«Die Mondlandung war der ultimative menschliche Erfolg»

Warum die zum Scheitern verurteilte Apollo-Mission zum Erfolg wurde – und was Einzelne daraus lernen können. Gespräch mit Psychologe Richard Wiseman.

«Die Leute waren immer wieder mit dem Unerwarteten konfrontiert»: Astronaut Buzz Aldrin im Juli 1969. Foto: Reuters

«Die Leute waren immer wieder mit dem Unerwarteten konfrontiert»: Astronaut Buzz Aldrin im Juli 1969. Foto: Reuters

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Herr Wiseman, vor genau 50 Jahren haben Menschen erstmals den Mond betreten. Was ist denn so besonders an der Apollo-Mission, dass es sich lohnt, deren psychologische Erfolgsfaktoren anzuschauen?
Die Apollo-Mission war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. 1961 waren die Amerikaner gerade mal in der Lage, einen Astronauten in einem 15-minütigen Flug auf eine Höhe von 187 Kilometern zu bringen. Dann hielt Präsident Kennedy 1962 seine berühmte Rede, in der er für das Ende des Jahrzehnts die bemannte Mondlandung ankündigte. Der Mond ist 380'000 Kilometer von der Erde entfernt. Eigentlich war es völlig irrwitzig, damals so etwas anzukündigen. Dennoch haben die Leute das geschafft. Das war quasi der ultimative menschliche Erfolg.

In Ihrem Buch konzentrieren Sie sich aber nicht auf die Stars wie Neil Armstrong und Buzz Aldrin, sondern auf die Menschen im Hintergrund.
Das hat mehrere Gründe. Einerseits sagte mir eine Freundin, die sich sehr für die Apollo-Missionen interessiert, das Kontrollzentrum sei das Herz der Apollo-Mission gewesen. Wenn ich etwas über die Psychologie erfahren wolle, müsse ich mit diesen Leuten reden. Anderer­seits sind die Astronauten hoch selektierte Individuen, die bereit waren, ihr Leben zu riskieren. Für mich als Psychologe sind diese Stars allerdings nicht so interessant. Mich fesselt vielmehr, wie man normale Menschen dazu bringt, etwas Unglaubliches zu vollbringen. Das ist der rote Faden meiner Forschung der letzten 10 oder 15 Jahre.

Die Leute im Kontrollraum waren gewöhnliche Menschen?
Im Grunde ja. Das war eine gewöhnliche Gruppe junger Menschen, die zusammenkam und Grossartiges leistete.

In der Tat waren die Flugkontrolleure sehr jung, im Mittel 27 Jahre alt.
Sie waren im Mittel 27 oder 28 Jahre alt, als Armstrong den Mond betrat. Als die Nasa sie rekrutiert hat, waren sie erst rund 21 Jahre alt.

Hat die Nasa bewusst so junge Leute eingestellt?
Ja. Einer von ihnen, Jerry Bostick, sagte mir: «Wir waren so jung, wir hatten keine Ahnung, dass die Apollo-Mission unmöglich war. Als Präsident Kennedy uns sagte, wir sollten einen Weg zum Mond finden, haben wir einfach in die Hände gespuckt und angefangen. Wir nahmen einfach an, es sei möglich, weil unser Präsident uns gesagt hat, dass wir auf den Mond gehen.»

Die Nasa setzte auf Naivität?
Den Jungen fehlte die Skepsis, die erst aufkommt, wenn man mehr Erfahrung hat. Hätten sie gewusst, worauf sie sich einlassen, hätten viele vielleicht gar nicht erst begonnen. Das ist ein Schlüssel ihres Erfolgs: Sie haben an sich geglaubt. Und sie hatten eine Bereitschaft zu lernen und sich zu verändern.

Was waren das für Menschen, diese Flugkontrolleure?
Viele von ihnen waren die Ersten in ihrer Familie, die einen Universitätsabschluss hatten. Meist kamen sie aus eher bescheidenen Verhältnissen, aus ländlichen Gegenden. Sie waren keine Egoisten, sie wollten zusammenarbeiten oder, wie einer gesagt hat: «Wir wollten etwas tun, nicht etwas sein.» Ihre Einstellung war: Wie löse ich dieses Problem? Und nicht: Wie sage ich meinem Chef, dass ich es nicht lösen kann?

