Dämpfer für die Energiewende

Der Bund korrigiert das Ausbaupotenzial der Wasserkraft nach unten. Immer klarer zeigt sich: Die Energiestrategie 2050 steht und fällt mit der Fotovoltaik.

Gornersee unterhalb des Monte Rosa: Von den Berechnungen ausgeklammert sind die noch ungenutzten Gletscherseen. Foto: Alamy Stock Photo

Gornersee unterhalb des Monte Rosa: Von den Berechnungen ausgeklammert sind die noch ungenutzten Gletscherseen. Foto: Alamy Stock Photo

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Die Wasserkraft ist das Rückgrat der Schweizer Stromversorgung. Sie hat letztes Jahr gut 37 Terawattstunden Strom geliefert, das sind etwa 55 Prozent der inländischen Stromproduktion. Der Bund will diese erneuerbare Energiequelle ausbauen. Das ist eines der Ziele der Energiestrategie 2050, die das Stimmvolk 2017 gutgeheissen hat und die den Atomausstieg vorsieht. Die Wasserkraft soll dazu beitragen, den mittelfristig wegfallenden Atomstrom zu ersetzen. Letztes Jahr produzierten die fünf Atommeiler 24 Terawattstunden.

Doch das Ausbaupotenzial der Wasserkraft ist kleiner, als es der Bund 2012 errechnet hat, statt drei sind es nur zwei Terawattstunden. Das zeigt eine neue Studie, die das Bundesamt für Energie (BFE) am Montag publiziert hat. Während sich das Potenzial der Grosswasserkraft kaum verändert hat, ist es bei der Kleinwasserkraft gesunken, unter anderem, weil die Politik Förderinstrumente stoppen wird, etwa die kostendeckende Einspeisevergütung Ende 2022 oder Investitionsbeiträge Ende 2030.

Höher als 2012 angenommen sind zudem die künftigen Produktionsverluste, die aus Umweltschutzgründen entstehen. So müssen Werke, die ihre ­Konzession erneuern, strengere Restwasserbestimmungen einhalten, sie müssen also mehr Wasser ungenutzt durch den natürlichen Wasserlauf lassen als bisher.

Bedeutsamer Befund

Der Befund des BFE ist insofern bedeutsam, als es mit dem Ausbau anderer erneuerbarer Energien harzt. Die Tiefengeothermie, die Energie aus dem mehrere Kilometer tiefen Untergrund fördert, hat hierzulande noch keine Kilowattstunde Strom geliefert. Die Windenergie kommt kaum vom Fleck – nicht zuletzt, weil Anwohner und Umweltverbände Projekte bekämpfen.

Die Gegner der Energiestrategie sehen sich durch die neue Studie bestätigt. «Die Realität übertrifft unsere schlimmsten Befürchtungen», sagt Nationalrat Christian Imark (SVP). Nationalrat Christian Wasserfallen (FDP) ergänzt: «Es wird endlich klar, dass die Energiestrategie eine Importstrategie ist.» Vor der Abstimmung seien «faktenfrei Tabellen ausgefüllt worden, um die mangelnde künftige Stromversorgung zu verdecken». BFE-Sprecherin Marianne Zünd entgegnet, die Studie 2012 sei wie die aktuelle mit allen relevanten Akteuren erstellt worden, die Daten würden unter anderem aus der Strombranche und den Kantonen stammen. «Die konnten und können wir uns nicht aus den Fingern saugen.»

Fakt ist: Die Neuberechnung des Wasserkraftpotenzials ist ein Dämpfer für die Energiestrategie 2050. Allerdings gibt es eine Reihe von Unwägbarkeiten, welche die Produktion aus Wasserkraft doch noch wie vorgesehen steigern könnte. So gibt es in der Schweiz Pläne für Wasserkraftprojekte, die aus «Vertraulichkeitsgründen nicht offengelegt wurden», wie es in der Studie heisst. Das BFE konnte diese bei der Abschätzung nicht berücksichtigen.

