Atomausstiege gefährden die Klimaziele

Atomstrom verliert an Bedeutung, was die Ziele im Klimaschutz in Gefahr bringt. Es könnte aber auch ohne Atomstrom gehen.

Noch in Betrieb: Kernkraftwerk Gösgen. Foto: Thomas Egli

Noch in Betrieb: Kernkraftwerk Gösgen. Foto: Thomas Egli

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Der Direktor der Internationalen Energieagentur Fatih Birol hat wohl manchem FDP-Delegierten aus dem Herzen gesprochen. «Ohne den wichtigen Beitrag des Atomstroms wird die globale Energiewende viel schwieriger», sagte Birol kürzlich anlässlich einer neuen IEA-Studie zur Rolle der Nuklearenergie für den weltweiten Klimaschutz. Die IEA ist besorgt über die zunehmenden Pläne in den Industrieländern, aus der Atomkraft auszusteigen.

Auch die Schweiz hat sich dafür entschieden, allerdings ohne Fälligkeitsdatum. Das will nun eine Mehrheit der FDP-Basis, glaubt man einer Umfrage, wieder ändern. Morgen befinden die FDP-Delegierten über das neue Positionspapier zur Klima- und Umweltpolitik. Dabei entscheiden sie, ob der Bau neuer Atomkraftwerke wieder zugelassen werden soll.

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Ein positiver Entscheid wäre gegenläufig zur Entwicklung in gewissen Ländern, die eher auf einen kontinuierlichen Ausstieg zielt. Deutschland will bis 2022 aus der Kernenergie aussteigen. Die von der Bundesregierung eingesetzte Ethikkommission «Sichere Energieversorgung» kam nach dem Atomunfall in Fukushima zum Ergebnis, dass es risikoärmere Energiequellen gibt, die wirtschaftlich und sozial verträglich sind. Auch Spanien will zwischen 2028 und 2035 alle Atomkraftwerke schliessen. Selbst Frankreich, dessen elektrischer Strom zu gut 70 Prozent aus Kernkraftwerken stammt, will den Anteil im Strommix bis 2035 auf 50 Prozent senken.

Stromangebot nimmt ab

Die ältesten Kraftwerkpärke sind in der EU und in den USA: Die Reaktoren sind im Durchschnitt 35 Jahre alt. In den meisten Fällen ist laut IEA die Betriebszeit auf 40 Jahre ausgelegt. Nimmt man diesen Massstab, so wird die nukleare Leistung für die Energieversorgung in den Industrieländern bis 2025 um ein Viertel reduziert. Für die Autoren der Studie hängt das Schicksal der restlichen Reaktoren davon ab, ob die Betriebszeiten in den kommenden Jahren verlängert werden. In den USA erhielten 90 Reaktoren eine Lizenz für eine 60-jährige Betriebszeit.

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Die Atomenergie ist mit einem Anteil von 18 Prozent an der Stromproduktion die grösste CO2-arme Stromquelle in den Industrieländern. Allerdings nahm der Beitrag am Stromangebot in den letzten Jahren stetig ab. Es gibt mehrere Gründe für diese Entwicklung: Die Reaktoren kommen allmählich ins Alter, zusätzliche neue Kapazitäten gibt es nur wenig, und einige Kraftwerke, gebaut in den 1970er- und 1980er-Jahren, sind altershalber bereits vom Stromnetz genommen worden.

Es wird immer schwieriger, Investoren für die Atomkraft zu finden. Nur sieben von den derzeit 54 im Bau befindlichen Kraftwerken sind privat finanziert. Das Risiko ist zu gross geworden. Zwei Kraftwerkprojekte des Typs EPR in Finnland und Frankreich haben sich um Jahre verzögert, und die Milliarden-Kosten haben sich inzwischen vervielfacht. In den USA wurde der Bau von zwei AP-1000-Reaktoren abgebrochen.

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Hinzu kommt, dass die Kosten zum Beispiel für Fotovoltaik in den letzten sechs Jahren um 65 Prozent gesunken sind. Die IEA geht davon aus, dass in den nächsten zwanzig Jahren der Preis um weitere 50 Prozent sinken wird. Die IEA fordert deshalb politische Massnahmen, damit die Atomenergie wieder auf dem Markt konkurrenzfähig wird. Sonst seien die Klimaziele des Pariser Abkommens schwierig zu erreichen.

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Ohne Atomstrom würden die globalen CO2-Emissionen von 1971 bis 2018 um 20 Prozent höher liegen, heisst es in der Studie. Die Energiewende ins postfossile Zeitalter sei allerdings nicht unmöglich. Doch brauche es weltweit in den nächsten 20 Jahren fünfmal so viel an erneuerbarer Energie, wie in den letzten 20 Jahren zugebaut wurde, um den geplanten Atomausstieg zu kompensieren.

Erstellt: 21.06.2019, 14:27 Uhr

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