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass diese Flugkontrolleure oft etwas kurz angebunden waren.
Ja. Diese Leute wurden darauf trainiert, so wenig wie möglich zu sagen. Denn oft hatten sie nur Sekunden, um etwas zu kommunizieren. In einem Gespräch fragte ich zum Beispiel einen Techniker, ob es stimmt, dass man ihnen beigebracht habe, mit möglichst wenigen Worten auszukommen. Nach kurzem Nachdenken sagte er: «Ja.»

Hat sich die Kürze ausgezahlt?
Durchaus. Nach einer Fehlermeldung des Steuercomputers musste der 26-jährige Steve Bales entscheiden, ob man die Mondlandung von Apollo 11 abbrechen sollte. Dafür hatte er nur acht oder neun Sekunden Zeit. Die Qualität der Kommunikation mit den Astronauten war schlecht. Eine falsche Entscheidung könnte zwei Astronauten in den Tod schicken. Bales erkannte, dass die Fehlermeldung nicht schwerwiegend war, und sagte den Astronauten nur ein Wort: «go!» Das war alles, was Armstrong und Aldrin hören mussten. Diese Reduktion auf das Minimalste steckt den Leuten heute noch in den Knochen.

Richard Wiseman erklärt ein Apollo-Geheimnis: «Sie hatten eine Bereitschaft zu lernen und sich zu verändern.» Foto: Andrea Artz (Laif)

Wie gingen die Leute mit Fehlern um?
Wenn Fehler gemacht wurden, standen sie auf und sagten: «Ich habe einen Fehler gemacht.» Das war eine ganz andere Fehlerkultur, als es in vielen heutigen Organisationen der Fall ist. Heute verbringt man viel Zeit damit, den Kollegen die Schuld zuzuweisen, weil man befürchten muss, den Job zu verlieren, wenn man sagt, man habe einen Fehler gemacht. Das war bei der Nasa das genaue Gegenteil.

Einmal brach ein Feuer aus.
Das war bei Apollo 1. Drei Astronauten starben. Da wurden definitiv falsche Entscheidungen getroffen. Danach hat sich die Denkweise der Leute geändert, manche verliessen den Kontrollraum. Diejenigen, die blieben, sagten sich: Wenn wir nicht weitermachen, dann sind unsere drei Kollegen umsonst gestorben. Wir sollten weitermachen, aber wir sollten etwas daraus lernen.

Hatte man hier zu waghalsig agiert?
Es gibt einen Unterschied zwischen Waghalsigkeit und dem Eingehen von Risiken. Die Leute im Kontrollraum wussten, welche Risiken sie eingehen. Auch die Astronauten waren sich dessen bewusst. Die Leute waren aber niemals waghalsig. Es wäre undenkbar gewesen, Menschen einem nicht akzeptablen Risiko auszusetzen. Aber eine hundertprozentige Sicherheit gab es nie. Einer der Kontrolleure hat gesagt: «Wenn man auf den Mond möchte, dann muss man an einem Punkt sagen, jetzt gehen wir.» Ich denke, die Leute haben durch Apollo 1 gelernt, diese Wahrscheinlichkeiten auszubalancieren.

Als einen von acht psychologischen Erfolgsfaktoren haben Sie die Leidenschaft identifiziert.
Diese Leute haben ihr Leben der Aufgabe gewidmet, Menschen auf den Mond zu bringen. Als ich sie über Mode, News oder Musik in den 1960er-Jahren befragte, wussten sie nichts darüber. Deren Problem war nicht, jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Das Problem war eher, wieder nach Hause zu kommen. Diese Leidenschaft war enorm wichtig.

Die Arbeit war deren Lebensinhalt?
Sie sahen in ihrer Tätigkeit einen Sinn. Sie wollten die Grenzen des technisch Machbaren hinausschieben.

«Die Astronauten hatten kaum Werkzeug an Bord, denn die Mondkapsel musste so leicht wie möglich sein.»

