Der durchleuchtete Rubens

Wird ein wichtiges Gemälde restauriert, erforschen Experten seine Entstehungsgeschichte. Und kommen zu verblüffenden Einsichten.

Philemon und Baucis, das alte Paar aus der griechischen Mythologie, schafften es erst in der letzten Ausbauphase aufs Bild. Foto: Kunsthistorisches Museum Wien

Philemon und Baucis, das alte Paar aus der griechischen Mythologie, schafften es erst in der letzten Ausbauphase aufs Bild. Foto: Kunsthistorisches Museum Wien

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Man kann sich dieser dramatischen Landschaft als unvoreingenommener Betrachter nähern. Dann sieht man das Gewitter, dessen Wassermassen einen Bach anschwellen lassen, entwurzelte Bäume, das eingeklemmte Rind, den Mann, der sich mit letzter Kraft an einem Baumstamm klammert, und rechts am Ufer des reissenden Bachs ein Paar, das sich gerettet hat.

Wer aber die Gewitterlandschaft wie die Wiener Restauratorin Elke Oberthaler mit fachlichem Blick studiert, sah bis vor kurzem ein ganz anderes Drama: Zentimeterbreite Spalten klafften in der Landschaft – und kein Sturm hat sie verursacht. Das Holz, auf das Peter Paul Rubens (1577–1640) sein berühmtes Bild gemalt hatte, war im Lauf der Jahre unter Spannung geraten und gerissen.

Die Forscher entdeckten, dass der Künstler eine wichtige Szene komplett übermalte.

Die «Gewitterlandschaft mit Philemon und Baucis» ist eine der grössten Landschaftsdarstellungen des flämischen Malers. Rubens hatte vermutlich von etwa 1625 an bis kurz vor seinem Tod daran gearbeitet. Schon im 19. Jahrhundert waren ältere Risse mit Kitt geschlossen und übermalt worden. Doch trotz optimaler Klimabedingungen im Museum traten in den vergangenen Jahrzehnten neue Schäden auf. «Wir haben lange gezögert, es zu restaurieren», sagt Elke Oberthaler, ­Leiterin der Gemäldegalerie im Kunst­historischen Museum Wien.

Doch als die amerikanische Getty Panel Paintings Initiative ihre Hilfe zusagte, entschlossen sich die Restauratoren vor drei Jahren, es zu wagen. Sie analysierten das Gemälde bis ins kleinste Detail und entdeckten verblüffende Dinge über seine Entstehungsgeschichte. Von Herbst 2017 an wird das aufwendig restaurierte Bild den krönenden Abschluss der grossen Rubens-Ausstellung bilden.

Vergrössertes Bild

Überall in den Räumen der Restaurierwerkstätten stehen in einem gut gesicherten Trakt des Museums Dutzende wertvolle Gemälde, auf zum Teil fahrbaren Staffeleien und auf dem Boden entlang der Gänge. Dazwischen befinden sich Schreibtische mit Büchern und Skizzen, Rollwägen oder kleine Tische mit Tinkturen, Lösungen, Pinseln, Farben. Vor dem Original der «Gewitterlandschaft» sitzt die Restauratorin Ina Slama und tupft vorsichtig mit feinem Pinsel grünliche Gouachefarbe aufs Gemälde.

Neben dem Original hängt das Bild in mehrfacher Kopie, in Schwarzweiss etwa, mit seltsamen weissen Linien im Bild oder in blaugrünes Licht getaucht. Die Aufnahmen zeigen die Anatomie des Bildes. Mithilfe von Röntgen- und Infrarotlicht können die Experten ver­borgene Elemente des Bildes sichtbar machen. Mithilfe von Querschliffen, Röntgenfluoreszenz oder sogar im Ras­tertunnelmikroskop untersuchen sie Farbpigmente und Bindemittel, schliessen so auf Originalfarben und spätere Eingriffe.

