender als die Ableitung ins Meer. Lagermethoden in der Erde haben Tepco und Meti in Diplomatenkreisen als zu zeitaufwendig und zu schlecht zu überwachen dargestellt. Ein Komitee aus Experten arbeitet an einem Report, den die Regierung dann Vertretern betroffener Interessengruppen zur Diskussion vorlegen will.

Die Argumente der Regierungsvertreter für das Wegkippen sind Zahlen: Es geht um Wasser, das insgesamt 860 Terabecquerel Tritium enthält – in Becquerel wird die Zerfallsaktivität radioaktiver Substanzen ­gemessen. Wenn binnen eines Jahres all dieses Wasser ins Meer geschüttet würde, entstünde demnach nahe dem Einleitungspunkt eine zusätzliche Strahlung von 0,052 bis 0,62 Mikrosievert pro Jahr im Meer.

Experten urteilen: Wenn die Angaben stimmen, kann man das Wasser tatsächlich in den Pazifik schütten.

«Die Auswirkung der Radioaktivität ist ausreichend klein im Vergleich zur natürlich vorkommenden Strahlendosis von 2100 Mikrosievert pro Jahr», teilt das Ministerium mit. Tepco hat erklärt, den japanischen Grenzwert für abgeleitetes Wasser von 60'000 Becquerel Tritium pro Liter einhalten zu wollen. Im WDR hat das Bundesamt für Strahlenschutz dazu geurteilt: «Wenn man seinen gesamten Trinkwasserbedarf mit Wasser decken würde, welches 60'000 Becquerel Tritium pro Liter enthält, und das über ein ganzes Jahr hinweg, käme man ungefähr auf die Strahlenbelastung einer Röntgenuntersuchung.» Viele Experten urteilen: Wenn die Angaben aus Japan stimmen, kann man das behandelte Wasser tatsächlich in den Pazifik schütten.

Tritium ins Meer oder sonstige Gewässer zu kippen, gehört zur Routine der internationalen Kernkraft-Gemeinde. Laut Japans Regierung wurden bereits 2010, vor dem Tsunami, aus Fukushima Daiichi rund 2,2 Terabecquerel Tritium in die See gelassen. Aber ob das als Argument taugt, gegen das Gefühl vieler Menschen, dass es keinen harmlosen Atommüll geben kann? Japans Regierung hat noch keinen Termin genannt für einen Beschluss zur Wasserfrage. Sie wird gründlich darüber nachdenken. Wenn es um Fukushima Daiichi geht, schaut die ganze Welt zu. Und es hat schon viel Kritik gegeben an dieser Entscheidung, die noch gar nicht endgültig ist.

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