Wenn man einen eher einfachen Job hat, etwa in einem Supermarkt arbeitet, ist es wohl schwieriger, darin eine Bedeutung zu finden.
Das ist vielleicht nicht der sinnstiftendste Job, bis man bemerkt, dass ein Kundengespräch für manche Kunden der einzige menschliche Kontakt dieses Tages ist. Das kann etwas Bedeutendes sein, wenn man bedenkt, wie viel Einsamkeit es heute in der Welt gibt. Ich denke, jeder muss für sich schauen, wo seine Leidenschaft liegt und was er als sinnstiftende Aufgabe erlebt. Dann ist vieles möglich. Das ist eine Lektion, die wir von Apollo lernen können.

Manchmal kommt es im privaten oder beruflichen Leben bekanntlich anders, als man denkt. Lehrt uns Apollo auch etwas über den Umgang mit Überraschungen?
Ja. Die Leute waren immer wieder mit dem Unerwarteten konfrontiert. Zum Beispiel, als vermutlich Buzz Aldrin einen Schalter in der Mondkapsel abgebrochen hat, als diese noch auf dem Mond stand.

Der Schalter war nötig, um das Triebwerk startklar zu machen.
Genau. Das war ein absolutes Desaster. Die Astronauten hatten kaum Werkzeug an Bord, denn die Mondkapsel musste so leicht wie möglich sein. Da hat man sich jahrelang vorbereitet, viele Milliarden investiert, und trotzdem geht etwas schief. In diesem Moment muss man gedanklich flexibel sein, da ist Improvisation gefragt, man muss mit dem Ungewissen fertig werden. Die Welt ist nun mal ein Ort, an dem nicht vorherseh­bare Dinge passieren. Aldrin konnte den Schalter mithilfe eines Filzstifts, den er bei sich hatte, umlegen.

Gibt es eine psychologische Lektion von Apollo, die für Sie persönlich besonders wichtig ist?
Ich würde sagen, die Bescheidenheit. Heute ist es so, dass wir uns wegen der sozialen Medien viel um uns selber drehen. Es geht darum, dass ich dies oder das like, den Followern mitteile, dass ich dies denke, das erreicht habe und so aussehe. Wir posaunen heraus, wie erfolgreich wir sind. Die Leute im Kontrollzentrum wollten indes gar nicht über ihre eigenen Errungenschaften sprechen. Wenn, dann sprachen sie immer im Plural, wir haben das getan, als Team. Sie hatten als Team Erfolg oder sind als Team gescheitert. Ich denke, das ist aus heutiger Sicht ungewöhnlich. Das hat mir die Augen geöffnet.

Nun wollen die Menschen zurück zum Mond und dann weiter zum Mars. Geschieht das heute unter einer anderen geistigen Haltung als damals?
Ich bin kein Raketenwissenschaftler und kann daher nicht beurteilen, wie realistisch es ist, zum Mars zu gelangen. Zurück zum Mond zu gehen, erscheint mir heute indes keine so spannende Vision zu sein, denn wir waren ja schon dort. Ich denke, eine Vision näher bei unserer Heimat wäre viel besser.

Zum Beispiel?
Wir könnten die grossen Probleme der Menschheit wie den Klimawandel und die Armut wirklich in Angriff nehmen. Für die Leute im Kontrollzentrum war klar: Wenn sie es schaffen, Menschen auf den Mond zu bringen, dann werden sie für immer als jene Generation in Erinnerung bleiben, die das geschafft hat. Das sei ein Grund gewesen, erzählten sie mir, warum sie sich so ins Zeug gelegt hatten. Und das stimmt absolut: Heute, 50 Jahre später, reden wir darüber. Es gibt nicht viele Dinge, über die man nach 50 Jahren noch spricht. Wir sollten uns fragen: Wofür werden wir in die Geschichte eingehen? Wie wird man in 50 Jahren rückblickend über uns reden? Das ist für mich als Psychologe eine interessante Frage.

Erstellt: 20.07.2019, 13:19 Uhr

Bestsellerautor und Zauberkünstler

Der Psychologe Richard Wiseman (52) leitet das Forschungszentrum der Psychologischen Fakultät an der University Hertfordshire (GB). Der Brite, einst professioneller Zauberkünstler, hat Bestseller geschrieben, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden, darunter «Wie Sie in 60 Sekunden Ihr Leben verändern». In seinem neuesten Buch «Sprung auf den Mond» erläutert er acht «Apollo-Prinzi­pien», mit denen wir das Unerreichbare im eigenen Alltag schaffen können. (red)

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