Hier lagern die radioaktiven Abfälle – ein Besuch im Zwischenlager

Der Bau eines Tiefenlagers ist ein ständiges Politikum. Von der provisorischen Lösung in Würenlingen spricht indes niemand. So funktioniert die Lagerung.

Blick in die Behälterlagerhalle des Zentralen Zwischenlagers, wo die Castoren mit hochaktivem Abfall stehen. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Blick in die Behälterlagerhalle des Zentralen Zwischenlagers, wo die Castoren mit hochaktivem Abfall stehen. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Es geht durch lange Gänge, in fahlem Licht, in einem blauen Overall und mit weissen Spezialschuhen. In der Brusttasche sind zwei Dosimeter, die während des Rundgangs die Belastung durch radioaktive Strahlung erfassen. Die Böden sind versiegelt. Die Reinigung soll möglichst einfach sein, damit wenig Staub in der kontrollierten Zone liegen bleibt.

Die Hallen des Zentralen Zwischenlagers für radioaktiven Abfall (Zwilag) im aargauischen Würenlingen liegen direkt an der Aare, einen Steinwurf von den Forschungseinrichtungen des Paul-Scherrer-Instituts entfernt. Den Personenempfang erreicht der Gast ohne Kontrolle. Weiter geht es dann nur noch mit Badge und über ein biometrisches Zutrittssystem. Punkto Sicherheit setzten die Betreiber auf Perfektion, nur das Beste sei gut genug, wird einem gesagt.

«Kritische Infrastruktur»

Die Sicherheit des Zwilag ist zum Thema geworden, seit Marcos Buser, Geologe und Experte für nukleare Entsorgung, ein Dauerzwischenlager vorschlägt. Denn er glaubt nicht mehr daran, dass bis 2060 in der Schweiz ein Tiefenlager für den in Würenlingen gelagerten nuklearen Abfall in Betrieb sein wird.

Das Zwilag, das durch die Betreiber der Schweizer Kernkraftwerke getragen wird, lagert den schwach bis hochaktiven Abfall der Kernkraftanlagen. Es zählt deshalb gemäss Kantonspolizei Aargau wie die Kernkraftwerke zu den «kritischen Infrastrukturen». Das heisst: Es gibt ein «polizeiliches Sicherheitsdispositiv». Details erfährt man verständlicherweise keine. Auf die Frage, ob das Zwilag gegen Terror sicher sei, geben die Fachleute der Betreiber keine Antwort: «Wir machen das, was das Gesetz vorschreibt, vielfach noch strenger.»

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Wer sich nicht konzentriert, ist im Zwilag verloren. Schon nach kurzer Zeit ist man orientierungslos. Gänge, Türen, Hallen. Vor einer Absperrung gibt es einen Halt. Die leere Lagerhalle ist für das schwach- und mittelaktive Material durch den Rückbau des AKW Mühleberg vorgesehen, das Ende Jahr vom Netz geht. «Wir haben genügend Platz für die Rückbauabfälle aller fünf Kernkraftwerke», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Christian Hösli.

Unter strenger Beobachtung

Kurze Zeit später stehen wir im gut 25 Meter langen Empfangsgebäude für ausgediente Brennelemente und hochaktiven ­Abfall. Hier wird das schwach- bis hochaktive Material angeliefert. Zwei- bis fünfmal im Jahr bringen spezielle Schwerlastwagen Behälter von Kernkraftwerken vom einen ­Kilometer entfernten Bahnanschluss ins Zwischenlager.

Hochaktive Brennelemente aus den Reaktoren der Schweizer Kernkraftwerke werden in Castoren angeliefert, wie die Behälter in der Umgangssprache genannt werden. «Die Überprüfung deren Dichtigkeit dauert im Minimum eine Woche», sagt Christian Hösli und zeigt auf die kleine Kamera hoch oben an der Wand. «Die Prüfung muss jeweils bei der Interna­tionalen Atomenergiebehörde (IAEA) angemeldet werden, sie überwacht dann von Wien aus unsere Arbeit.»

Zentral ist, den Druck des Heliums im Zwischenraum des Primär- und Sekundärdeckels über mehrere Tage zu prüfen (siehe Grafik). Das ist das Sicherheitssystem jedes einzelnen Behälters. Der Heliumdruck muss stets stabil sein. Fällt er auf einen gewissen Wert, gibt es einen Alarm. Dann ist mit einem Leck zu rechnen. «Die Behälter werden im Lager rund um die Uhr während 365 Tagen überwacht», sagt Christian Hösli.