«Seine Korrekturen haben fast etwas Schlampiges.»Ina Slama, Restauratorin

Die Ergebnisse verblüfften die Restauratoren. Rubens hatte sein Gemälde im Lauf der 20 Jahre, in denen er daran arbeitete, offenbar mehrmals flächenmässig erweitert. Am Ende bildeten 17 Eichenholzbretter das Rückgrat des Bildes. «Anfangs war da nur eine kleine Landschaft mit Gewitterwolke und keine mythologische Szene», erklärt Elke Oberthaler. Lediglich 66 mal 85 Zentimeter mass das Bild zunächst. Zweimal liess Rubens Bretter anstückeln, um am Ende auf einer fast sechsmal so grossen Fläche seine sintflutartige Szenerie verwirklichen zu können. 1,47 mal 2,08 Meter misst das Werk seitdem.

Die Experten fanden nun auch die Ursache für die dramatischen Risse: Quer- und Längsbretter stossen direkt aneinander. Diese Zusammenstellung der Tafeln widerspricht allen Regeln des Handwerks. «Der von Rubens beauftragte Tafelmacher musste hier wissentlich einen groben handwerklichen Fehler begehen», sagt Slama. «Offenbar leistete sich Rubens bei seinen privaten Bildern den Luxus, nicht den Zunftregeln entsprechen zu müssen.»

Eine Erklärung könnte sein, dass Rubens, der als sehr sparsam, wenn nicht geizig galt, das Bild auf Bretter malte, die von anderen Arbeiten übrig geblieben waren. Die Bretter stammen wohl von verschiedenen Eichenholzstämmen, vermutlich aus dem Baltikum. Um noch mehr zu erfahren, wollen die Wiener Experten die einzelnen Tafeln mithilfe der Dendrochronologie genauer zuordnen. «Damit könnte es nicht nur möglich sein, exakt das Jahr zu bestimmen, in dem die verwendeten Bäume gefällt wurden», sagt Georg Prast, «sondern aufgrund der Klimazonen auch die Regionen.»

Reiter mit Zipfelmütze

Stück für Stück kommen die Forscher den Geheimnissen des Bildes auf die Spur. So entdeckten sie, dass der Künstler einst eine wichtige Szene komplett übermalte. Das Liebespaar Philemon und Baucis war anfangs offenbar gar nicht eingeplant. Röntgenaufnahmen zeigen an ihrer Stelle drei Reiter, einer trug eine auffällig leuchtende Zipfelmütze. Anscheinend sollte er vor der Sintflut über einen Waldweg den Hang hoch fliehen. Darauf deuten Farbpigmente aus verdeckten Malschichten, die ein Betrachter im Museum nie sehen wird.

Die Restauratoren wollten nun auch wissen, welche Farben und Pigmente Rubens einst für die Reiter verwendete. So lässt sich indirekt folgern, ob die Figuren nur grob skizziert oder schon intensiv gestaltet waren. Hierfür nutzten sie die Röntgenfluoreszenzanalyse: Die hochenergetische Strahlung regt punktuell bestimmte, in den meisten Pigmenten und Farbmischungen enthaltene Elemente wie Eisenverbindungen, Zinn oder Blei an, woraufhin diese dann eine charakteristische Wellenlänge abstrahlen.

Anderer Pinselstrich im Alter

So fanden die Experten heraus, dass Rubens für die Kappe des Reiters einen zarten Gelbton verwendet hat, das Bleizinngelb. «Die Szene war schon sehr weit ausgestaltet», sagt Ina Slama. In Ausnahmefällen entnehmen die Restauratoren auch winzige Proben an Stellen, die sie eh überarbeiten müssen, und untersuchen den Querschliff mithilfe eines Rasterelektronenmikroskops.

Stundenlang sitzen sie wie Ina Slama mit Pinsel und Vergrösserungsglas vor dem Rubens-Gemälde. «So kommt man dem Maler schon sehr nahe», erzählt Slama. Sie schwärmt von seinem Spiel mit Nähe und Tiefe. Man spüre auch, wie sich die Haptik der Malerei im Lauf der Jahrzehnte gewandelt habe. «Im Alter war sein Pinselstrich häufig etwas offener, rauer. Seine Korrekturen haben fast etwas Schlampiges», sagt Slama.

Wenn man nach etwa dreijähriger Arbeit mit den Restauratoren vor dem fast fertigen Bild steht, spürt man, wie stolz die Beteiligten sind. «Wir sind so glücklich mit dem Ergebnis», sagt Elke Oberthaler. Es ist, als hätte nicht nur Philemon mit seiner Liebsten Baucis einen Sturm überstanden, sondern auch das Gemälde selbst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2017, 17:58 Uhr

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