Auf der Suche nach dem richtigen Elektroauto-Geräusch

Weil Elektroautos so leise sind, dass Fussgänger sie nicht hören, müssen sie aufgerüstet werden. Doch wie klingt eigentlich ein Auto?

Herr der Töne: Hugo Fastl von der Uni München tüftelt an den Komponenten für den Sound der Elektroautos. Foto: Uli Benz (TU München)

Herr der Töne: Hugo Fastl von der Uni München tüftelt an den Komponenten für den Sound der Elektroautos. Foto: Uli Benz (TU München)

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Hans Graber, Christdemokrat und gestandener Ständerat aus Luzern, ist entsetzt: «Das versteht kein Mensch.» Warum in Gottes Namen sollen Elektroautos künstlich mit Geräuschen ausgestattet werden? Er wisse doch als Fahrer eines E-Autos, dass er geräuscharm unterwegs sei und sich entsprechend zu verhalten habe. Es grenze an Schizophrenie, künstlich Lärm zu erzeugen, wenn doch bereits der bestehende gesundheitsschädigend und stressfördernd wirke. Gemäss dem Bundesamt für Statistik ­leidet tagsüber jede siebte Person und in der Nacht jede achte Person unter Strassenverkehrslärm.

Selbst Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga musste in der Ratsdebatte Ende Juni einräumen, dass auch sie ein ­bisschen über diese Vorschrift gestaunt habe, aber es sei halt nun mal so. Kommt hinzu, dass laut der Beratungsstelle für ­Un­fallverhütung (BfU) ein ­erhöhtes Unfallrisiko durch zu geringe Fahrzeuggeräusche zwar ­naheliegend sei, sich aber nicht zwingend aus den Unfall­an­alysen ergebe.

Ich hoffe nicht, dass dies die Ausbreitung der Elektromobilität behindert.Simonetta Sommaruga, Verkehrsministerin

Die Schweiz muss aufgrund der bilateralen Verträge diese europäische Fahrzeugvorschrift übernehmen. Die besagt, dass ab dem 1. Juli 2019 in neuen Typen von Hybrid- und reinen Elektrofahrzeugen ein akustisches Warnsignal eingebaut werden muss, das Acoustic Vehicle Alerting System (Avas). Dazu gibt es einen ganzen Wust an Vorschriften. Klingen sollen die E-Autos ähnlich wie benzin- oder dieselbetriebene Fahrzeuge. Diese Einschränkung war angezeigt, nachdem japanische Autobauer ihre Elektrofahrzeuge wie Vögel zwitschern lassen wollten.

Aber wie klingt ein Auto eigentlich? Die Beschreibung ist nicht ganz einfach: Ein raues Röhren kommt ihm wohl am nächsten. Wobei es sich nicht um einen Ton handelt, sondern um ein Geräusch, betont Professor Hugo Fastl von der Technischen Universität München. Ein Ton ist rein, besteht aus einer bestimmten Frequenz wie der Kammerton a, der zum Stimmen der Musikinstrumente verwendet wird und pro Sekunde 440-mal schwingt. Und leicht zu reproduzieren ist. Ganz im Gegensatz zu einem Geräusch, wie ihn Motoren verursachen. Diesem Geräusch hat sich Fastl verschrieben. Die Automobilindustrie greift bei ihren Entwicklungen auf dessen Grundlagenforschung zur Psychoakustik zurück.

Der Junge aus Minneapolis

Diese braucht den künstlichen Motorensound, um ihre Elektroautos zum Klingen zu bringen. Die mit Geräuschen angereicherten E-Autos haben ihren Ursprung in den USA. 2008 wurde ein achtjähriger Junge in Minneapolis von einem Hybridfahrzeug angefahren. Er hatte das Fahrzeug nicht bemerkt, da es zu leise war. Obwohl Blindenverbände schon zuvor auf diese wachsende Gefahr hingewiesen hatten, machte erst die Berichterstattung von CNN über den verletzten Buben das Problem der breiten Bevölkerung bekannt. Seit letztem Jahr wird dort den elektrischen Newcomern künstlicher Lärm verordnet. Diese Problematik ist über den Teich geschwappt und wurde vom Europäischen Parlament in die Verordnung 540/2014 gegossen.