Manche Behälter mit hochaktivem Abfall sind so warm wie ein Heizkörper im Winter.

Die Behälterlagerhalle mit den hochaktiven Abfällen grenzt unmittelbar an das Empfangsgebäude. Schutzüberzüge müssen über die Schuhe gestreift werden, weil in der Behälterhalle weniger auf Sauberkeit geachtet wird. Hier hat nicht der Raum oberste Sicherheitspriorität, sondern jeder einzelne Behälter. Rund 60 weisse Castoren stehen in dieser Halle, in Reih und Glied, Kapazität hat es für 200. Es ist ein Raum wie jeder andere auch, und trotzdem steht man mit grossem Respekt in diesem Gebäude. Hier ist atomarer Abfall gelagert, der dereinst für Hunderttausende Jahre in einem Tiefenlager vergraben werden soll, um die nächsten Generationen nicht zu belasten.

Die hochaktiven Abfälle geben im Lager noch bis zu 40 Jahre Wärme ab. Die Oberfläche der Castoren, die noch nicht allzu lange im Zwilag stehen, sind so warm wie ein Heizkörper in einer Wohnung im Winter. Zuhinterst in der Halle steht ein Behälter mit Brennelementen aus dem Forschungsreaktor Diorit des Paul-Scherrer-Instituts, der vor mehr als 40 Jahren in Betrieb war – die Castoroberfläche ist kalt.

Nur für 40 Jahre ausgelegt

Jeder Behälter hat seinen Platz, die Abstände dazwischen sind exakt berechnet. «Bei einem starken Erdbeben kämen sie ins Wanken, dabei dürfen sie sich nicht berühren», sagt Christian Hösli. Der Schwerpunkt der Behälter sei so gewählt, dass keine Kippgefahr bestehe.

60 Castoren stehen hier, jeder über 100 Tonnen schwer. Foto: Keystone

Auffällig ist der weisse Stahldeckel, der jeden Castor oben abschliesst. Die Fachleute reden vom Flugzeugabsturzdeckel. Selbst das Triebwerk eines grossen, auf die Halle stürzenden Flugzeugs könne dem Lagerbehälter nichts anhaben, meint der stellvertretende Geschäftsführer und nimmt Bezug auf eine internationale Studie. Auch bei Hochwasser seien die Behälter dicht. Stellen die Fachleute mikroskopisch kleinste Schwachstellen im Dichtungssystem fest, wird der Behälter in der «Heissen Zelle» überprüft – unter Aufsicht der Nationalen Sicherheitsbehörde Ensi und der internationalen Atomenergiebehörde IAEA. In diesem gegen Flugzeugabsturz gesicherten Raum werden dann die Lagerbehälter fernbedient repariert. «Seit Inbetriebnahme des Zwilag im Jahr 2001 kam noch kein Castor in die Heisse Zelle», sagt Hösli.

Die Betriebsbewilligung des Zwischenlagers ist unbefristet. Allerdings sind die Behälter für hochaktive Abfälle nur für einen Zeitraum von 40 Jahren ausgelegt. Die Abfälle werden nun aber teilweise länger in den Castoren aufbewahrt, weil der Betrieb des Tiefenlagers nach heutigem Stand eben erst ab 2060 geplant ist. Das Ensi hat deshalb vor wenigen Monaten einen Leitfaden für die Eigentümer der Castoren entwickelt, um ein gezieltes und umfassendes Alterungsmanagement zu betreiben. Das Programm soll alle zehn Jahre überprüft und auf den neusten technischen Stand gebracht werden. Ab 2021 sollen die Empfehlungen zu verbindlichen Richtlinien werden.

Nach zwei Stunden ist der Rundgang fertig. Die Dosimeter zeigen eine Belastung von zwei Mikrosievert, das ist ein Bruchteil der Werte in der Natur. Bei so viel Sicherheit fragt man sich, warum die Abfälle überhaupt in ein Tiefenlager müssen. Darauf geben die Fachleute im Zwilag keine Antwort: «Wir machen das, was das Gesetz vorschreibt, vielfach noch strenger.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.04.2019, 14:58 Uhr

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