Hobby-Forscher beliefern die Wissenschaft mit Daten

In Zürich soll «Citizen-Science» gefördert werden. Dabei geht es um mehr als das Datensammeln.

Biodiversität auf dem Dachgarten eines ETH-Gebäudes: Im Projekt «Wo Samen fallen» können Stadtbewohner die Wildpflanzen Zürichs dokumentieren. Foto: Urs Jaudas

Biodiversität auf dem Dachgarten eines ETH-Gebäudes: Im Projekt «Wo Samen fallen» können Stadtbewohner die Wildpflanzen Zürichs dokumentieren. Foto: Urs Jaudas

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Das Bild vom Elfenbeinturm ist weit verbreitet: Forscher gehen fern der Wirklichkeit ihren Ideen, Thesen und Visionen nach. Doch immer häufiger suchen Wissenschaftler heute die Nähe zur Basis und betreiben Forschung, an der sich auch Bürger beteiligen können. Diese Art zu forschen wird immer beliebter an den Universitäten und Fachhochschulen, besonders in den USA und in Grossbritannien.

Auch in der Schweiz wird die Liste der Projekte mit Bürgerbeteiligung immer länger. Neu ist diese Bewegung ­allerdings nicht, auch wenn der englische Begriff erst seit Juni 2014 im «Oxford English Dictionary» geführt wird. Es waren in der Schweiz etwa Amateurforscher, welche die Naturforschende Gesellschaft 1815 gründeten, aus der später die heutige Akademie der Naturwissenschaften hervorging. Die Vogelwarte Sempach setzt seit langem bei der Beobachtung der Vogelwelt auf ausgebildete Hobby-Ornithologen.

Heute kann die Wissenschaft mit den neuen Technologien das Wissen von Laien noch effizienter nutzen: mit dem Einsatz digitaler Bilder und Videos, durch das Internet und Smartphones. Ein Beispiel ist die Dialekt-App des Phonetischen Laboratoriums der Universität Zürich. Die Forscher wollen herausfinden, wie sich die Dialekte in der Schweiz im Laufe der Zeit verändert haben. Dazu brauchen sie möglichst viele Teilnehmer, welche die App herunterladen. Mithilfe verschiedener Fragen erhält der User Anhaltspunkte, woher sein Dialekt stammt. Die Forscher gewinnen dadurch Informationen über die Dialektverbreitung. Etwa 70'000 User luden die App herunter, der grösste Teil machte auch mit.

Forscher sind noch skeptisch

Zu den Verfechtern dieser neuen Möglichkeiten gehört Daniel Wyler, emeritierter Physikprofessor und ehemaliger Prorektor der Universität Zürich: «An der Universität Zürich soll ein Citizen-Science-Zentrum entstehen.» Seit gut zwei Jahren beschäftigt er sich intensiv mit den Möglichkeiten der Bürger­forschung auf nationaler und internationaler Ebene.

Trotz den neuen Forschungsoptionen wird das Potenzial von Citizen-Science bis anhin zögerlich ausgeschöpft. «Noch wird diese Art der Wissenschaft in der Branche nicht überall ernst genommen», sagt Daniel Wyler. Das hat den Physiker dazu bewogen, die Ausarbeitung von Guidelines zu lancieren. Dabei geht es nicht nur darum, die Qualität der Daten, die durch die Freiwilligen erhoben werden, zu sichern. Gefordert werden auch eine angemessene Infrastruktur, klare Vereinbarungen mit den Freiwilligen und deren Anerkennung in den Publikationen. Zudem gehört zu den Leitlinien auch, die Fragen des Datenschutzes zu regeln. «So erhalten CitizenScience-Projekte sogar die Chance, Gelder vom Nationalfonds zu erhalten», sagt Daniel Wyler. Allerdings nur, wenn sie Partner von wissenschaftlich anerkannten Institutionen sind.

Dass die Datenqualität durchaus gewährleistet sein kann, auch wenn Laien am Werk sind, zeigt das Projekt Phaeno-Net. Als es vor fünf Jahren startete, gehörte es zu den Pionierprojekten in der Schweiz. Per Internet registrieren vor ­allem Schüler und immer mehr auch Erwach­sene ihre jahreszeitlichen Beobachtungen bei vorgegebenen Pflanzen: Wann sie blühen, wann sich Blätter bilden oder sich verfärben. Diese Beobachtungen sind eine gute Basis, um den Einfluss der Witterung und auch des Klimawandels auf Pflanzen zu erforschen.

Mehrwert von «Bürgerdaten»

Gegründet wurde Phaeno-Net durch den Verein Globe Schweiz, der auf Initiative des Bundesamts für Umwelt entstand und sich als Wissensvermittler versteht. «Phaeno-Net war eigentlich als Sensibilisierungsprojekt für Schüler gedacht, damit sie sich verstärkt mit ihrer Lebenswelt befassen», sagt Eric Wyss, Geschäftsführer von Globe. Inzwischen hat die Plattform über 600 Teilnehmer.

Die Daten verwendet Meteo Schweiz als Ergänzung zu ihrem eigenen phänologischen Netzwerk. Dieses Netz von 160 Stationen wird auch durch Laien betrieben, die aber speziell dafür ausgebildet wurden. «Wir waren zu Beginn skeptisch, ob die Daten tatsächlich die geforderte Qualität aufweisen würden», sagt Wyss. Eine Bachelorarbeit an der Universität Bern zeigt nun, dass die Skepsis unbegründet war. Die Phaeno-Net-Daten sind mit den Beobachtungen von Meteo Schweiz vergleichbar. «Nachweisbare falsche Erfassungen gibt es nur wenige, mit statistischen Methoden lassen sich Ausreisser herausfiltern», so Wyss.

«Citizen-Science muss exzellent sein, also auch neuartige Erkenntnisse liefern.»Mike Martin, Professor für Gerontopsychologie, Universität Zürich

So wollen künftig auch Forscher der ETH Zürich die Daten der Laien nutzen. Einen Schwachpunkt sieht Wyss in der regionalen Begrenzung. Die Phaeno-Net-Beobachtungen beschränken sich vorwiegend auf das Mittelland und auf Höhen zwischen 300 und 800 Meter. Dennoch sieht der Globe-Geschäftsführer einen Mehrwert in den «Bürger-Daten», der unbezahlbar wäre, wenn Forscher den Aufwand betreiben müssten. Phaeno-Net kostet jährlich rund 40'000 Franken.

Um das Prädikat wissenschaftliche Arbeit zu erhalten, muss aber noch ein anderer Anspruch erfüllt sein: «Citizen-Science muss selbstverständlich exzellent sein, also auch neuartige Erkenntnisse liefern», schreibt Mike Martin, Professor für Gerontopsychologie an der Universität Zürich im «Uni-Journal».

Der Altersforscher macht es vor: beim Forschungsschwerpunkt «Dynamik gesunden Alterns». Hier werden die Versuchspersonen in die strategische Ausrichtung der Forschung mit einbezogen und entwickeln zusammen mit den Forschern selbst innovative Forschungskonzepte. Für den Physiker ­Daniel Wyler ist das ein gutes Beispiel dafür, dass Citizen-Science über das blosse Sammeln von Daten hinausgehen kann. «Die älteren Menschen wissen wohl am besten, was sinnvoll ist.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2017, 19:06 Uhr

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