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Von den Berechnungen ausgeklammert sind auch die noch ungenutzten Gletscherseen. Das BFE nennt sieben Standorte, die total ein Potenzial von rund einer Terawattstunde pro Jahr aufweisen. Dazu gehört die Trift im Kanton Bern – ein Projekt, welches das rot-grüne Lager spaltet. Ein Komitee aus Umweltschützern, das sich neu formiert hat, will es zu Fall bringen. FDP-Politiker Wasserfallen spricht von einem «Armutszeugnis» für das rot-grüne Lager. Er hoffe, dass dieses Projekt rasch umgesetzt werde. Falls nun weitere Gletscherseen in den Fokus rücken sollten, dürfte dies für SP, Grüne, Grünliberale und Umweltverbände zu einer veritablen Belastungsprobe werden: Braucht es für die Energiewende und den Klimaschutz neue Stauseen? Oder gibt es Alternativen?

Nationalrat Roger Nordmann (SP) plädiert dafür, bei der Wasserkraft die saisonale Speicherung zu stärken. Darum befürwortet er grundsätzlich Stauseeerhöhungen. Doch auch gegen solche Projekte gibt es im grünen Lager erheblichen Widerstand, wie das Beispiel der Grimsel-Talsperre zeigt. Das BFE resümiert in der Studie denn auch, es seien «weitere Anstrengungen in der Lösung des Interessenkonflikts» nötig.

«Die Realität übertrifft unsere schlimmsten Befürchtungen.»Christian Imark
SVP-Nationalrat

Die Politik hat es in der Hand, die Entwicklung mitzusteuern. So könnte sie die Nutzungsbedingungen für die Wasserkraft optimieren, wie es in der BFE-Studie heisst, etwa Förderinstrumente länger laufen lassen als geplant. Zusätzliche Fördermittel vermögen laut Studie «weitere Potenziale auszulösen». Dies sei auch bei steigenden Strompreisen der Fall – ein Szenario, mit dem das BFE in seinen Energieperspektiven 2050 rechnet.

Nimmt man den aktuellen Produktionstrend bei der Wasserkraft, Windenergie und Geothermie als Massstab, muss die Sonnenenergie noch mehr Energie liefern als vorgesehen. «Vor allem bei Fotovoltaik und Stromeffizienz sind die Möglichkeiten enorm», heisst es in einem Dokument, das Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften an der diesjährigen Nationalen Fotovol-taiktagung präsentiert haben.

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Die Abschaltung der Atomkraftwerke verlangt weitere circa 20 bis 25 Terawattstunden Strom. Hinzu kommt der Ausstieg aus der fossilen Energie, den der Bundesrat bis 2050 als Ziel vorsieht und der gemäss Pariser Abkommen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts erreicht werden soll. Die Forscher rechnen mit weiteren 32 Terawattstunden zusätzlicher elektrischer Energie, wenn der Verkehr elektrifiziert wird und Wärmepumpen die Gebäude beheizen. Geht man davon aus, dass kein ausländischer Strom importiert wird, müssen in Zukunft also über 50 Terawattstunden zusätzlicher Strom fliessen.

Kritische Wintermonate

Der steigende Strombedarf könne durch Effizienz und den Zubau ­erneuerbarer Energie gedeckt werden, schreiben die Forscher. Das Potenzial der Sonnenenergie ist dabei höher als jenes der Wasserkraft. Die Fotovoltaikanlagen sollen vor allem auf Dächern von Wohnhäusern, Infrastrukturen und landwirtschaftlichen Gebäuden. Experten des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Davos und der ETH in Lausanne kamen vor kurzem zum Schluss, dass man dank effizienteren Produktionsbedingungen im Gebirge für die Produktion von 12 Terawattstunden Solarstrom ein Drittel weniger Platz benötigen würde als im ­Mittelland und die Produktionsmenge in den kritischen Wintermonaten höher wäre.

Der Winterstrom ist denn auch eine der grossen Unsicherheiten beim Umbau der Stromversorgung. Wie soll er durch erneuerbare Energie gedeckt werden? Die saisonale Speicherkapazität der Stauseen reicht nicht aus, um den steigenden Strombedarf im Winter zu decken. SP-Nationalrat Nordmann schreibt in seinem eben erschienenen Buch «Sonne für den ­Klimaschutz», dass ein Teil des Winterproblems durch eine kluge, saisonale Kombination der Wasserkraft mit der Fotovol­taik gelöst werden kann. Das ist aber bisher alles Theorie.

Erstellt: 02.09.2019, 20:08 Uhr

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