Zumindest müssen die neuen, tönenden E-Autos nur bis 20 km/h Krach machen. Danach sorgen die Reifen und der Fahrtwind für eine genügend starke Geräuschkulisse. Hugo Fastls Forschungsergebnisse helfen bei der Entwicklung des Geräuschdesigns für Elektroautos. Dafür ist er als Ingenieur und studierter Kontrabassist bestens gerüstet. Unbestritten ist für den Fan von Klassik und bayerischer Volksmusik, dass sich das Grundgeräusch im mittleren Frequenzbereich abspielen muss: «Zu hohe Frequenzen können von älteren Menschen nicht mehr wahrgenommen werden, und zu tiefe sind schwierig abzustrahlen, würden sehr grosse Lautsprecher bedingen.»

Diesem Grundgeräusch wird dann eine Tonhöhe zugeordnet, welche variiert werden kann. Dafür bedient sich Fastl einer eindrücklichen Geräuschmaschine: eines Computers, der diverse Schalle und weitere Zutaten abrufen kann: «Das geschieht über Algorithmen, die wir selbst entwickeln werden.» Beim Losfahren und Beschleunigen wird der Ton höher, beim Bremsen tiefer. Entscheidend sind für die Automobilhersteller aber vor allem die Klangfarbe und die Rauigkeit, denn auch der Sound eines E-Autos soll eindeutig einer Marke zugeordnet werden können. Dafür betreiben die Autohersteller einen nicht unbeträchtlichen Aufwand. Beziffern mögen sie diesen jedoch nicht, wie Nachfragen bei mehreren Firmen ergaben. Beim Entwickeln der Sounds mussten die Geräuschtüftler zwei Sachen beachten: die Kreation eines markeneigenen Sounds und die Erfüllung der Warnfunktion für Fuss­gänger. BMW etwa hat zu diesem Zweck bereits vor Jahren Ver­suche mit dem Bayerischen ­Blindenverband durchgeführt. «Ziel war es, die frühzeitige Wahrnehmbarkeit sowie die Identifikation mit einem Fahrzeug mit minimaler Schallemission zu verbinden», sagt BMW-Sprecher ­Martin ­Tholund.

«Elegant und umarmend»

Bei der Ausgestaltung des Geräuschs waren den Inspirationsquellen indes kaum Grenzen gesetzt. So liess sich der Sound-Designer von Audi, Rudolf Halbmeir, auch von Science-Fiction-Filmen leiten. Doch so wie Kitt, das von David Hasselhoff in der US-Serie «Knight Rider» gesteuerte Auto, tönen die E-Autos nicht. Hörproben wollen die angefragten Hersteller Audi und BMW nicht liefern. Sie befürchten eine verfälschte Wiedergabe über anders geartete Lautsprecher. Dafür flüchten sie sich in die typische Marketingsprache, wenn sie den neuen Sound beschreiben sollen. Das tönt dann so: «Der Aussen-Sound lässt sich als breitbandig, technisch hochwertig und definiert charakterisieren» (Audi) oder: «Der Klang zeichnet sich durch eine substanzielle Tiefe aus, die elegant und umarmend wirkt» (BMW).

Um den Sound schert sich Sommaruga. Sie hofft, dass die Pflicht für den Einbau solcher Warngeräuschgeneratoren die Ausbreitung der Elektromobilität nicht behindere: «Wir werden nach einer gewissen Zeit überprüfen, ob es neue Möglichkeiten gibt.» Die ist tatsächlich in Sicht: der gerichtete Schall. Fastls Hoffnung liegt in der Tatsache begründet, dass künftig immer mehr Autos mit automatischer Fussgängererkennung auf den Markt kommen: «Wir plädieren dafür, dass die Geräusche von E-Fahrzeugen nur dann abgestrahlt werden, wenn ein Fussgänger in der Nähe ist.»

So gross wird die Lärmbelastung durch röhrende E-Autos in der Schweiz vorderhand nicht sein: Gerade mal 5408 neue Elektroautos wurden im vergangenen Jahr bei den Strassenverkehrsämtern der Kantone angemeldet. Das entspricht bei insgesamt 300'000 Neuzulassungen einem Marktanteil von 1,8 Prozent.

Erstellt: 04.07.2019, 16:27 Uhr

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